Durchgelesen: Matt Sumell – „Wunde Punkte“


Autor Matt Sumell

Wunde Punkte Matt Sumell Kritik Rezension

Nach preisgekrönten Erzählungen ist „Wunde Punkte“ der erste Roman von Matt Sumell.

Titel Wunde Punkte
Originaltitel Making Nice
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Alby wird der Ich-Erzähler in Wunde Punkte genannt. Eigentlich heißt er Albert, und die Verniedlichung wirkt schon nach ein paar Seiten dieses Romans höchst erstaunlich. Denn dieser Alby/Albert ist gewalttätig, vulgär, impulsiv und rücksichtslos. Er hat ein beeindruckendes Register von Verkehrssünden vorzuweisen und betrank sich schon, bevor er ein Teenager wurde. Er schlägt seine ältere Schwester Jackie und beleidigt seinen jüngeren Bruder AJ. Er macht sich über seinen Vater lustig, der bei einem Motorradunfall ein Bein verloren hat und seitdem medikamentensüchtig und depressiv ist, mittlerweile womöglich auch dement. Er hat nicht einmal mit seiner Mutter Erbarmen, die im Sterben liegt und mit ihm ebenso hart ins Gericht geht.

Matt Sumell, der an der University of California Creative Writing studiert und für seine Erzählungen zahlreiche Preise bekommen hat, erschafft mit diesem Alby eine extrem faszinierende Hauptfigur für seinen ersten Roman. Alby ist ungestüm, sprunghaft und derb. Man kann auf den ersten Seiten fast noch glauben, man habe es hier mit einem klinischen Problem zu tun, mit Tourette oder Autismus, bis man merkt: Er ist jemand, der einfach nur böse, gelangweilt und gnadenlos ehrlich ist. „Irgendwann auf meinem Weg hatte ich die Fähigkeit verloren, mich zu entspannen, meinem Körper zu erlauben, still zu sein, mich auszuruhen. Es ist nicht so, dass ich mehr Energie hätte, als ich zu nutzen wüsste, denn das habe ich nicht. Es ist so, dass mein Körper sich unwohl fühlt. Es ist nicht unbedingt Schmerz, aber eine kribbelnde Irritation der Muskeln, und mir wird – wenn im Ruhezustand – auf unerträgliche Weise bewusst, wie unwohl ich mich fühle“, erkennt Alby an einer Stelle.

Es ist diese Fähigkeit, sein eigenes Nicht-Funktionieren zu reflektieren, die Wunde Punkte so aufwühlend macht. Alby ist durchaus zu Humor und Lachen in der Lage, auch zu Selbstironie („Im November starb die Mutter meines Vaters, und im Dezember betrank er sich und versuchte, in einem Baum zu schlafen. Er fiel herunter. Ihr wisst ja, was sie über Äpfel sagen“, ist ein gutes Beispiel dafür). Neben all der Verwirrung und Verachtung ist in seinem Wesen durchaus auch viel Platz für das Bedürfnis nach Harmonie und Liebe, wenn er seine greise Großmutter besucht oder sich um einen verletzten Vogel kümmert. Aber die prägenden Erlebnisse in seinem Leben sind Verlust, Schmerz und Enttäuschung. „Vielleicht könnte Mathe mir dabei helfen zu verstehen, warum ich – nach so langem Leiden – nicht besser im Leiden werde. Aber ich werde es nicht. Jedes Mal werde ich es nicht“, lautet seine Erfahrung.

Wunde Punkte ist ein wunderbarer Titel für die deutsche Ausgabe, die von Britt Somann-Jung übersetzt wurde. Der Originaltitel Making Nice passt ebenso gut und legt den Fokus auf einen anderen Aspekt dieses Romans, nämlich Albys Versuch, sich zu integrieren. Er spürt die Faszination für Tod, Gewalt und Abweichung überall im Land, von überfahrenen Tieren auf der Straße bis zu Obdachlosen, die auf der Flucht vor einer Kontrolle von der Polizei erschossen werden. Und er versteht nicht, warum er als Sonderling wahrgenommen wird, wenn er selbst von Tod, Gewalt und Abweichung besessen ist.

Matt Sumell, von Publishers Weekly für diesen Roman als „eine neue atemberaubende Stimme“ gefeiert, findet eine großartige Form, um diese Verwirrung auszudrücken. Banalitäten wie Saubermachen oder Rasenmähen bekommen genauso viel Gewicht wie einschneidende Momente in Albys Biographie. Was ist wichtig, was ist unbedeutend? Wie sehr Alby mit den Antworten auf diese Fragen (also mit dem Erwachsenwerden) ringt, wird so auf sehr originelle Weise deutlich. Noch stärker wirkt die Weigerung des Autors, für Wunde Punkte eine klar umrissene Zeit vorzugeben. Zu Beginn des Buches ist Alby 30, dann altert er, wohl um Jahre, er erinnert sich an Episoden seines Erwachsenenlebens, bei denen klar ist, dass sie schon Jahre zurück liegen. Aber das sind die einzigen Koordinaten, an denen man die Spanne der erzählten Zeit abschätzen kann.

Wenn es für Alby so schwer ist, sich in der Welt zu orientieren, dann soll es dem Leser auch nicht einfacher gemacht werden, sich in diesem Roman zurechtzufinden, ist offensichtlich die Idee dahinter. Zugleich hat es noch einen anderen Effekt: Alles wirkt ewig, auf einer erdrückende Weise statisch. Albys Leben scheint eher in Spiralen zu verlaufen als auf einer Linie mit einem klar definierten Ziel. Dieses Kreisförmige wird auch in den zahlreichen Bezügen auf die Gesetze der Natur herausgestellt, auf das Auf und Ab von Wachsen und Vergehen, das Albys Leben für ihn selbst erst recht winzig erscheinen lässt. Hat man zu Beginn dieses Romans den Verdacht, dass irgendetwas an diesem Ich-Erzähler auf verstörende Weise deformiert ist, so kennt man am Ende des Buches die Ursache dafür: Es ist die Welt, in der er lebt.

Bestes Zitat: „Manchmal wirkt die ganze Welt kaputt, du und ich eingeschlossen. Es verknotet mir das Gehirn auf eine Weise, die mich wütend macht.“

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