Durchgelesen: Max Monnehay – „Dorf der Idioten“


"Dorf der Idioten" ist ein sehr origineller Protest gegen die Konvention.

„Dorf der Idioten“ ist ein sehr origineller Protest gegen die Konvention.

Autor Max Monnehay
Titel Dorf der Idioten
Originaltitel Géographie de la bétise
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Literarische Figuren, die Pierrot heißen, gibt es seit fast 500 Jahren. Bei Molière kommt ein Pierrot vor, bei Gustave Flaubert und bei Ludwig Tieck. Einem Pierrot wie dem von Max Monnehay ist man aber noch nie begegnet: In Dorf der Idioten, ihrem zweiten Roman, ist Pierrot kein bemitleidenswerter Clown, sondern ein charismatischer Sektenführer.

So kann man ihn zumindest bezeichnen, als er eines Tages beschließt, einen Ort zu gründen, der schrägen Vögeln wie ihm vorbehalten bleiben soll. Den Dorfdeppen, den Außenseitern, den Idioten. Dank einer reichen Erbschaft kauft er ein Grundstück mit verlassenen Häusern und wirbt per Zeitungsanzeige für seine Idee. Sein Aufruf stößt auf enorme Resonanz: „Pierrot hatte einer ganzen Gemeinde, die bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass sie eine war, eine Prise Hoffnung verabreicht. An jenem Abend hatte in jedem französischen Dorf ein Idiot den Kopf erhoben. Überall im Land hatten Männer und Frauen ihre Zugehörigkeit entdeckt. In wenigen Minuten hatte ein einziger Mensch ein ganzes Volk geschaffen“, schreibt Monnehay.

In ganz Frankreich holt Pierrot also seine Gesinnungsgenossen ab. Der erste, den er aufsammelt, ist Bastien, der in den 25 Jahren seines Lebens bisher fast nichts als Demütigung erlebt hat, bis zum Erbrechen satt ist von Enttäuschungen und zum Ich-Erzähler des Romans wird. 71 andere Interessenten kommen danach noch dazu und bilden das Reservat der Sonderlinge.

Die Einwohner im Dorf der Idioten genießen es, plötzlich nicht mehr wegen ihrer Macken begafft und verspottet zu werden und gestalten sich ein Leben nach ihren eigenen Regeln, ein beinahe paradiesisches Gemeinwesen. Das Dorf gilt für den Rest der Welt erstaunlicherweise nicht als obskures Ghetto, sondern als derart verheißungsvoll, dass es immer neue Bewerber gibt, die ebenfalls einziehen wollen – doch um aufgenommen zu werden, müssen sie vorher nachweisen, dass sie wirklich richtig dumme Deppen sind, und nicht bloß Simulanten. Auch dank dieses besonderen Idiotentests herrscht im Dorf fast perfekte Harmonie. Bis Bastien einen folgenschweren Fehler macht.

Die Utopie vom Leben im Dorf ist sehr originell, noch spannender ist in diesem Buch aber die Frage, wie und warum die Einwohner dorthin gelangt sind. Max Monnehay geht sehr geschickt der Dynamik von Beziehungen und den Mechanismen von Abgrenzung und Gruppenidentitäten auf den Grund. „Wir suchen in dem anderen nicht nur das, was wir mit ihm gemeinsam haben könnten. Nein, wir suchen bei ihm die Unterschiede, die uns vom Rest der Menschheit trennen und die wir mit ihm gemeinsam haben“, schreibt sie an einer Stelle.

Als Idioten wurden ihre Figuren in ihrem alten Leben belächelt, weil sie das Wahre und das Glück suchen und sich nicht bloß mit der Simulation davon begnügen oder gar mit Selbsttäuschung. Nach dem Aufruf von Pierrot lassen sie alle die Ruinen ihres Lebens zurück, ihren Frust und ihre Verzweiflung und entwickeln im Dorf das Gefühl, vielleicht jetzt erst in einer Welt angekommen zu sein, in der nicht alles leer und fremd ist.

Monnehay, Jahrgang 1981, findet sprachlich eine wunderbare Form für diese Fabel: Dorf der Idioten ist wie mit großen Augen geschrieben, einem staunenden, hungrigen, aber nicht naiven Blick auf das Leben. Es gibt viele kurze Sätze und eine ganz einfache Sprache. Nicht selten wird es auch derb, dann ergeht sich der Ich-Erzähler in Kraftausdrücken und einer Aggressivität, die manchmal auch zur Folge hat, dass der Leser direkt angesprochen und wegen seiner Vorurteile oder Assoziationen zur Rede gestellt wird.

Zwischendurch gibt es immer wieder die Definitionen banaler Begriffe, die Bastien aus einem riesigen Wörterbuch seiner Mutter zitiert, als wolle er beweisen: Ich habe etwas begriffen, ich kann etwas begreifen. Einzelne Sätze tauchen mehrfach in diesem Roman auf, sodass sie wie kleine Weisheiten in einem einfältigen Leben erscheinen.

All das macht Dorf der Idioten zu einem sehr originellen und unterhaltsamen Roman, zudem zu einem riesigen Protest gegen die Konvention. Max Monnehay zeigt nicht zuletzt auch: Intelligenz ist bei weitem nicht bloß Veranlagung, sondern ein soziales Produkt, das Fürsorge, Bildung und Menschlichkeit als Voraussetzungen benötigt, also all die Dinge, die diesen Idioten zeitlebens verwehrt wurden von ihrer Umwelt – also von uns. Was natürlich die Frage aufwirft, wer die wahren Idioten sind.

Bestes Zitat: „Es heißt, man könne sich nicht totschämen. Das ist falsch. Scham ist der hinterhältigste Mörder, den es gibt. Sie nagt an deinem Ego, zehrt es auf, Stück für Stück, bis nichts mehr von dir übrig bleibt als grenzenlose Verachtung für die eigene Person.“

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