Durchgelesen: Melanie Raabe – „Die Wahrheit“


Autor Melanie Raabe

Die Wahrheit Melanie Raabe Rezension Kritik

„Die Wahrheit“ ist der zweite Roman von Melanie Raabe.

Titel Die Wahrheit
Verlag BTB
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Gerade war sie beinahe darüber hinweg. Sarah ist 37 und arbeitet als Lehrerin in Hamburg. Ihr Ehemann Philipp Petersen ist vor sieben Jahren auf einer Dienstreise nach Südamerika verschwunden. Die Behörden gehen davon aus, dass der schwerreiche Geschäftsmann entführt wurde. Seitdem versucht Sarah, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie den Rest ihres Lebens ohne ihn verbringen und den gemeinsamen Sohn Leo alleine großziehen muss.

Sie hat sich halbwegs arrangiert mit dieser Situation: Ihre beste Freundin Miriam gibt ihr Halt. Um Geld braucht sie sich keine Sorgen zu machen, weil sie auf das Vermögen ihres Gatten zurückgreifen kann. Mit dem smarten Arbeitskollegen Mirko könnte sie sich vielleicht sogar eine neue Beziehung vorstellen. Genau in diesem Moment, als Sarah bereit ist, den nächsten Abschnitt in ihrem Leben zu beginnen, erhält sie einen Anruf, der alles auf den Kopf stellt: Philipp ist am Leben, er wurde in Südamerika gefunden und wird schon in wenigen Tagen in Hamburg ankommen.

Schon mit dieser Ausgangssituation schafft Melanie Raabe in ihrem heute erscheinenden zweiten Roman ein Gefühl der ultimativen emotionalen Erschütterung. Aber was die 1981 in Jena geborene Autorin, deren Debüt Die Falle ein mehrfach preisgekrönter Bestseller war, dann nach rund 80 Seiten für eine Pointe folgen lässt, ist selbst für den Albtraum eines sehr fantasiebegabten (und sehr ängstlichen) Menschen viel zu gruselig: Der in tausenden Momenten, unzähligen Tagen und Nächten herbeigesehnte Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht Philipp. Es ist ein Fremder, der sich als Sarahs Ehemann ausgibt – und im Schock dieser Erkenntnis, zudem überwältigt vom Medieninteresse, das die Rückkehr des prominenten Entführungsopfers ausgelöst hat, ist sie nicht in der Lage, sofort auf diesen Schwindel hinzuweisen.

Der Fremde zieht bei ihr ein, er erpresst und bedroht Sarah, ohne zu benennen, was das Ziel seiner Aktion ist. „Er ist wie eines dieser Tiere, die in ein fremdes Ökosystem eindringen und es von innen heraus zerstören“, erkennt die Ich-Erzählerin, doch es fällt ihr schwer, sich gegen diese Invasion entschieden zur Wehr zu setzen. Das liegt zum einen an Fragen über Wahrnehmung, Erinnerung, Angst und Verdrängung, die im Zentrum von Die Wahrheit stehen. Wie weit können wir unseren Gefühlen trauen? Wie wahr ist das, was wir für die Wahrheit halten? Was macht unsere Identität aus? Aus den Unschärfen der Antworten darauf bezieht dieser Roman seinen Reiz.

„Was weiß er, was ich nicht weiß? Wie gut kannte ich meinen Mann? Wie gut kenne ich mich selbst?“, fragt sich Sarah, doch einem entschlossenen Widerstand gegen den Fremden, etwa durch einen Anruf bei der Polizei, steht neben diesen Zweifeln und der bedrohlichen körperlichen Präsenz des Eindringlings noch etwas im Weg: die dunkle Vergangenheit mit der Ahnung eigener Schuld und Angreifbarkeit. Sarah will, das wird dem Leser schnell klar, etwas verdrängen. Der Fremde will unverkennbar etwas rächen. Was beide dabei auf perverse Weise verbindet, ist die Idee, mit ihrer Verdrängung/Rache etwas gutzumachen. Der Leser ahnt, dass dieses „Etwas“ bei beiden dasselbe Geheimnis ist, dass genau in diesem „Etwas“ die Verbindung zwischen ihnen besteht – und daraus erwächst die enorme Spannung dieses Thrillers.

Melanie Raabe inszeniert in Die Wahrheit ein spektakuläres Duell, zugleich eine beinahe makabre Liebesgeschichte. Neben der hoch originellen Ausgangssituation profitiert das Buch von feurigen Dialogen, einer fast klaustrophobischen Atmosphäre in der vordergründig so beschaulichen Familienvilla, vor allem aber von vielen Volten des Plots. Immer dann, wenn Die Wahrheit fast ein bisschen kalkuliert und übertrieben wirkt, hat die Autorin einen Einfall, der dem Leser den Atem raubt und dazu führt, dass man die nächsten Seiten am liebsten innerhalb von Sekunden verschlingen möchte.

Seltsam wirkt allenfalls die Konzeption von Sarah als vermeintlich starker Frauenfigur. Sie sei noch taffer als Linda, die Heldin in ihrem Debütroman Die Falle, sagt Melanie Raabe in einem Interview. „Ich bin keine Grüblerin. Ich bin eine praktische Frau, ich mag Ordnung, ich mag Klarheit, ich mag zielgerichtetes Handeln“, heißt an einer Stelle des Thrillers die Selbstbeschreibung von Sarah. Da muss man sich doch wundern: Oft funktionieren die gewagten Wendungen des Buchs nur, weil die Ich-Erzählerin hysterisch und unsicher agiert. Dass sie in eine für den Leser so prickelnde Bedrängnis gerät, liegt mindestens so sehr an ihren falschen Entscheidungen und Kurzschlussreaktionen wie am perfiden Plan des eiskalten Fremden. Zumindest gilt das über weite Strecken von Die Wahrheit – und selbst dann, wenn Sarah den Kern dieses Romans erkennt: „Ich weiß plötzlich, dass ich mich der Vergangenheit stellen muss, wenn ich in der Gegenwart bestehen will.“

Bestes Zitat: „Ich denke, dass Liebe kein Zustand ist und auch kein Gefühl. Liebe ist ein Organismus. Mit Hunger und Durst. Ein Lebewesen, das wachsen und schrumpfen, krank werden und gesunden, das einschlafen und sterben kann.“

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