Durchgelesen: Michio Kaku – „Die Physik der Zukunft“


Autor Michio Kaku

Wie die Welt im Jahr 2100 aussehen wird, beschreibt Michio Kaku in "Die Physik der Zukunft".

Wie die Welt im Jahr 2100 aussehen wird, beschreibt Michio Kaku in „Die Physik der Zukunft“.

Titel Die Physik der Zukunft. Unser Leben in 100 Jahren
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Die Zukunft wird eine Online-Diktatur, prophezeit Dave Eggers in seinem Roman Der Circle. Die Zukunft wird ziemlich besorgniserregend, lautet die Quintessenz von Al Gores Sachbuch Die Zukunft. Die Zukunft wird schillernd, spektakulär und fantastisch wie ein Science-Fiction-Film, schreibt nun Michio Kaku.

Der Physiker, einer der Väter der Stringtheorie und Professor für theoretische Physik an der City University of New York, geht in Die Physik der Zukunft der Frage nach, wie sich unsere Welt bis zum Ende des Jahrhunderts verändern wird. Er verlässt sich dabei nicht nur auf sein eigenes Wissen, sondern hat die führenden Forscher in zentralen Zukunftsfeldern getroffen und stellt in seinem neuen Buch ihre aktuellen Arbeiten und ihre Prognosen vor, von künstlicher Intelligenz über Nanotechnologie bis zur Medizin. Er verspricht dem Leser „einen Einblick aus der Sicht eines Insiders, welche wunderbaren Entdeckungen uns erwarten, und erlaubt einen möglichst authentischen und zuverlässigen Blick in die Welt des Jahres 2100.“

Die Begeisterung, die aus diesem Zitat spricht, ist nicht nur dem notorischen amerikanischen Optimismus geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass Kaku tatsächlich seit seiner Kindheit ein riesiger Science-Fiction-Fan ist. Entsprechend zahlreich sind in Die Physik der Zukunft die Anspielungen auf die Visionen aus Star Trek oder Flash Gordon und die Fragen nach der Machbarkeit der dort erträumten Möglichkeiten, vom Warp-Antrieb über Roboter-Haushaltshilfen bis zum Tricorder, der jede Krankheit in Windeseile diagnostizieren kann.

An konkreten Aussagen mangelt es Die Physik der Zukunft auch sonst nicht. Kaku schildert beispielsweise ein anschauliches Szenario eines Arztbesuches in der Zukunft: „Wenn Sie mit dem Arzt auf Ihrem Wandbildschirm sprechen, reden Sie wahrscheinlich mit einem Softwareprogramm. Ihr Badezimmer wird mehr Sensoren haben als ein modernes Hospital und Krebszellen entdecken, Jahre bevor sich ein Tumor bildet. (…) Wenn Hinweise auf Krebs vorliegen, werden Nanopartikel in Ihren Blutstrom injiziert. (…) Und wenn der ‚Doktor‘ auf Ihrem Bildschirm eine Krankheit oder Verletzung eines Organs nicht heilen kann, lassen Sie sich einfach ein neues wachsen.“

Zugleich hat er eine unverkennbare Vorliebe für markige, prophetische Sätze. „2100: göttergleich werden“, heißt eine Überschrift, neue Technologien könnten uns unsterblich, perfekt und allmächtig machen, meint Kaku. „Der rasche Anstieg der Rechenleistung wird uns bis zum Jahr 2100 eine Macht ähnlich derjenigen der mythologischen Götter verleihen, die wir einst verehrten, und uns in die Lage versetzen, die Welt um uns herum allein durch unsere Gedanken zu kontrollieren“, lautet eine weitere Vorhersage.

Wer das für Spinnerei hält, sollte sich erstens noch einmal die Methode von Kaku für dieses Buch (neben seinen Recherchen bei führenden Experten versucht er, all seine Voraussagen auf den bekannten Naturgesetzen fußen zu lassen) vor Augen halten und sei zweitens daran erinnert, dass der Physiker in Zukunftsvisionen (2000) schon einmal vergleichbare Vorhersagen gewagt hatte, und zwar mit erstaunlicher Treffsicherheit.

Die Zukunft der Physik wird ein faszinierendes Panoptikum der Möglichkeiten, das Buch ist vorbildlich gegliedert, macht Lust auf Forschung und beflügelt die Fantasie. „Was für ein wunderbares Abenteuer ist dies, der Versuch, das Undenkbare zu denken“, hat die New York Times Book Review diesen Effekt beschrieben.

Freilich muss man dabei zwei wichtige Einschränkungen machen, die beide offensichtlich Kakus Perspektive als Physiker geschuldet sind: Zum einen unterstellen seine Prognosen oft einen technokratischen Automatismus, den man hinterfragen kann. Viele von ihm angedachten Dinge klingen neu, spektakulär, visionär, aber bei längst nicht allen kann der Autor plausibel machen, wo ihr Mehrwert gegenüber derzeitigen Lösungen liegen soll. Dass Kaku davon ausgeht, die Naturgesetze seien weitgehend bekannt und man könne auf ihrer Basis vergleichsweise seriös extrapolieren, klingt plausibel, führt aber auch dazu, dass seine Argumentation oft zu formelhaft wird und den Blick nach links und rechts vergisst.

Zum anderen fehlt viel zu häufig die Analyse gesellschaftlicher Implikationen der hier vorhergesagten Entwicklungen, vor allem die Frage nach der gesellschaftlichen Erwünschtheit. In welchem Ausmaß neue Technologien beispielsweise Arbeitsplätze verändern und vernichten werden, untersucht Michio Kaku nicht eingehend genug. Gleiches gilt für demokratische Prozesse. Das Wort „Ethik“ taucht in seinem Buch erstmals auf Seite 91 auf (in Form eines Zitats), von „Risiko“ ist erst auf Seite 101 die Rede, der Begriff „Datenschutz“ kommt überhaupt nicht vor. Oft kann man hier den Eindruck haben: Das Jahr 2100 wird spannend für Physiker und Ingenieure, könnte aber ziemlich deprimierend für alle anderen werden.

Der Enthusiasmus, mit dem Kaku hier am Werk ist, wirkt deshalb gelegentlich mitreißend, mitunter aber auch beängstigend. Natürlich hat vor allem das vergangene Jahrhundert bewiesen, wie groß die von Forschung und Entwicklung angestoßene Dynamik ist und wie viel sie dazu beiträgt, unser Leben angenehmer und besser zu machen. Freilich hat es auch Fehlentwicklungen gegeben, die für die Zukunft ebenso wahrscheinlich sind und teilweise irreversibel sein könnten. Man wünschte Kaku, so gerne er auf antike Heldensagen zurückgreift und in großen Zeiträumen denkt, an einigen Stellen mehr historisches Bewusstsein, vor allem aber mehr Wille zum Innehalten und Reflektieren. Nicht nur, weil es genug Beispiele für negative Folgen von Technologien gibt (von CO2-Emissionen bis zur Atombombe), sondern vor allem, weil die Geschichte auch lehrt, wie fehlbar der Mensch ist. Kaku setzt alles auf Optimierung und Machbarkeit und ignoriert, dass wir mit Entscheidungen, die dabei getroffen werden, sogar mit den Paradigmen, die diesen Entscheidungen zugrunde liegen, auch falsch liegen könnten, ohne es zu merken.

Gewagt erscheinen seine Prognosen vor allem dann, wenn sie die Welt der Naturwissenschaften verlassen. „Handel, Kultur, Sprache, Unterhaltung, Freizeitaktivitäten und selbst Kriege – sie alle werden durch Entstehung dieser planetaren Zivilisation revolutioniert“, sagt er beispielsweise voraus. „Sofern wir nicht den Kräften von Chaos und Irrsinn anheimfallen, ist der Übergang zu einer planetaren Zivilisation zwangsläufig, diesem Endprodukt der enormen, unaufhaltsamen Kräfte von Geschichte und Technologie, die jenseits unserer Kontrolle stehen.“

Das sind erstaunlich absolute Aussagen für einen Wissenschaftler. Der Autor ignoriert damit nicht nur die Vorläufigkeit allen Wissens. Er übersieht auch die Tatsache, dass das Wissen um Endlichkeit und Fehlbarkeit des Menschen letztlich ein wichtiger Antrieb für unser Dasein (und auch für die Wissenschaft) ist; wahrscheinlich sogar Voraussetzung für soziales Zusammenleben, für Moral und Toleranz. Doch für solche Gedanken fehlt es Kaku leider wiederholt an Demut. Sein Glaube an technologische Potenziale ist oft so groß, dass der Schritt zu Allmachtsfantasien nicht mehr weit ist.

Die Zukunft der Physik liefert viele Belege dafür, auch einige Stellen, an denen man sich schon als Laie über die Leichtfertigkeit wundern muss, mit der Kaku über Bedenken hinweg geht. Wenn der Autor beispielsweise einen Replikator beschreibt (eine Maschine, die jedes beliebige Produkt herstellen kann, nach seiner Prognose irgendwann in jedem Haushalt stehen und so die Notwendigkeit zum Geldverdienen beseitigen wird, weil man sich jedes gewünschte Konsumprodukt ja von seinem hauseigenen Replikator bauen lassen kann; letztlich führt das seiner Ansicht nach zur Beseitigung von materieller Ungleichheit in der Welt), dann vergisst er – jenseits der Frage der technischen Machbarkeit –, dass nicht zwangsläufig jeder Haushalt einen Replikator besitzen wird, dass diese Maschine (eventuell endliche) Ressourcen braucht (Energie und Ausgangsmaterie), die womöglich nicht kostenlos verfügbar sind, und dass es schließlich auch Erfinder und Hersteller geben wird, die an dem Gerät verdienen wollen. Mehr noch: Es gibt auch Produkte (wie Nahrungsmittel), die verbraucht werden und nicht nach dem Konsum mit einem Knopfdruck wieder in ein anderes Produkt verwandelt werden können.

Nicht nur Produkte sind bei Michio Kaku in der Zukunft endlos und permanent verfügbar, sondern auch Daten und Wissen. Per Kontaktlinse ist man überall mit dem Internet verbunden, jederzeit kann man sich einloggen, die ganze Welt wird zur Augmented Reality. Man kann das verheißungsvoll (oder unvermeidlich) finden. Man kann aber auch darauf verweisen, dass ein solcher Zustand schädlich für die Forschung und den Fortschritt selbst werden könnte. Wenn alles immer verfügbar ist, gehen auch die Freude des Selber-Entdeckens und der Antrieb verloren, selbst etwas herausfinden zu wollen, Mechanismen auf den Grund zu gehen, Neues in die Welt zu bringen. Vielleicht brauchen wir Momente des Nicht-Wissens und Offline-Seins, vielleicht brauchen wie Mysterien und Romantik, um neugierig zu bleiben und uns weiterzuentwickeln – dieser Zusammenhang ist Kaku offensichtlich nicht bewusst.

Kaku zeichnet viele reizvolle, wünschenswerte, faszinierende Visionen. Aber bei dieser und einigen weiteren Vorhersagen kann man nur hoffen, dass bloß die Gäule mit ihm durchgegangen sind. Vor allem, weil – wie bereits erwähnt – fast immer ein Ziel für seine Prognosen fehlt. Etliche der von ihm beschriebenen Entwicklungen sind Spielereien und eitle Neugier. Man muss kein Technologiefeind sein, um festzustellen, dass dies in die falsche Richtung führt. Nicht Selbstzweck sollte das Leitprinzip von Innovationen sein, sondern gesellschaftlicher Nutzen.

Zwei Beispiele: Natürlich kann man Killbots entwickeln, die irgendwann (derzeit noch nicht existierende) Nanobots beseitigen, wenn die außer Kontrolle geraten sollten. Man kann aber auch versuchen, die Potenziale und Risiken von Nanobots vor deren flächendeckendem Einsatz so genau abzuwägen, dass man sie als Quintessenz vielleicht gar nicht mehr haben will. Man kann verletzten Soldaten vielleicht per Stammzelltherapie neue Beine wachsen lassen und sie dann wieder an die Front schicken. Man kann aber auch fragen, wie man Kriege verhindern kann, in denen Soldaten solche Verletzungen erleiden.

Es ist der fehlende Blick auf solche Möglichkeiten, der Die Zukunft der Physik so fragwürdig macht. Kaku übersieht wichtige Dimensionen, und er leugnet eine entscheidende Tatsache: dass auch Zögern, Zweifeln und Verzichten wichtige kulturelle Kräfte sind, dass man nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen muss.

Bestes Zitat: „Sämtliche hier beschriebenen technischen Revolutionen streben auf einen bestimmten Punkt zu: die Schaffung einer planetaren Zivilisation. Dieser Übergang ist der vielleicht bedeutsamste in der ganzen menschlichen Geschichte. Tatsächlich sind die heute lebenden Menschen die wichtigsten, die jemals auf der Erde gelebt haben, denn sie werden bestimmen, ob wir dieses Ziel erreichen oder im Chaos versinken. Seit wir vor rund 100.000 Jahren Afrika verließen, haben vielleicht 5000 Generationen auf der Erde gelebt, und von ihnen wird die eine, die in diesem Jahrhundert lebt, letztlich über unser Schicksal entscheiden.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.