Durchgelesen: Moritz Rinke – „Also sprach Metzelder zu Mertesacker“


Moritz Rinke nimmt den Fußball so ernst, wie sich das gehört.

Moritz Rinke nimmt den Fußball so ernst, wie sich das gehört.

Autor Moritz Rinke
Titel Also sprach Metzelder zu Mertesacker
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Für alle Moritz-Rinke-Ultras und jene, die womöglich so etwas wie eine Dauerkarte für die Texte des Autors haben, sei gleich zu Beginn gesagt: Alle Beiträge in Also sprach Metzelder zu Mertesacker sind bereits zuvor erschienen. Manche in anderen Büchern des preisgekrönten Autors (Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel), viele als Kolumnen im Tagesspiegel.

Trotzdem ist es ein Vergnügen, Also sprach Metzelder zu Mertesacker zu lesen, gerade jetzt. Denn zum einen ist es mit guten Texten so wie mit guten Fußballspielen: Man kann sie immer wieder sehen. Die Spannung ist zwar raus und man weiß, wie es ausgeht. Aber dafür offenbaren sich neue Dimensionen, wirken kleine Finten noch ein bisschen gekonnter und erstrahlen manche Protagonisten erst in vollem Glanz.

In der Tat kann man dem Verlag kaum vorwerfen, diese Sammlung von Lauter Liebeserklärungen an den Fußball, so der Untertitel, pünktlich zur Fußball-EM herauszubringen, um auch noch ein bisschen was vom Euro-2012-Kuchen abzubekommen. Denn gerade in Tagen wie diesen, in denen der Fußball die Schlagzeilen, das Straßenbild und unser Leben beherrscht, entfalten die Texte von Moritz Rinke ihre ganze Kraft.

Es gibt in diesem Büchlein zwar ein echtes Zwiegespräch mit Philipp Lahm und die realen Erlebnisse des Autors mit der Schriftsteller-Nationalmannschaft, deren erfolgreichster Torschütze er ist. Den Großteil machen aber ausgedachte Geschichten aus, Träume und Fantasien über den Fußball. Und gerade darin macht Rinke deutlich, wie sehr dieser Sport unser Leben, die Medien und die Gesellschaft durchdrungen hat. Fußball wird unfassbar ernst genommen, und Rinke selbst nimmt den Sport genauso ernst, wie sich das gehört: Er erkennt darin eine unvergleichliche Bühne des Lebens.

Das macht seine Texte so schlau und philosophisch, auch wenn natürlich immer der Humor an erster Stelle steht. Eine typische Überschrift ist: „Frau Klose ruft an. Lehmanns Bettdecke flattert. Und Gomez träumt, dass er nur noch minus 135 Millionen wert ist.“ Dazu enthält Also sprach Metzelder zu Mertesacker herrliche Mini-Dramen mit Otto Rehhagel als Beinahe-Bundestrainer, führt Jürgen Klinsmann und Jogi Löw beim Computerspielen vor, dokumentiert ein Gespräch des Autors mit dem DFB-Pokal und versammelt als Krönung die genialen Liebesbriefe von Angela Merkel an Bastian Schweinsteiger.

Das Prinzip ist dabei nicht schwer zu durchschauen, aber trotzdem höchst wirkungsvoll: Die Idee, den Fußball auch noch mit Philosophie vollzustopfen, ist nur eine klitzekleine Überhöhung. Aber gerade das ergibt groteske Situationen, weil die meisten Figuren auf der Bühne des Weltfußballs, von Sepp Blatter über Lothar Matthäus bis Lukas Podolski, eben bestenfalls als Hanswurst taugen. Damit zeigt Rinke, wie viel Irrsinn im ganzen Bohei rund um den Fußball steckt. Und wie schön und erfüllend es doch sein kann, dieses Spiel abgöttisch zu lieben.

Bestes Zitat: „Theoretisch finde ich Patriotismus sogar schön, aber angewendet, in der Praxis mit den Deutschen zusammen, da bin ich gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, in Gemeinschaft Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das ist ja dann so eine Art Verschmelzung, man muss ja dann mit den Deutschen verschmelzen, und da guckt man sich halt vorher noch einmal alles genau an – wie im Bordell. Gute Schriftsteller sollen schließlich auch das Leben im Bordell studieren, aber da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an, und dann kommt der Moment: nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles hau ruck – na ja, und so ähnlich geht mir das mit dem angewendeten Patriotismus in Deutschland.“

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.

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