Durchgelesen: Nathan Hill – „Geister“


Autor Nathan Hill

Nathan Hill Geister Kritik Rezension

„Geister“ ist sagenhaft aktuell und vielschichtig.

Titel Geister
Originaltitel The Nix
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Vielleicht ist hier wirklich Magie im Spiel, vielleicht ist Nathan Hill mit dunkeln Mächten im Bunde oder verfügt über übersinnliche Kräfte. The Nix heißt sein erster Roman im amerikanischen Original, damit gemeint ist ein Kobold aus der skandinavischen Sagenwelt. Irgendeines dieser Fabelwesen scheint ihm einen Blick in die Zukunft ermöglicht zu haben. Denn die Arbeit an Geister, so der deutsche Titel, hat er zwar schon vor zwölf Jahren begonnen, trotzdem könnte das Werk kaum aktueller sein.

So liefert eine seiner Figuren mal eben eine Definition des „postfaktischen Zeitalters“, lange bevor dieser Begriff auch nur die Nähe der öffentlichen Debatte erreicht hat. „Was ist wahr? Was ist nicht wahr? Für den Fall, dass es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, die Welt hat sich von der alten Vorstellung der Aufklärung, dass man sich die Wahrheit aus der Weltbeobachtung zusammenstückeln könnte, so gut wie verabschiedet. Die Wirklichkeit ist viel zu kompliziert und schrecklich geworden. Es ist weit einfacher, alles zu ignorieren, was nicht in Ihre vorgefasste Meinung passt, und stattdessen zu glauben, was Sie in Ihrem Denken bestätigt. Ich glaube, was ich glaube. Und Sie glauben, was Sie glauben. Und wir stimmen überein oder nicht. Das ist die Verbindung von liberaler Toleranz mit mittelalterlicher Leugnungsdogmatik. Sehr hip im Moment.“

Diese Analyse kommt kurz vor Ende des Buches aus dem Mund von Guy Periwinkle, einem findigen Medienmanager. Er ist einer von vielen Protagonisten in diesem Roman, die zunächst wie Randfiguren wirken, dann aber in neuem Kontext enorm bedeutend für die Handlung (und somit enorm faszinierend für den Leser) werden. Das verweist schon auf die größte Stärke von Geister: Nathan Hill hat seinen Plot, der auf vier Zeitebenen spielt (Norwegen 1940, Iowa 1968, Chicago 1998, Chicago 2011) filigran konstruiert. Wie groß das Ausmaß an Themen, Relevanz und Reflexion ist, das er hineinpackt, und wie stimmig all das verbunden ist, erkennt man erst ganz am Ende der gut 850 Seiten.

Geister ist nicht ein Buch, es sind mehrere ineinander verschachtelte Bücher. Es ist wie eine Matrjoschka, eine große Puppe, in der sich viele kleine verstecken“, hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung diese Methode treffend umschrieben. Reichlich Lob gab es für Nathan Hill auch jenseits davon: Geister wird derzeit in über zwanzig Sprachen übersetzt, New York Times, Guardian, Washington Post und etliche weitere Redaktionen haben es auf die Liste der besten Bücher des Jahres gesetzt.

Die Hauptfigur, bei der all die Erzählfäden zusammenlaufen, ist Samuel Anderson, ein nicht sonderlich erfolgreicher Literaturprofessor in Chicago. Seine Mutter wird nach einem tätlichen Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten angeklagt. Er soll in ihrem Sinne aussagen. Doch er hat wenig Lust, sie zu unterstützen. Denn er hat sie zuletzt gesehen, als er elf Jahre alt war – und die Mutter die Familie über Nacht im Stich ließ.

Es dauert fast 300 Seiten, bis man weiß, dass es in Geister vor allem um diese Beziehung geht, um den Versuch eines Sohnes, die Biographie seiner Mutter zu erkunden, unter denkbar schwierigen Umständen. „Die Zeit heilt vieles, weil sie uns auf Bahnen lenkt, die unsere Vergangenheit unmöglich erscheinen lassen“, muss Samuel erkennen. Die Spur seiner Recherche führt beispielsweise zu den Studentenunruhen im Jahr 1968, aber auch zu Occupy Wall Street, in die Online-Welten von World Of Warcraft und zu einem Fall von Kindesmissbrauch.

Mit größter erzählerischer Finesse integriert Nathan Hill auch noch Klimawandel, Rezession, digitale Verblödung, Krise der Männlichkeit, Konflikte zwischen den Generationen und Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern in diesen Roman. Gleich zu Beginn beschreibt er einen Politiker, der ein Ebenbild von Donald Trump zu sein scheint – auch hier kann man sich nur die Augen reiben angesichts der beinahe prophetischen Genauigkeit.

Dass der Autor vielleicht auch mal daneben liegt, wünscht man sich nach der Lektüre dieses Buchs trotzdem. Denn Geister fühlt sich an wie der ultimative Roman zum Ende einer Epoche, die man im Rückblick vielleicht als eine goldene betrachten wird.

Bestes Zitat: „Die Dinge müssen nicht geschehen, damit sie sich wirklich anfühlen.“

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