Ned Beauman – „Glow“


Autor Ned Beauman

Füchse in der Großstadt - das ist nur einer der zunächst verwirrenden Aspekte von "Glow".

Füchse in der Großstadt – das ist nur einer der zunächst verwirrenden Aspekte von „Glow“.

Titel Glow
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Die Möglichkeiten von Big Data, neue Erkenntnisse der Neurowissenschaften, der globale Kampf um Rohstoffe, die umfassende Überwachung der Privatsphäre, skrupellose private Sicherheitsdienste – noch mehr brandaktuelle Themen hätte Ned Beauman kaum in seinen dritten Roman packen können, der Ende der Woche in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Doch der 1985 geborene Londoner, von der FAZ bereits als „genialischer Wunderkindautor“ geadelt, kommt problemlos damit durch. Glow ist rasant, unterhaltsam, clever und sehr einfallsreich.

„Glow“ steht dabei für eine neue synthetische Droge, die dabei ist, die Partyszene von London zu erobern. Niemand weiß etwas Genaues über die Herkunft oder Zusammensetzung des Stoffs, doch alle schwärmen, Glow sei „viel besser als Ecstasy“. Auch Raf möchte gerne diesen verheißungsvollen Trip ausprobieren. Der 22-Jährige arbeitet als Gelegenheits-Programmierer und ist reichlich aktiv im Nachtleben, denn er leidet an einer Schlaf-Wach-Störung. Seine biologische Uhr tickt nicht in einem 24-Stunden-Takt, sondern im 25-Stunden-Rhythmus. Das bedeutet: Der gefühlte Tagesanfang verschiebt sich für Raf (im Vergleich zu seinen Mitmenschen) jeden Tag eine Stunde nach hinten, nach 25 Tagen beginnt der Kreislauf dann wieder von vorne.

Der kleine Unterschied hat gravierende Folgen für sein Leben. „Raf wollte ursprünglich der Erste in seiner Familie sein, der studiert, aber am Ende ist er vor den A-Levels von der Schule abgegangen, weil er ungefähr zwei von vier Wochen nicht im Unterricht wach bleiben konnte. Er hatte noch nie einen richtigen Job. Und er geht nicht davon aus, dass er jemals heiraten wird“, heißt es zu Beginn des Buches über die Hauptfigur.

Durch seine Krankheit ist Raf oft dann hellwach, wenn alle außer den Tanzwütigen in London längst schlafen. Als er auf einer Party, kurz nachdem er von seiner Freundin verlassen wurde, die verführerische Cherish kennen lernt, ahnt er nicht, dass er damit dem Geheimnis hinter Glow sehr nah gekommen und sich zugleich in Lebensgefahr begeben hat. Sein Freund Theo ist bereits spurlos verschwunden, und auch Cherish muss wenig später aus einer gefährlichen Lage befreit werden.

Aus einem Roman, der sich zunächst scheinbar in einer Party- und Drogenwelt à la Irvine Welsh einzurichten scheint, macht Ned Beauman erstaunlicherweise so etwas wie einen internationalen Wirtschaftsthriller. Es geht um den angeschlagenen und dubiosen US-Bergbaukonzern Lacebark, um Menschenrechtsverletzungen in Burma, um Entführungen und Folter mitten in London. Geschickt inszeniert der Autor ein Verwirrspiel, bei dem weiße Lieferwagen ebenso eine Rolle spielen wie Füchse in der Großstadt und längst zurückliegende Familiendramen im asiatischen Dschungel. Das wirkt zunächst nicht immer plausibel, aber stets spektakulär – nach und nach schafft es Beauman dann aber tatsächlich, die verschiedenen Fäden seiner Handlung glaubhaft zusammenzuführen.

Neben der Spannung und einer nicht zu verhehlenden Begeisterung für Populärwissenschaft (vor allem Freunde der Chemie, Psychologie und Neurobiologie dürften an Glow ihre Freude haben) lebt der Roman aber vor allem von seiner Coolness. Raf ist ein Außenseiter, der nicht viel erwartet vom Leben und deshalb bereit ist, bei der Suche nach Theo und dem Geheimnis von Glow aufs Ganze zu gehen. Seine Welt besteht aus wummernden Beats, Ungebundenheit und einem Gefühl für Gerechtigkeit, das er auf den Straßen im Süden Londons gelernt hat.

Dazu passen die großartigen Metaphern und Bilder, die Beauman in diesem Buch gleich säckeweise zu bieten hat. Sie schaffen es, selbst die banalsten Szenen des Romans aufzuwerten. „Vor seinen Füßen liegen ein paar Plastikverpackungen von Schokoriegeln, die aussehen, als wüssten sie zwar im tiefsten Inneren über ihre Unverrottbarkeit Bescheid, täten aber trotzdem ihr Möglichstes, um sich anzupassen“, ist nur ein Beispiel dafür. An anderer Stelle heißt es: „Die fünf alten Männer in der Ecke sahen aus, als dauere ihr Kartenspiel schon so lange, dass ihre Gewinne und Verluste das internationale Bankensystem ruinieren könnten, selbst wenn sie nur um Pennys spielen.“

Es ist dieser unaffektierte, zugleich hoch intelligente Ton, der auch in der Übersetzung von Gerhard Henschel und Kathrin Passig lebendig bleibt und der Glow zu einem solchen Vergnügen macht. Genau in diese Attitüde fügt sich denn auch die Moral des Romans ein: Raf kämpft letztlich gegen nichts anderes als den global existierenden Kapitalismus, gegen ein Netzwerk aus Geld und Korruption, das stärker zu sein scheint als jeder Rechtsstaat und jede persönliche Beziehung. Aber er tut es nicht aus einer Ideologie heraus und er tut es ohne Heroismus – einfach, weil er sich den Menschen verpflichtet fühlt, die ihm etwas bedeuten.

Bestes Zitat: „Eine Diktatur alterte, ermüdete und erlahmte wie jedes andere Tier. Aber wenn man eine Diktatur abschaffen kann, so wie man einen Elefanten abschießt, dann erinnert die Zerstörung einer Aktiengesellschaft eher an die Vernichtung einer intelligenten Pilzkolonie.“

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