Durchgelesen: Nicol Ljubić – „Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!“ 1


Wir sind Deutsche, und wir schreiben Deutsch, stellen 17 Autoren in "Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit" klar.

Wir sind Deutsche, und wir schreiben Deutsch, stellen 17 Autoren in "Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit" klar.

Herausgeber Nicol Ljubić
Titel Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

«Fremde im eigenen Land.» So könnten sich einige Deutsche fühlen, wenn die Zuwanderung in die Bundesrepublik ungebremst weitergehe, schrieb Thilo Sarrazin in seinem umstrittenen Bestseller Deutschland schafft sich ab. Diese These aus dem Spätsommer 2010 war die Initialzündung für den Sammelband Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!

Denn das Sarrazin-Buch und die danach tobende Debatte um Migration und Integration begeisterte nicht nur die konservativen Stammtische und die Redaktionen von Polit-Talkshows. Auch die Migranten horchten auf, vor allem solche mit deutschem Pass. Als «Fremde im eigenen Land» mussten sich viele von ihnen jetzt auch fühlen, spätestens seit Sarrazin. Denn sie sind Deutsche – aber plötzlich schien das keiner mehr zu merken.

Nicol Ljubić hat deshalb die Beträge von 17 Schriftstellern zusammengetragen, die in irgendeiner Form ausländische Wurzeln und dennoch unsere Staatsbürgerschaft haben. Sie alle haben genug davon, ständig erklären zu müssen, dass man beides sein kann: Migrant und Deutscher. Dass man sogar Bücher auf Deutsch schreiben kann, auch wenn man Kiyak, Özdogan oder Stanišić heißt.

«Ja, ich schreibe selbst. Und Deutsch ist leider die einzige Sprache, die ich akzentfrei spreche. Allerdings heiße ich Nicol Ljubić und bin in Kroatien geboren, was viele Deutsche nach wie vor zu verwirren scheint. Deswegen bezeichnen sie Menschen wie mich als Deutsche mit Migrationshintergrund. Und von denen gibt es ziemlich viele im Land: neun Millionen. Gewöhnt hat man sich offenbar noch nicht an sie», erklärt Herausgeber Ljubić seine Motivation für Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! Lena Gorelik, eine der 17 Autoren, brachte es unlängst bei einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse noch prägnanter auf den Punkt, als sie die Sarrazin-Diskussion thematisierte: «Ich fühle mich sehr gemeint.»

Dabei stehen nicht nur die Fragen nach Heimat, Herkunft und Identität im Zentrum. Immer wieder geht es auch um die Sprache. Übersetzungen spielen eine Rolle, der noch bewusstere Vorgang des Schreibens vor dem Hintergrund einer möglicherweise gezielt gewählten (und nicht zufällig durch Geburt gegebenen Mutter-)Sprache. Ljubić erlaubt sich in seinem eigenen Beitrag gar den Witz, in die Rolle seines eigenen Ghostwriters zu schlüpfen, der in Wirklichkeit die preisgekrönten Texte verfasse.

Auch an diesem Schwerpunkt hat Thilo Sarrazin seinen Anteil, der angeblich mangelnden Integrationswillen ja immer wieder mit fehlenden Sprachkenntnissen von Migranten zu belegen versuchte. Die 17 Autoren drehen den Spieß nun um: Der in bester Sarrazin-Manier höchst provokante Titel Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! prangt auf einem Einband, der dem deutschen Reisepass nachempfunden ist. Gemeint ist damit natürlich nicht die Feindlichkeit gegen Ur-Deutsche. Sondern die gegen Zugewanderte, die nun auch Deutsche sind.

Beinahe wie ein Running Gag zieht sich der Satz «Sie sprechen aber gut Deutsch!» durch die 17 Beiträge. Die Autoren bekommen ihn immer wieder zu hören – und mit ihm den Beweis, dass sich die Deutschen wundern, wenn ihnen in der Realität einmal das begegnet, was von ihnen doch so vehement eingefordert wird, nämlich ein gut integrierter, unsere Sprache beherrschender Mensch mit ausländischen Wurzeln.

Fast alle der hier versammelten Autoren beklagen, dass sie penetrant in die Migranten-Schublade gesteckt werden. Viele von ihnen beschreiben ihr Scheitern beim Versuch, auf die vielen Facetten von Identität, Biografie und vor allem Literatur hinzuweisen. Dabei ist Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! der beste Beleg für dieses Argument.

Die Beiträge sind fast durchweg sehr privat, aber höchst vielfältig (was auch eine schwankende Qualität zur Folge hat). Da wundert sich die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller über den Begriff «ausländische Mitbürger», der sie an das Vokabular des rumänischen Geheimdiensts erinnert, der sie in ihrem Heimatort einst verfolgte. Da erzählt Selim Özdogan, wie er vom Rap zur Literatur kam. Christine Bredenkamp erklärt, warum sie sich als Halb-Schwedin als «Luxus-Ausländerin» fühlen darf. Claudia Rusch macht deutlich, wie ähnlich die Prinzipien von Diskriminierung sind, auch wenn es in ihrem Fall nur eine Ostdeutsche trifft. Petra Reski greift ebenfalls diesen Ansatz auf – bloß dass bei ihr die Eltern, die aus Schlesien und Ostpreußen fliehen mussten, nicht als «echte» Deutsche akzeptiert werden. Elisabeth Blonzen lässt in ihrem ebenso poetischen wie erschütternden Beitrag Die blonde Mütze all die Ohnmacht deutlich werden, die ein kleines Mädchen einfach nur wegen seiner Hautfarbe spüren kann.

Trotz der unterschiedlichen Ansätze: Fast allen Beiträgen (bis auf zwei Texte sind alle extra für diesen Band geschrieben worden) gemein ist der Schatten von Thilo Sarrazin. Wie sehr sein Buch das Gefühlsleben von Migranten verändert hat, wird immer wieder deutlich. «Die Debatte war nicht neu, die Emotionalität aber, mit der sie geführt wurde, hat nicht nur mich erschreckt. Sie wurde ohne Rücksicht geführt auf all die Menschen, die längst in diesem Land ihre Heimat gefunden haben, auch wenn sie selbst oder ein Teil ihrer Vorfahren hier nicht geboren wurden», schreibt Ljubić im Vorwort. In Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! reichen die Reaktionen von amüsiert bis empört, von pragmatisch bis beleidigt. Gleich mehrere Autoren betonen, dass sie sich bis zu dieser Debatte in der Bundesrepublik zuhause gefühlt haben, seitdem aber mit anderen Augen auf dieses Land blicken.

Auch diese Verwirrung spiegelt sich in der Sprache wider. Der Sammelband hat reichlich seltsame Begriffe wie «Altheimatverständnis», «Anpassungsunmut», «Inlandsausländer», «Menschheitsuniversalismus», «Nicht-Biodeutscher», «Volkscharakter», «Identitätsmanagement» oder «Dritte-Wahl-Deutscher» zu bieten. Sie alle zeigen: Wir haben nach wie vor keinen Begriff gefunden für das, was doch seit Jahrzehnten rund um uns herum Alltag ist. Auch das beweist, wie weit wir in der Integrationsdebatte noch von Normalität entfernt sind.

Bestes Zitat: «Deutsch ist die Sprache, in der ich schreiben kann, keine andere. Das ist meine sprachliche und auch sonstige Heimat, Verzeihung.» (Zsuzsa Bánk in ihrem Beitrag Nicht alle Ungarn sind verrückt)

Eine leicht gekürte Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.


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Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Nicol Ljubić – „Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!“

  • Jolie

    Klingt sehr interessant. Danke für den Tipp. Ich werde bestimmt mal reinschauen. Ich muss gestehen, dass ich bei dem Titel erst an das komplette Gegenteil á la Sarrazin dachte. 😉