Durchgelesen: Niels Birbaumer – „Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“ 1


Die Selbstheilungskräfte des Gehirns stehen im Mittelpunkt des Buchs von Niels Birbaumer.

Die Selbstheilungskräfte des Gehirns stehen im Mittelpunkt des Buchs von Niels Birbaumer.

Autor Niels Birbaumer
Titel Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst. Neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Niels Birbaumer ist ein Draufgänger. Als 15-jähriger Halbstarker in Wien war er Mitglied in einer Gang. Einmal rammte er einem Mitschüler eine Schere in den Fuß, als Rache dafür, dass er ihm zuvor ein Wurstbrot geklaut hatte.

Ein Schulwechsel bewahrte ihn dann davor, auf der schiefen Bahn zu bleiben, doch den Hang zum Extremen hat er sich auch als renommierter Hirnforscher bewahrt. Der Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen bindet schon einmal Patienten mit Handschellen an sich, damit diese nachts nicht mehr versuchen, aus dem Zimmer zu fliehen. Er schmiert sich und seinen Patienten als Teil einer Konfrontationstherapie Hundescheiße ins Gesicht, wenn er Waschzwang behandeln will. Und er ging auch schon mit Suizidgefährdeten auf die Golden Gate Bridge, um zu schauen, wie nahe sie der Ausführung ihres Selbstmordplans kommen wollten.

All diese Fälle schildert es in seinem neuen Buch Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst. Neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Es ist eine faszinierende Lektüre, nicht nur wegen der erstaunlichen Fähigkeiten des Gehirns, sondern auch, weil aus dem Buch das enorme Engagement des Autors spricht. Allerdings erweist sich auch der Titel als, gelinde gesagt, etwas zu draufgängerisch: Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst ist kein Buch über das Gehirn als Wunderwerk der Natur, sondern (mit Ausnahme der letzten beiden Kapitel) ein Buch über das kranke Gehirn.

Das wichtigste Anliegen Birbaumers ist auch nicht, den neusten Stand der Hirnforschung unters Volk zu bringen. Viel eher will er mit Missverständnissen und überholten Vorstellungen aufräumen. „Man kann darüber spekulieren, warum wir dazu neigen, je nach Bedarf eine Unveränderlichkeit von Gehirn und Verhalten zu unterstellen. Worum es mir aber geht: zu zeigen, wie falsch all diese Vorstellungen sind. Das Thema dieses Buches ist die Neuroplastizität, die schier unbegrenzte Formbarkeit des Gehirns, also seine Veränderbarkeit und Beeinflussbarkeit, und zwar in jede erdenkliche Richtung“, schreibt Birbaumer gleich zu Beginn.

Das wichtigste Ergebnis seiner Forschung lautet: notorische Draufgänger, geborene Drückeberger, Naturtalente, Genies – all das gibt es nicht. Das Gehirn ist bei der Geburt so etwas wie eine leere Festplatte. Welches Betriebssystem es nutzt, welche Inhalte es speichert und wieder löscht, hängt von unseren Erfahrungen ab. Und damit auch die Frage, was wir tun und wer wir werden.

„Wir haben kein ‚Wesen’ und auch keinen unveränderlichen Charakter, der uns durch das Leben führt“, schreibt der Tübinger Professor. „Es ist vielmehr so, dass wir in bestimmter Weise funktionieren und uns dabei beobachten können. Unser Gehirn prüft permanent, ob unsere Aktionen den gewünschten Effekt haben, ob sie uns einen Gewinn bringen (Anerkennung, Erfolg, Reichtum, Prestige, Liebe), und wenn dem so ist, werden sie wiederholt; und wenn nicht, dann werden sie beizeiten abgestellt. Das hat in der Natur zum Überleben beigetragen. Aber ein ‚tieferer Sinn’ steckt nicht dahinter.“

Das mag mancher Leser beunruhigend finden, denn zur Flexibilität des Gehirns kommt auch noch seine Prinzipienlosigkeit. In ethischer Hinsicht ist das Gehirn sozusagen „hirnlos“: Alles, was Belohnung bringt, wird vom Gehirn eingeübt – egal, ob wir es moralisch als gut oder böse bewerten. „Die Plastizität des Gehirns und seine prinzipielle Gleichgültigkeit beinhalten, dass der Mensch eine unkalkulierbare Variable ist. Es gibt psychisch, aber auch weltanschaulich und charakterlich nichts Stabiles mehr“, erklärt Birbaumer.

Der Hirnforscher betont in seinem Buch freilich die Potenziale dieser Eigenschaft, nicht die Gefahren. Anhand konkreter Beispiele schildert Birbaumer die spektakulären Erfolge seiner Experimente. An erster Stelle ist da die Kommunikation mit Locked-In-Patienten zu nennen. Die Betroffenen sind vollständig gelähmt, sie können nicht einmal mehr die Augen bewegen und müssen künstlich ernährt und beatmet werden. Ihr Gehirn ist aber vollständig intakt, sie können sehen und hören, sie können denken und fühlen wie Gesunde. Birbaumer hat in seinem Tübinger Labor ein Brain-Machine-Interface (BMI) entwickelt, mit dessen Hilfe die Patienten wieder kommunizieren können. Sie lernen, bestimmte Gehirnbereiche gezielt zu aktivieren und können so auf Ja/Nein-Fragen antworten.

„Es gibt praktisch keine Schwersterkrankung, die die Betroffenen nicht – dank Neurofeedback – zu hoher Lebensqualität finden lässt“, sagt Birbaumer in einem Interview über die Methode der gezielten Aktivierung von bestimmten Hirnarealen. In seinem Buch zeigt er viele andere Anwendungsbereiche auf: ADS-Patienten oder Depressive könnten ohne Medikamente behandelt werden, Suchtkranke ihr Verhalten besser steuern, sogar Psychopathen so etwas wie Empathie erlernen. Auch an anderen Stellen liefert der Wissenschaftler erstaunliche Beispiele für die Selbstheilungskräfte des Gehirns: Patienten, die nach 19 Jahren wieder aus dem Koma erwacht sind, Fälle, in denen das Gehirn eigenständig so etwas wie einen „neurologischen Bypass“ durch beschädigtes Gewebe gebaut hat, Experimente, die belegen, wie etwa nach einem Schlaganfall oder bei Epilepsie die Reparaturarbeiten in unserer Schaltzentrale in Gang gesetzt werden. Eine Zwischenüberschrift heißt „Parkinsonhirne sind Kompensationskünstler“, eines der letzten Kapitel verheißt sogar „Genie für alle“.

Dieser Optimismus ist die Kehrseite des enormen Engagements, das Birbaumer für seine Patienten und seine Forschung aufbringt. Gelegentlich führt er dazu, dass der Forscher über das Ziel hinausschießt. Das passiert nicht aus Sorglosigkeit, sondern ist offensichtlich Birbaumers explizit moralischem Ansatz in diesem Buch geschuldet. Er weist immer wieder darauf hin, dass Vorverurteilungen etwa bei Drogensüchtigen oder gar Psychopathen unangebracht sind, weil ihr Zustand durch Erfahrungen und Umwelt bedingt ist und weil die Plastizität des Gehirns ihnen allen die Möglichkeit gibt, sich zu ändern.

Birbaumer plädiert entschlossen dafür, auch bei scheinbar hoffnungslosen Fällen den Blick für das noch Funktionierende nicht aus den Augen zu verlieren (gelegentlich wirkt Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst wie eine Kampfschrift gegen Patientenverfügungen, die der Hirnforscher als „grenzenlose Dummheit“ bezeichnet). Er ist stets gewillt, das Positive zu sehen und spricht gleich mehrfach von „endlosen Optionen“. Der Kern seiner These lautet: Das Gehirn kann sich ändern, wir können verstehen, nach welchen Prinzipien es das tut, und wir können diesen Prozess somit beeinflussen. Wir können die (psychisch) Kranken gesund machen und die (scheinbar) Bösen gut.

Durch diese Fixierung auf die Potenziale geraten einige Bedenken allerdings aus dem Blick. Viele der Methoden Birbaumers funktionieren bisher nur in der Laborsituation, auch die Aussagekraft von Bildgebung oder Messverfahren wird in Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst selten hinterfragt. Mitunter werden einfache Messwerte mit einem komplexen Begriff wie „Glück“ gleichgesetzt.

Dann gibt es fragwürdige Interpretationen, vor allem mit Blick auf die Locked-In-Patienten: „Vielmehr machte diese hochgradig eingeschränkten Menschen das, was uns alle glücklich macht, noch glücklicher als uns, während sie das, was uns unglücklich macht, weitaus weniger beeindruckte als uns. Was unter dem Strich nichts anderes bedeutet, als dass ihre Lebensqualität höher ist als die unsrige“, folgert Birbaumer beispielsweise aus seinen Experimenten.

Später wird der Zustand von Locked-In-Patienten mit der Abwesenheit von Leiden im Sinne von Schopenhauer, der Unbeschwertheit, die sich durch Meditation erreichen lässt, oder dem „Leben voller Frieden, Freude und Mitgefühl“ verglichen, das der Zen-Buddhismus anstrebt. Das klingt, als seien vollständig Gelähmte in einem paradiesischen Zustand, voll und ganz im Einklang mit der menschlichen Natur. Es fehlt aber der entscheidende Hinweis: Ohne Apparate zur künstlichen Beatmung und Ernährung würden sie in diesem Zustand nicht überleben können. Unter „natürlichen“ Umständen würde „Locked In“ nicht das Paradies bedeuten, sondern den Tod.

Trotz solcher Einwände ist Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst ein erstaunliches Buch. Birbaumer gibt viele interessante Anregungen. Dazu gehört die Kritik des Autors an der Effektivität der Psychotherapie und der Medikamentengläubigkeit vieler Ärzte. Dazu gehört auch die Verbindung zwischen Erkenntnissen der Hirnforschung und den Überlegungen der Philosophie, die Birbaumer gemeinsam mit seinem Co-Autor Jörg Zittlau immer wieder herausarbeitet. Und dazu gehören natürlich die faszinierenden Befunde seiner Forschung. Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst ist eine Verneigung vor dem Organ, in dem wir unser Selbst vermuten, und es ist letztlich wohltuend, dass der Autor beim Blick auf dieses Organ (und dieses Selbst) stets die Hoffnung im Blick hat.

Bestes Zitat: „Wenn man den größten gemeinsamen Nenner finden will, um den sich die Gehirnarbeit dreht – und das ist bei einem solch komplexen Organ nicht einfach –, dann ist es der Effekt. Das Gehirn will auslösen, anstoßen, in Bewegung setzen, ohne Ziel.“


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Niels Birbaumer – „Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“

  • Martin Winkler

    Danke für diesen Kommentar. Meine Anmerkungen beziehen sich auf einen Teil des Buches, Kapitel 9 bzw. die Rolle von Neurofeedback bei ADS / Hyperaktivität bei Kindern.

    Hier muss ich leider feststellen, dass ein weltbekannter Forscher und Universitätsprofessor auf wenigen Seiten soviel Unwahrheiten, Behauptungen und Polemik zusammen schreibt, dass man nicht weiss, wo man mit seiner Kritik anfangen soll.

    Das Weltbild vom Autor scheint mir sehr durch seine eigene Biographie, möglicherweise aber auch einer eigenen Besonderheit in den höheren Handlungsfunktionen beeinflusst zu sein.

    Wie sonst wäre es möglich, dass ein Psychologe von Weltruf sich gängiger Vorurteile der Anti-Psychiatrie-Szene über ADHS und Pharmakotherapie nicht nur bedient, sondern sie quasi auch noch rechtfertigt, obwohl der Stand der Wissenschaft in diesem Gebiet konträr dazu ist.

    Er mag ja eine eigene Meinung haben und formulieren. Als Professor für Medizinische Psychologie und Preisträger mehrerer Wissenschaftspreise muss er aber hier zwischen Wissenschaft und eigener Meinung bzw. Polemik differenzieren. Das tut er nicht

    Das Kapitel 9 ist fürchterlich. Eines der schlimmsten Kapitel eines Buches mit einem gewissen populärwissenschaflichen Anspruch, das ich jemals lesen musste.