Durchgelesen: Nik Cohn – „Manhattan Babylon“


Obskur und schillernd ist in "Manhattan Babylon" nicht nur die Erzählweise, sondern auch der Inhalt.

Autor Nik Cohn
Titel Manhattan Babylon
Verlag Hanser
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung ***1/2

Nik Cohn hat sich einen Namen als Musikkritiker gemacht, damals in der 1960ern. Und was seine Artikel im NME eh und je auszeichnete, macht auch seinen Roman „Manhattan Babylon“ so faszinierend: seine Sprachgewalt, diese fast alttestamentarische Bilder- und Metaphernflut, diese kindliche Fantasie.

Eine handvoll Figuren wird vorgestellt, Gangster und Prostituierte, sie alle haben Namen wie in billigen Krimis, vielleicht durchweht „Manhattan Babylon“ auch deshalb eine Mischung aus 1950er-Jahre-Sound und Endzeitstimmung. Ob Anna Crow oder Kate Rute: Sie alle sind gescheitert, ausgestoßen und desillusioniert. Nun lassen sie sich irgendwie treiben/gehen.

Es geht um Voodoo, um Schuhe, um Cricket, Messerwerfen und Reptilien. Das zeigt schon: reichlich obskur und schillernd alles, nicht nur von den Inhalten, auch von der Erzählweise her. Cohn begleitet eine Figur oft bis an eine bestimmte Stelle, wo sie dann auf einen anderen Portagonisten trifft. Dann wird dessen Blickwinkel eingenommen, es gibt eine Rückblende, bis sich die beiden wieder treffen und die Handlung schließlich voranschreitet.

Dabei passiert allerdings sehr lange sehr wenig. Am Schluss steht dafür ganz New York in Flammen. Und die Botschaft ist wohl tatsächlich die, die der Klappentext vorschlägt: „Nur die Freaks, nur die Entrechteten und Enterbten werden dereinst diese verbrannte Erde erben.“

Beste Stelle: „Was man in gut dreißig Jahren so alles anschleppte, keineswegs nur Krankheiten, wenngleich John Joe natürlich genau dieses Alter erreicht hatte, ohne sich bis auf einen schwachen Geruch nach Fischleim etwas zuzulegen, aber John Joe zählte ja nicht. ‚So viel Ballast‘, sagte sie laut, und das war die schlichte Wahrheit, man betrachtete die ganzen Sachen ja gerne als Besitztümer, angesammelte Schätze, vielleicht sogar als Dokumente eines Lebens, aber im Grunde waren sie nichts weiter als Ballast. Nicht leicht, sich jetzt zu erinnern, wie sie so die Claddagh-Ringe, die Sepia-Postkarten und kaputten Feuerzeuge begutachtete, woher sie die alle hatte oder warum. Ihr ganzes Leben lang schien sie jeden toten Gegenstand, der ihr unter die Augen kam, an sich gerissen zu haben, ohne zu fragen, was er war, wozu er gut sein mochte oder ob er ihr überhaupt gefiel, wenn er nur Geld kostete, musste sie ihn haben. Und ebenso Menschen.“

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