Nils Havemann – „Samstags um halb 4“


Autor Nils Havemann

Nils Havemann zeichnet in seinem Buch die Geschichte der Fußball-Bundesliga nach.

Nils Havemann zeichnet in seinem Buch die Geschichte der Fußball-Bundesliga nach.

Titel Samstags um halb 4
Verlag Siedler
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Groß gefeiert hat sich die Bundesliga in der vergangenen Saison: Das 50. Jubiläum war ein willkommener Anlass zum Eigenlob. Nun steht die neue Spielzeit vor der Tür, und kaum jemand würde ernsthaft bezweifeln, dass die höchste deutsche Spielklasse eine Erfolgsgeschichte ist. Die Zuschauer strömen in die Stadien, die Umsätze steigen, und nicht zuletzt thront an der Spitze der Liga mit Triple-Champion Bayern München die womöglich beste Fußballmannschaft der Welt.

Nils Havemann sieht das wohl ein bisschen anders. Der Historiker, der als Kind des Jahrgangs 1966 drei Jahre jünger als die Bundesliga ist und derzeit an der Universität Stuttgart lehrt, hat mit Samstags um Halb 4. Die Geschichte der Fußballbundesliga eine Chronik der Fußball-Eliteklasse geschrieben. Von einem uneingeschränkten Erfolg oder gar einem Boom kann nach der Lektüre seines Buchs keine Rede mehr sein. Nach Ansicht des Forschers wäre es sogar „verwegen zu behaupten, dass die Bundesliga finanziell auf krisenfesten Füßen steht. Schon bei einem leichten Abflauen der Begeisterung könnten der Eliteklasse wieder jede massiven Probleme ins Haus stehen, die sie fast ihre gesamte Geschichte begleitet haben.“

Die Einschätzung dürfte nur diejenigen Fußballfans überraschen, die sich allenfalls oberflächlich mit der Entwicklung ihres Lieblingsvereins beschäftigen. Und sie zeigt zudem schon die Richtung, die Havemann in Samstags um halb 4 einschlägt: Er erzählt nicht von Traumtoren, Superstars oder legendären Spielen. Ziel seines Buches ist es vielmehr, „über die Geschichte der Bundesliga kulturelle und gesellschaftliche Wandlungsprozesse in der Bundesrepublik zu erhellen“.

Havemann geht natürlich auf den Bundesligaskandal 1970/71 ein und liefert dank der Auswertung bisher nicht zugänglicher Dokumente sogar neue Details dazu. Er thematisiert das Auf und Ab der Nationalmannschaft ebenso wie brisante Felder wie Doping, Frauenfeindlichkeit oder Hooligans. Sein Fokus liegt aber klar auf der wirtschaftlichen Entwicklung. Sehr genau nimmt der Autor auf mehr als 500 Seiten das Finanzgebaren der Bundesligaclubs unter die Lupe, und seine Ergebnisse sind erschütternd. Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren – dieses Prinzip beherrschen nicht nur die Finanzinstitute in der Nach-Lehman-Ära, sondern auch die Clubs der Bundesliga, und zwar von Anfang an, legt er dar. Havemann spricht von „Finanzanarchie“ und „Subventionsmentalität“ und berichtet aus den ersten Jahrzehnten des Profifußballs in Deutschland als einem ewigen „Trott aus Steuerhinterziehung, Bilanzmanipulation und faktischer Insolvenz“.

Oft genug musste der Staat einspringen, um Clubs zu retten, die von unfähigen Managern in den Ruin geführt wurden. „Längst befand man sich auf dem Weg in eine Staatsbundesliga, in der die gut verdienenden Spieler zu einem beträchtlichen Teil von der Gemeinschaft der Steuerzahler alimentiert wurden und in der die Vereine von der Finanzkraft ihrer Kommunen abhängig geworden waren“, schreibt Havemann über eine Phase, in der Gerd Müller, Günter Netzer oder Klaus Fischer ihre große Zeit hatten.

Sehr scharfsinnig analysiert Havemann, der 2005 schon viel Lob für sein Werk Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz geerntet hatte, die Rolle des DFB in diesem Konfliktfeld. Im „Spannungsverhältnis zwischen dem Kulturgut Fußball und den ökonomischen Verwertungsinteressen“ steht der Verband zwischen den Fronten. Er preist den Fußball als Kulturgut, um Subventionen erstreiten zu können. Er betont die Gemeinnützigkeit der Arbeit in den Vereinen, um daraus das Recht auf Steuervergünstigungen ableiten zu können. Aber er will zugleich Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer die Bundesligaklubs (und auch er selbst) genug Geld verdienen können.

Die „von Anfang an bestehende Kluft zwischen dem nüchternen Pragmatismus der Kaufleute und der kulturellen Erwartungshaltung der Fans“ wird in Havemanns Darstellung zu so etwas wie einem Leitmotiv der Bundesliga. „Der Konflikt zwischen der Sehnsucht nach einem ‚sauberen’ Fußball, der nach dem Wunsch vieler Menschen in der romantischen Urform seiner Pioniere erhalten bleiben sollte, und den ökonomischen Verwertungsinteressen seiner Hauptdarsteller und Sachwalter sollte daher die Geschichte der Bundesliga weit über die Anfangsjahre hinaus begleiten“, schreibt Havemann – erst, als sich die Proficlubs 2000 mit der DFL vom DFB abspalteten, war dieser Konflikt beendet.

Dass darunter in erster Linie das Image des DFB litt, zeichnet der Historiker überzeugend nach. Havemann weist auch weitere spannende Kontinuitäten nach: Lokalpolitiker haben sich auch früher gerne wie die besseren Clubmanager oder -Trainer gefühlt. Die wahren Ausmaße der Privilegien, die Fußballprofis genießen, hat man schon in der Zeit der Weimarer Republik am liebsten verschleiert. Früher wurde schöner gespielt und die Spieler hatten mehr Charakter – auch diese Einschätzungen hört man offensichtlich schon seit den Anfangstagen des Fußballs.

Es sind solche Schlussfolgerungen, die Samstags um halb 4 auch für die Fans interessant machen, die nicht zufällig auch Historiker oder Kulturwissenschaftler sind. Erstaunlicherweise hat der Autor nur Akten und Presseberichte ausgewertet und keine Gespräche mit Verbandsfunktionären, Vereinsmanagern oder gar Spielern geführt hat. Auch einige Passagen über Forschungskontroversen wirken mitunter seltsam. Trotzdem ist Samstag um halb 4. Die Geschichte der Fußballbundesliga ein spannendes, sehr erhellendes Buch.

Havemann stellt die Bundesliga als ein Feld dar, „auf dem sich historischen Wandlungsprozesse und kulturelle Befindlichkeiten besonders deutlich niederschlagen. (…) Das große Erkenntnispotenzial speist sich nicht aus der Auflistung von Ergebnissen, der Nennung von Torschützen oder der Nacherzählung von Spielverläufen. Es erschließt sich erst mit der Feststellung, dass der Fußball im 20. Jahrhundert zu jenen wenigen gesellschaftlichen Phänomenen gehörte, welche die Massen noch an sich zu binden vermochten.“ Im sehr guten Kapitel über Fußball als Religion? macht er das am eindrucksvollsten deutlich, auch in anderen Abschnitten spürt Havemann immer wieder erfolgreich der Faszination Fußball nach. Sein Fazit: Der Sport füllt für viele die Rolle aus, „die in den fünfziger Jahren noch politische Vereinigungen, christliche Kirchen oder familiäre Bindungen spielten: Die großen Stadien, die kleinen Vereine und selbst die schlichtesten Bolzplätze sind zu Orten intensiver Gemeinschaftserlebnisse und damit zu Stätten neuer Vergemeinschaftungsprozesse geworden, die weit über den Schlusspfiff hinaus das Leben von Millionen Menschen bestimmen.“

Wer als Fußballmuffel in solchen Schlussfolgerungen eine Überhöhung sieht, wird in Samstags um halb 4 schnell eines Besseren belehrt: Die spannendsten Passagen des Buchs gehen auf Debatten ein, die im ganzen Land geführt wurden, weil die Probleme im Fußball sichtbar waren: Rechtsextremismus, das richtige Verständnis von Patriotismus oder die Gerechtigkeit von Gehältern sind nur drei Beispiele dafür. In letzter Konsequenz bietet dieses Buch tatsächlich so etwas wie eine Erklärung dafür, wie dieser Sport zur schönsten Nebensache der Welt werden konnte – und wie er unser Land geprägt hat.

Bestes Zitat: „Beim DFB herrschte das simple Grundprinzip, sich stets den Wünschen, Vorstellungen und Projektionen von Staat, Politik und Mehrheitsgesellschaft anzupassen, um für seine Fußballgemeinschaft optimale Bedingungen zu schaffen. In dieser einfachen Formel lag das tiefere Geheimnis seiner erstaunlichen Stärke, Vitalität und Überlebensfähigkeit, die allen historischen Umbrüchen trotzte.“

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