Durchgelesen: Oliver Harris – „London Underground“


Autor Oliver Harris

In einem Tunnelsystem unter London spielt der zweite Roman von Oliver Harris.

In einem Tunnelsystem unter London spielt der zweite Roman von Oliver Harris.

Titel London Underground
Originaltitel Deep Shelter
Verlag Blessing
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Nächster Halt: Pfeffingerstraße.“ Verdammt. Was meine Ohren da gerade wahrnehmen, bedeutet: Ich habe das Aussteigen vergessen, meine Haltestelle verpasst, und das erst drei Stationen zu spät bemerkt.

So etwas ist mir schon früher passiert. Einmal bin ich im InterCity eingeschlafen und beinahe erst in Paris wieder erwacht (ein Mitreisender war so freundlich, mich noch innerhalb der Landesgrenzen zu wecken, indem er seinen Hartschalenkoffer auf mich fallen ließ). Einmal bin ich in die falsche Nachtbuslinie gestiegen und habe das erst mitbekommen, als ich irgendwo in Markleeberg gestrandet war (ich war betrunken, und außerdem neu in der Stadt). Und einmal bin ich vor dem Londoner Regen in den nächsten greifbaren Doppeldeckerbus geflohen, der dann leider erst in Fulham wieder seine Türen öffnete (keine schöne Gegend).

Diesmal hat es einen anderen Grund. Ich habe die richtige Station verpasst, weil mein Kopf im neuen Roman von Oliver Harris steckte und meine Gedanken durch London schweiften, dem Schauplatz seines Buchs. London Underground, Nachfolger des hoch gelobten London Killing (2012), ist erneut ein meisterhafter Krimi. Einer von der Sorte, bei dem man alles um sich herum – und eben auch die Haltestellen – vergessen kann.

Züge und Bahnhöfe spielen übrigens eine durchaus wichtige Rolle in diesem Buch. Genauer gesagt: U-Bahn-Stationen. Harris, Jahrgang 1978, lässt wie in London Killing erneut Detective Nick Belsey ermitteln, eine verkrachte Existenz, einen Hans Dampf in allen Gassen mit Methoden hart an der Grenze zur Illegalität. Als „hinreißenden Mistkerl“ hat die schottische Autorin Val McDermid diese Hauptfigur treffend charakterisiert, Holger Kreitling (Die Welt) erkennt in ihm einen „Mann, der ganz zum mächtigen, korrupten, von Geldkreisläufen abhängigen Finanzplatz London passt“.

Belsey liefert sich zu Beginn eine Verfolgungsjagd, sein Verdächtiger kann aber auf mysteriöse Weise fliehen. Der Detective findet heraus: Der Verdächtige hat einen gut versteckten Eingang zu einem Tunnel benutzt. Dort, tief unter der Stadt, hat jemand Drogen und Alkohol versteckt. Belsey will die Kunststudentin Jemma mit einem Date an dem geheimnisvollen Ort beeindrucken – doch sie wird bei diesem Rendezvous tief unter der Stadt entführt, und Belsey findet nur mit knapper Not einen Ausgang aus dem Tunnel.

Auf seiner Suche nach Jemma wird Belsey klar: Es gibt nicht nur einen unbenutzten Tunnel, sondern ein ganzes System mit Verbindungen zu U-Bahn-Röhren und alten Poststrecken – und sein Verdächtiger kennt sich dort bestens aus. Mehr noch: Der Entführer will den Polizisten offenbar auf ein Geheimnis aufmerksam machen, das mit den unterirdischen Gängen verknüpft ist und auf eine Verschwörung hindeuten könnte, die sich vor 30 Jahren abspielte und hochrangige britische Regierungsvertreter ebenso beinhaltete wie sowjetische Spione. „Der Kalte Krieg hat seltsame Dinge mit den Menschen gemacht – und er tut das bis heute. Es gibt da draußen eine Menge Besessene“, erfährt Belsey von einem befreundeten Journalisten, und Harris genießt es, diese These auf knapp 450 Seiten zu untermauern.

Zwischen dem Ermittler und dem Entführer entwickelt sich ein packendes Duell, während Belsey nach und nach die Dimensionen des Falls klar werden, der ihn schnell selbst in höchste Gefahr bringt. Der Detective ist sympathisch und charismatisch, denn er verfügt genau über den richtigen Mix aus Mut und Tatkraft, einem loyalen Netz an Informanten und dem Talent, gezielt die größten Fettnäpfchen anzusteuern, um dann im letzten Moment doch noch den Hals aus der Schlinge ziehen zu können. Mit dem Entführer führt Harris (der einen Doktortitel in Psychologie hat) einen zweiten Erzählstrang ein, der das Wesen des Unterbewussten seziert und ein Ausmaß an konzentrierter krimineller Energie offenbart, das nur von einem Trauma gespeist werden kann.

Nicht zuletzt ist London so etwas wie ein heimlicher Hauptdarsteller in diesem Krimi. Während Belsey auf der Suche nach Jemma durch die Stadt hetzt, betrachtet er Architektur und Landkarten mit ganz neuen Augen. Er sucht nicht nur eine Frau, sondern er sucht eine Stadt, ein geheimes London, das genau unter seinen Füßen liegt, ein paar Meter niedriger als die Wege und Gebäude, die ihm so vertraut erschienen und jetzt immer fremder werden. Und er sucht nach einem Weg in eine Zeit, die längst vergessen scheint.

Dass es einige der Tunnel, durch die Harris seine beiden Protagonisten hasten lässt, wirklich gibt (ebenso wie einige der Militärübungen und Regierungsbehörden aus den 1980er Jahren, die in London Underground erwähnt werden), verleiht dem Roman zusätzliche Faszination. Auch den in Zeiten von NSA-Skandalen subtilen Hinweis, ein Leben unter Tage sei womöglich die einzige Möglichkeit, sich der flächendeckenden Überwachung zu entziehen (erst recht in einer mit Sicherheitskameras übersäten Stadt wie London), darf man diesem Buch als Pluspunkt anrechnen. Vor allem aber ist London Underground wunderbar komplex und clever. Dass außer mir vielleicht noch ein paar mehr Leser ihre Haltestelle verpassen werden, liegt nicht nur an der beträchtlichen Spannung dieses Buches. Sondern auch daran, dass man jedes Kapitel, jede Seite, jeden Absatz hoch konzentriert lesen möchte, um bloß keinen Hinweis in diesem faszinierenden Krimi zu verpassen.

Bestes Zitat: „Etwas, das nie geschehen war, stand in einem eigenartigen Verhältnis zur Zeit. Es konnte nie zur Vergangenheit werden. Es verkantet sich.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.