Durchgelesen: Paula Lambert und Helmut Ziegler – „Brüste – Das Buch“


"Brüste - das Buch" ist eine informative und unterhaltsame Kulturgeschichte.

„Brüste – das Buch“ ist eine informative und unterhaltsame Kulturgeschichte.

Autoren Paula Lambert und Helmut Ziegler
Titel Brüste – das Buch
Verlag Rogner & Bernhard
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Ja, dieses Buch enthält auch Buchstaben. Wer das schade findet, soll sich lieber Coupé kaufen. Wer diese Enttäuschung überwinden kann, der findet in Brüste – das Buch ein Füllhorn an Informationen und Anekdoten rund um das Körperteil, das seit Jahrtausenden als Inspiration (für Künstler), als Quell des Lebens (für Säuglinge), als Waffe (wie derzeit etwa für Femen) und natürlich als Instrument der Verführung die Welt regiert.

Die Autoren Paula Lambert (ansonsten im Einsatz als Sex-Kolumnistin für GQ oder Moderatorin von Im Bett mit Paula bei ZDFkultur) und Helmut Ziegler (als Autor etwa für den für den Spiegel und das Zeit-Magazin tätig) haben in enormer Recherchearbeit ein ebenso spannendes wie unterhaltsames Kompendium zusammengestellt. „Brüste – das Buch ist ein Standardwerk, das alle, aber auch wirklich alle Fragen zum Thema beantwortet. Auch die, die man vielleicht nie hatte“, verspricht der Klappentext, und das Buch wird dem auf mehr als 300 Seiten tatsächlich gerecht.

Lambert und Ziegler widmen sich biologischen und medizinischen Fragen, sie betrachten die Psychologie und Politik des Busens und gehen ausführlich auf die Bedeutung der Brüste und Kunst- und Filmgeschichte ein. Im Ergebnis entsteht so etwas wie die Kulturgeschichte der Brüste, die gerade durch die thematische Breite, Vielzahl der Blickwinkel und ein hohes Maß an Reflexion besticht. „Brüste sind (…) nicht nur ein Symbol für Weiblichkeit an sich, sondern immer auch eine Projektionsfläche dafür, welchen gesellschaftlichen Konventionen und Schönheitsidealen sich Frauen gerade wieder einmal unterwerfen sollten“, betonen die Autoren beispielsweise. Gelegentlich mangelt es zwar an einer überzeugenden Ordnung für die riesige Materialfülle (beispielsweise wirkt die Zuordnung einzelner Fakten zu bestimmten Kapiteln mitunter willkürlich), doch die manchmal etwas chaotische Form wird durch den faszinierenden Inhalt mehr als wett gemacht.

Neben der sehr üppigen und liebevollen Bebilderung und originellen Infografiken (etwa zur Frage, in welchen Ländern wie lange gestillt wird) trägt dazu vor allem die Schreibe bei. Der Tonfall ist charmant und augenzwinkernd, auch in den Texten werden die Autoren nicht allzu freizügig – und wo es doch einmal schlüpfrig wird, brechen sie das durch feine Ironie.

Es gibt sehr beeindruckende Kapitel wie Brüste, die die Welt erschüttern (über die Möglichkeit, mit Brüsten Politik zu machen), 5000 Jahre Verpackungskunst (über den langen modischen Weg hin zum BH) oder Eine kleine Geschichte der Kunst in 79 Brüsten. Was wäre die bildende Kunst, fragen die Autoren darin, ohne „den sehr persönlichen Blick von Künstlerinnen und Künstlern, deren vielfältige Arten, Brüste zu malen, tiefe Einblicke in ihre Sehnsüchte, ihr privates Glück und ihre seelischen Abgründe gestatten? Jedes Gemälde sei im Grunde ein gespiegeltes Selbstporträt, heißt es oft. Es verrät viel über den Blick des Künstlers und darüber, wie er etwas sehen will, mindestens genauso viel wie über das, was er tatsächlich sieht. Und so erzählen die in Tausenden von Jahren abgebildeten Brüste indirekt immer auch eine Kulturgeschichte der Lust, der Selbstfindung und des Geschlechterkampfes.“

Auch die tolle Gedicht-Collage mit Zeilen aus Werken von Boccaccio, Grimmelshausen, Tucholsky, Goethe oder, selbstverständlich, Casanova ist ein Highlight, ebenso wie die sehr persönliche Betrachtung von Paula Lambert über ihre eigenen Erfahrungen mit ihren Brüsten. „Mein Auftritt in der Schule am nächsten Morgen glich einem Triumphzug. Das Wort hatte die Runde gemacht, ich trüge jetzt einen BH“, erinnert sie sich darin. „Die Mädchen starrten mich neidisch an und die Jungs versuchten sich in obszönen Gesten, weil sie wussten, dass ich in meinem BH etwas trug, das sie später unbedingt anfassen wollen würden, obwohl sie noch keine Ahnung hatten, warum.“

Die größte Stärke von Brüste – das Buch ist aber der Blick für das Abseitige, für Kurioses und Skurriles. So erfährt der Leser (das wird wohl der Normalfall sein, auch wenn das Buch sicherlich auch für Frauen die eine oder andere Überraschung bereithalten dürfte) unter anderem, dass Nippel bis zu vier Zentimeter lang sein können, dass Frauen vom Stillen einen Orgasmus bekommen können und dass im Jahr 1898 erstmals nackte Brüste auf einem Kinoplakat zu sehen waren (also schon drei Jahre, nachdem der weltweit erste Film überhaupt aufgeführt wurde). Brüste – das Buch thematisiert dabei auch all das, was wir nicht wissen über dieses faszinierende Körperteil: Warum sieht die Brust so aus, wie sie aussieht? Warum fängt sie an zu wachsen und warum hört sie damit auf? Und, nicht zuletzt: Was zum Teufel finden Männer eigentlich so unwiderstehlich daran?

Bestes Zitat: „Es wäre zwar übertrieben, das gesamte künstlerische Schaffen auf die Faszination für weibliche Formen zurückzuführen. Aber ohne die Besessenheit und unvorstellbare Freude, mit der zahllose Maler und Bildhauer Brüste geformt, verehrt, verzerrt, geschönt, enthüllt, begehrt, bestaunt und gefeiert haben, käme der Kunst ein Großteil ihres Reizes und ihrer sinnlichen Tiefe abhanden.“

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