Durchgelesen: Paule Constant – „White Spirit“


Autor Paule Constant

Cover des Buchs "White Spirit" von Paule Constant

Viele skurrile Figuren bevölkern „White Spirit“.

Titel White Spirit
Verlag Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr 1989
Bewertung

Nirgendwo in Afrika könnte der passende Titel für den fünften Roman von Paule Constant sein. Denn genau dort landet ihr Protagonist. Victor ist 20, bei seiner Großmutter in der französischen Provinz aufgewachsen, hat gerade seinen Abschluss in der Tasche und hofft jetzt auf eine große Karriere: Er soll nach Afrika und dort die Niederlassung einer Handelskette leiten. Doch statt einer verantwortungsvollen Aufgabe im weltweiten Handelsnetz erwartet ihn ein Trip mitten in den Busch, wo sich selbst bei größtem Verkaufstalent keine Geschäfte machen lassen.

Denn die Produkte in der Ressource de l’Africain, die Victor an den Mann bringen soll, sind durchweg unbrauchbar. Der Laden ist eine Resterampe für all den Krempel, den die erste Welt nicht mehr haben will. Das einzige Produkt, das bei seinen Kunden erstaunliches Interesse erweckt, ist ein toxisches Pulver namens White Spirit, dessen Verwendungszweck niemand kennt. Als sich herausstellt, dass es die Haut bleicht, steigt die Nachfrage aber rapide an.

Wer das ein wenig plump findet, liegt nicht falsch. Die 1944 geborene Paule Constant, die viele Jahre selbst in Afrika gelebt hat, blickt auf den Kontinent, als sei er eine ganz besonders faszinierendes Exponat im Museum der menschlichen (Fehl-)Entwicklung und als seien seine Bewohner ganz besonders possierliche Exemplare im Menschenzoo. Sie schwankt zwischen messerscharfer Satire und sehr expliziter Zivilisationskritik. Und sie lässt in die gut 320 Seiten von White Spirit einen Weltekel fließen, der auch durch die höchst elegante Sprache nicht wettgemacht wird.

„Das größte Verdienst von Paule Constant ist es, dass sie uns mit diesem Buch das Lesen um des Lesens willen wieder beibringt“, hat Le Figaro diesen Roman zwar gelobt. Aber selbst diese blumige Sprache trägt dazu bei, dass White Spirit oft krude (vor allem durch den kitschigen Schluss), überambitioniert und gelegentlich selbstverliebt wirkt und einen mitunter herablassenden Ton anschlägt.

Paule Constant bevölkert ihr Szenario mit allerlei skurrilen Figuren wie einer einäugigen Puffmutter, einem Mann, der sich von einer Schimpansin den Haushalt führen lässt, oder einer riesigen Schwarzen, die Lebensmittel in winzigen Dosen verkauft und damit deutlich bessere Umsätze erzielt als Victor. In diese Reihe passt auch die Prostituierte Lola, in die sich Victor auf der Überfahrt aus Frankreich verliebt und die er dann in Afrika wieder trifft, als Geliebte des Plantagenbesitzers, nach dessen Pfeife in seiner neuen Heimat alle tanzen.

Eine erstaunliche Qualität hat der Roman, 1989 im Original und 1997 erstmals in deutscher Übersetzung (von Uli Aumüller) erschienen, dann doch: Aktualität. Für die Handlung ist kein klarer Ort benannt und keine klare Zeit, man weiß nur: White Spirit spielt irgendwo in Afrika, irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber viele der aktuellen Konflikte sind hier schon thematisiert: Megacities und Monokulturen, Klimawandel und Korruption, Flüchtlingsströme und Fatalismus.

Dass all dies den Kontinent auch ein Vierteljahrhundert später noch umtreibt, bestätigt vielleicht die These, die Paule Constant hier in Literatur fasst: Alles, was der Westen vorgeblich zum Wohle Afrikas getan hat (Ökonomisierung, Zivilisierung, Christianisierung) ist gescheitert. Und alles war von Anfang an nur mit dem Ziel versehen, die Afrikaner unmündig zu halten.

Bestes Zitat: „In der aus dem Ruder laufenden Gesellschaft gab es immer Plätze zu wenig, und sein Platz war eben der, der fehlte. (…) Für das, wozu er diente, brauchte man nichts zu sein, noch weniger als das, was er war. Damit die anderen sich stark, schlau und siegreich fühlten, spielte er die unerlässliche Rolle des Trottels, des Naiven, des Doofen, er war der Dumme vom Dienst.“

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