Durchgelesen: Peter Frankopan – „Licht aus dem Osten“


Autor Peter Frankopan

Licht aus dem Osten Peter Frankopan Kritik Rezension

Die Weltgeschichte aus der Sicht Asiens erzählt Peter Frankopan in „Licht aus dem Osten“.

Titel Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt
Originaltitel The Silk Roads. A New History Of The World
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

„Wer die Welt verstehen will, der muss Frankopan lesen“, hat die Frankfurter Rundschau gerade geschrieben. Es ist ziemlich lange her, dass ein Historiker mit einem solch absoluten Lob überschüttet wurde. Natürlich haben auch Christopher Clarks Schlafwandler reichlich Wellen geschlagen, allerdings eher als Kontroverse. Bei Peter Frankopan, Leiter des Zentrums für Byzantinische Studien an der Universität Oxford, ist das Urteil hingegen einhellig: Auch er wählt eine ungewöhnliche Perspektive, um eine Neubewertung wichtiger historischer Lehrmeinungen anzustoßen. Und es gelingt ihm meisterhaft. Licht aus dem Osten ist ungemein erhellend, mutig und aktuell.

Dabei wirkt der Anspruch des Sachbuchs zunächst geradezu wie Hybris. „Eine neue Geschichte der Welt“ lautet der Untertitel. Peter Frankopan möchte „die Leser dieses Buches dazu inspirieren, die Geschichte einmal auf andere Weise zu betrachten“, schreibt er im letzten Satz seines Vorwortes. Nicht Europa oder die USA, sondern der Nahe und Mittlere Osten sind hier der Nabel der Welt. Aus ihrer Sicht wird das Geschehen betrachtet. Der 1971 geborene Autor zeigt die unzähligen Errungenschaft dieser Regionen auf, in deren Hochkulturen so bedeutende Erfindungen wie das Geld, das Schießpulver und die monotheistischen Weltreligionen gemacht wurden. Er nimmt eine gigantische Zeitspanne von mehr als 2500 Jahren in den Blick, um klarzumachen: Die Epoche, in der Europa den Gang der Welt bestimmte, ist ein historischer Ausreißer. Später stellt er klar, wie wichtig dieser von ihm propagierte Blickwinkel ist, gerade angesichts der aktuellen politischen Krisensituationen etwa in der arabischen Welt: „Das eigentlich Verblüffende an den Ereignissen der vergangenen Jahrzehnte ist, dass dem Westen der Blick für die Weltgeschichte fehlte – für das große Bild, die breiten Themen und die groben Muster, die in der Region zum Tragen kommen.“

Die Idee, am europäischen Weltbild zu rütteln, um Missverständnisse, Ignoranz und durchaus auch Arroganz aufzuzeigen, steht im Zentrum von Licht aus dem Osten und ist in einem solchen Ausmaße aufschlussreich, wie man es schon lange nicht mehr in einer historischen Gesamtdarstellung erleben durfte. Peter Frankopan legt die regionalen und kulturellen Scheuklappen ab und wird dabei auch deshalb so anschaulich, weil er größte Sachkunde mit sprachlicher Klarheit, sogar literarischer Eleganz verbindet. Immer wieder macht er einen Querschnitt zu bestimmten Zeitpunkten oder nimmt sehr große Zeiträume zugleich in den Blick. Dann gelingen eindrucksvolle Beispiele wie dieses: „Städte wie Merw, Gundischapur und sogar Kaschgar, die Oasenstadt, die als Tor zu China galt, hatten lange vor Canterbury Erzbischöfe. (…) Samarkand und Buchara (im heutigen Usbekistan) waren ebenfalls schon tausend Jahre, bevor das Christentum nach Amerika gebracht wurde, die Heimat prosperierender christlicher Gemeinden. Selbst im Mittelalter gab es in Asien viel mehr Christen als in Europa.“

Viele der gängigen Thesen in der westlich geprägten Geschichtsdarstellung werden von ihm ins Wanken gebracht. Waren die Kreuzzüge der Versuch der lateinischen Welt, im Heiligen Land wieder ihre ursprüngliche kulturelle Dominanz durchzusetzen? Nein, vielmehr machten sich Heere aus lange Zeit rückständigen – und für die wirklichen kulturellen Zentren dieser Zeit zuvor meist irrelevanten – Regionen in den Nahen Osten auf. „Die Zeitläufe hatten dazu geführt, dass sich der Westen plötzlich von sich aus in den Mittelpunkt der Welt bewegte“, setzt der Autor dieses Kapitel der Weltgeschichte in neuen Kontext. War es wirklich die intellektuelle Blüte der Aufklärung, die Europa etwa ab dem 18. Jahrhundert kulturell, wirtschaftlich und militärisch immer mehr erstarken ließ? Mindestens ebenso wichtig war die Bedeutung der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien um das Kap der guten Hoffnung, arbeitet Frankopan heraus. Sie bildeten die Basis für die gemächliche Verschiebung von Handelsrouten weg von der Seidenstraße und etablierten so nach und nach neue Machtverhältnisse. Freilich lesen wir lieber über den Siegeszug von Bildung und geistigen Idealen in unseren Geschichtsbüchern als über die Ausrottung indigener Völker, die Plünderung ganzer Kontinente und das florierende Geschäft mit dem Sklavenhandel. Stagnierte das osmanische Reich im 17. Jahrhundert, weil es sowohl vom Westen als auch von Persien bedroht wurde und einen solchen Zweifrontenkrieg kaum finanzieren konnte? Höchstwahrscheinlich hat ein damals stattfindender Klimawandel viel stärker dazu beigetragen, meint Frankopan.

Mit solchen Gedanken sorgt der Autor immer wieder für Aha-Momente. Er erreicht eine sehr eindrucksvolle, beinahe spielerisch wirkende Verbindung von Ideen-, Personen- und Alltagsgeschichte. Besonders hilfreich dabei ist seine sehr treffsichere Auswahl von Zitaten, die nicht immer aus den prominentesten Quellen stammen, aber stets sehr exemplarisch sind. Insgesamt ist er etwas zu verliebt in den Begriff der „Seidenstraße“, der dem Buch im englischen Original auch den Titel verliehen hat. Er sieht etliche Reinkarnationen dieser Route, nicht nur als Handelsweg, sondern auch als eine Verbindung, über die Ideen, Sehnsüchte und Vorurteile zwischen den Kontinenten wandern. Das mag als Idee noch überzeugen, führt aber durch die Einführung der „Seidenstraße“ als Oberbegriff für ganz unterschiedliche Zeitalter und Exportgüter zu begrifflichen Unschärfen. Doch das ist fast der einzige Mangel an Licht aus dem Osten: Insgesamt gelingt ein faszinierendes Panorama, das nicht nur bedeutende Zusammenhänge (so wird deutlich, dass die Verbindung zwischen Religion und gewaltsamer Expansion für fast alle Religionen in fast allen Zeiten gilt) und faszinierende Kontinuitäen aufzeigt, sondern auch etliche längst vergessene oder bewusst geleugnete Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West herausarbeitet.

Auch deshalb ist Licht aus dem Osten für Europa ein sehr unbequemes Buch. Das gilt zum einen mit Blick auf seine Vergangenheit, der die Basis bildet für seinen wohl noch immer verbreiteten Glauben, es gebe eine historische, womöglich gar natürliche Legitimation für seine Hegemonie. Wie gewagt die Idee ist, Europa (bei strengerer Betrachtung sogar: nur Nordwesteuropa) könne mit weniger Einwohnern, weniger Fläche und weniger Bodenschätzen als viele andere Regionen der Welt so etwas wie die dominierende Kraft auf dem Planeten sein und bleiben, macht Peter Frankopan schonungslos klar.

Sein Buch zeigt auch, wie falsch der Gedanke wäre, unser Kulturkreis sei seit Menschengedenken ein Hort der Zivilisation, womöglich gar mit dem Auftrag ausgestattet, die Segnungen seiner Gesellschaft in andere Gegenden der Welt zu tragen. Europas Charakter erscheint, nimmt man den großen Maßstab, vielmehr „im Vergleich zu dem andererer Teile der Welt besonders aggressiv und feindselig“, stellt Frankopan überzeugend dar. Wettbewerb, Habsucht, Skrupellosigkeit, Hochmut, Egoismus – dies waren entscheidende Faktoren für seinen Aufstieg, jahrhundertelang. „Nur ein europäischer Autor konnte zu dem Schluss gelangen, dass der Mensch im Naturzustand unter Bedingungen stetiger Gewalt gelebt habe“, meint Frankopan beim Blick auf Thomas Hobbes ‚ Leviathan, und zeigt auch damit erneut den Widerspruch zwischen geschichtlichen Fakten und historischem Selbstbild auf, schließlich gilt Hobbes mit seinem Konzept des Gesellschaftsvertrags als einer der Wegbereiter der Aufklärung.

Zum anderen gilt die Mahnung, die in diesem Buch steckt, auch beim Blick auf die Zukunft des Westens. Gerade in seinen letzten Kapiteln zeigt Peter Frankopan die fatalen Folgen von Imperialismus im Allgemeinen und der prinzipienlosen Kurzsichtigkeit der westlichen Mächte im Besonderen, als sie versuchten, den Nahen und Mittleren Osten in den letzten 100 Jahren zu beherrschen. Wie viel Grund die Menschen im Iran oder in Afghanistan, im Irak oder in Syrien haben, Europa und den USA mit Skepsis und Misstrauen zu begegnen und wie leicht es ist, die Religion zu nutzen, um daraus Hass und Gewalt werden zu lassen, führt Licht aus dem Osten auf beinahe schmerzhafte Weise vor Augen. Wie schwierig damit die Ausgangsbedingungen für ein langfristig harmonisches Miteinander sind, kann nach der Lektüre dieses Buches niemand bestreiten.

Frankopan ist hinsichtlich einer friedlichen Zukunft nicht ohne Hoffnung, aber als Voraussetzung dafür betrachtet er offensichtlich und einleuchtenderweise die Bereitschaft des Westens, seine Perspektive zurechtzurücken und seinen eigenen Stellenwert (inklusive seines Wertesystems) zu hinterfragen. Denn schon bald könnten, auch diese Prognose steckt kaum verklausuliert in diesem Buch, Europa und die USA nicht mehr am längeren Hebel sitzen, wie sein Blick auf aktuelle Krisen zeigt: „Was wir erleben, sind (…) die Geburtswehen einer Region, die einst die intellektuelle, kulturelle und wirtschaftliche Landschaft dominierte und die jetzt wieder aufsteigt. Wir sehen Anzeichen dafür, dass sich das Gravitationszentrum der Welt verschiebt – zurück in die Region, wo es jahrtausendelang gelegen hat.“

Bestes Zitat: „Wir halten Globalisierung für ein modernes Phänomen, aber schon vor zweitausend Jahren war sie Realität, eine Tatsache, die Chancen bot, Probleme schuf und technologischen Fortschritt anstieß.“

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