Durchgelesen: Peter Longerich – „Hitler“


Autor Peter Longerich

Buchkritik Rezension Hitler Biographie Longerich

Nach Himmler und Goebbels nimmt sich Peter Longerich nun einer Hitler-Biographie an.

Titel Hitler
Verlag Siedler
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Das war abzusehen. Nach Biographien über Heinrich Himmler (2008) und Joseph Goebbels (2010) hat sich Peter Longerich nun an die Spitze der NS-Hierarchie vorgearbeitet. Der Professor für moderne Geschichte am Royal Holloway College der Universität London, der seit 2013 zudem an der Universität der Bundeswehr in München lehrt und forscht, veröffentlicht eine fast 1300 Seiten starke Lebensgeschichte von Adolf Hitler. Und er weiß genau, was er – auch ein paar Wochen, bevor die kommentierte Neuausgabe von Mein Kampf erscheinen wird – damit zuerst für eine Frage auslöst: Muss das sein?

Dass die Standardwerke in dieser Hinsicht längst vorliegen, räumt der 1955 geborene Longerich in seinem Buch früh ein. Explizit positioniert er sich zu den entsprechenden Hitler-Biographien von Ian Kershaw, Hans Mommsen und Joachim Fest. Natürlich betont er dabei das Neue an seinem Werk, und man kann diese These bei der Lektüre durchaus bestätigt finden. Die Stärke von Longerichs Buch sind dabei nicht so sehr neue Quellen (das wäre ja auch geradezu sensationell), sondern neue Schlussfolgerungen, die er aus dem bestehenden Wissen zieht.

Die erste davon lautet: So verbohrt und unnachgiebig Adolf Hitler in seinen späten Jahren erscheinen mag, so wenig kann bei ihm von einer Konsistenz der politischen und moralischen Vorstellungen oder gar von einem Weltbild „aus einem Guss“ die Rede sein. Der Autor hat Hitlers Persönlichkeit mit mehreren Psychoanalytikern und Psychotherapeuten diskutiert und kommt zum Schluss: Die Ideale von fester Gesinnung, Gradlinigkeit, Treue oder Ordnungsliebe, die sein Regime propagierte, sind bei ihm selbst kaum anzutreffen.

Hitler erscheint in dieser Biographie als unkoordiniert und chaotisch in seinen persönlichen Beziehungen, als taktierend und verlogen in seinen politischen Strategien und Vereinbarungen. Nach dem gescheiterten Putschversuch 1923 ist er nach Ansicht Longerichs „ein in jeder Hinsicht in seinem bisherigen Leben gescheiterter Wirrkopf“. Sein politischer Wankelmut umfasst sogar Phasen, in denen er mit linken Soldatenräten anbandelt oder weit davon entfernt ist, als fanatischer Antisemit gelten zu können.

Seine Unberechenbarkeit wurde für Hitler, als er an der Macht war, allerdings ein wichtiges Werkzeug für das Management von Begünstigungen und Sanktionen, das er schließlich zu einem Wesensmerkmal seiner Regierung machte. „Die Unübersichtlichkeit, der Mangel an klaren Führungs- und Entscheidungsstrukturen sowie das Gerangel der einzelnen Entscheidungsträger stellten Hitlers unumschränkte Macht sicher und eröffneten ihm zahllose Möglichkeiten, fallweise in ein System einzugreifen, dessen funktionale Mängel Voraussetzung für seine eigene Omnipotenz waren“, hat Longerich analysiert.

Dieser Opportunismus steht im erstaunlichen Kontrast zur von Hitler selbst gepflegten Legende, er habe ein ganzes Leben in den Dienst einer unabänderlichen, ewigen Idee gestellt. Es ist bezeichnenderweise genau diese Selbstinszenierung, die nach Longerichs Lesart als einzige Konstante dieses Lebens erscheint, schon in frühen Jahren einsetzt und bis zu den letzten Atemzügen reicht. Das Buch zeigt auch, wie sehr sich Hitler als Objekt einer solchen Inszenierung eignete: Er ist nur Politiker, sonst nichts. Es gibt keine Lebensbereiche, die er verbiegen oder verschweigen musste, damit sie mit dem propagierten Image übereinstimmen. Das Persönliche, wie sein Liebesleben, seine Krankengeschichte oder Kindheit, wird hier zwar gestreift, aber letztlich als irrelevant gekennzeichnet.

Die zentrale Rolle dieser Inszenierung, die oftmals eigentlich gemeint ist, wenn von Hitlers Charisma die Rede ist, stellt der Autor immer wieder heraus. „Mit dem Repressionsapparat, der kleinräumigen Überwachung der Volksgenossen, der Kontrolle der Öffentlichkeit sowie dem zentralen Projekt der ‚Volksgemeinschaft’ haben wir in aller Kürze den Rahmen konstruiert, in dem Hitlers Charisma innerhalb des Herrschaftssystems funktionierte. Es handelte sich eben nicht um eine ‚reine’, reale Beziehung zwischen ‚Führer’ und ‚Volk’, sondern in erster Linie um die Legitimationsstrategie einer Diktatur, die zur Erzeugung und Sicherstellung des Charismas ein umfangreiches Instrumentarium in der Hand hatte“, stellt er fest, um dann auszuführen: „Bei aller Kritik an den Unzulänglichkeiten des Regimes musste der Glaube an den ‚Führer’ von Zweifeln unberührt sein. Das war gewissermaßen die Geschäftsgrundlage, auf der Hitlers Herrschaft beruhte.“

Die dritte und wichtigste Schlussfolgerung des Buches lautet: Innerhalb der NSDAP und später als Reichskanzler und „Führer“ verfügte Adolf Hitler über eine quasi unumschränkte Handlungsautonomie, deren Ausmaß selbst für die gängigen Standards einer Diktatur herausragend erscheint. Viel stärker als bisherige Biographien stellt Longerich in seinem Werk das eigene Agieren seiner Titelfigur ins Zentrum. Hitler dominiert, auch in ganz entscheidenden Fragen seiner Amtszeit wie Euthanasie, Kirchenpolitik oder Judenverfolgung. Es ist sein persönliches Urteil, das den Ausschlag gibt. Es sind seine Ziele, die allgemeinverbindlich werden.

Das gilt in Longerichs Darstellung auch und ganz besonders in allen kritischen Momenten seiner Herrschaft. „Hitler wurde weder von einer Massenbewegung ins Kanzleramt getragen noch von einer konservativen Camarilla, die ihn instrumentalisieren wollte, in den Sattel gehievt. [… Es] muss das Moment von Hitlers persönlichem Handeln ins Zentrum gerückt werden“, schreibt er etwa über die „Machtergreifung“. Ein weiteres Beispiel ist das Zustandekommen der „Endlösung“, für das man sich „die zentrale, diese gesamte Politik des Regimes vorwärtstreibende Rolle des Diktators vergegenwärtigen [müsse], seine Kriegsziele, sein durch und durch rassistisches Denken und seine imperialen Vorstellungen. Im Schnittpunkt dieser verschiedenen Denkachsen entwickelte er im Frühjahr und Sommer 1942 seine radikalen Vorstellungen zur ‚Lösung der Judenfrage’ und setzte sie durch.“

In seiner Bilanz am Ende des Buches unterstreicht Peter Longerich noch einmal: „Es bedurfte einer politischen Figur, die es verstand, diese Voraussetzungen und Kräfte zu nutzen, zu bündeln und für einen politischen Prozess zu kanalisieren, der die Verwirklichung ihrer eigenen Ziele und Vorstellungen zum Ziel hatte. Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Angesichts dieser Schlussfolgerung wirkt das Titelbild des Buches immer seltsamer, je weiter man mit der Lektüre gekommen ist. Adolf Hitler ist darauf in einer zögerlichen, zaudernden Pose zu sehen, mit beinahe grüblerischer Miene, zwischen Hoffen und Bangen, als warte er auf ein Signal von außen. Er wird fast erdrückt vom schwarzen Hintergrund. Die knapp 1300 Seiten hinter diesem Buchdeckel zeichnen ein anderes Bild: Hitler als Macher und Anpacker, als ein Mann, der aus eigener Herrlichkeit heraus handelt und rücksichtslos Einfluss nimmt, bis in die kleinsten Lebensbereiche seines Volks hinein.

Dieses Bild fügt den Lebensbeschreibungen aus der Feder von Kershaw, Mommsen oder Fest durchaus interessante neue Facetten hinzu. Noch einen Pluspunkt hat die Hitler-Biographie von Peter Longerich: Er zeigt sehr gut und für viele Bereiche der NS-Herrschaft das Zusammenspiel von System und Person, das im Zusammenspiel von Propaganda und Charisma seine Entsprechung findet.

Ein großes Defizit bringt der Schwerpunkt auf Hitlers Handlungsautonomie aber auch mit sich. Longerich betont oft (man könnte manchmal glauben: wo immer es geht) die Differenzen zwischen Führer und Volk. Beispielsweise attestiert er, ganz anders als das etwa Nicholas Stargardt zuletzt getan hatte, eine weit verbreitete Kriegsunlust im Volk und sogar bei den Militärs. Oder er legt nahe, die Pogrome im Dritten Reich seien in erster Linie auf frustrierte SA-Leute zurückzuführen und keineswegs Ausdruck eines allgemeinen, sich gewaltsam Bahn brechenden Antisemitismus.

Das hat einen irritierenden Effekt: Gerade weil Longerich die aktive Rolle von Adolf Hitler so sehr betont, wirkt das mit Hinblick auf Mittäter und Mitläufer mitunter apologetisch. Gerade weil Hitler hier so sehr als Macher und Strippenzieher gezeichnet (und mit entsprechender Verantwortung belastet) wird, erscheinen viele andere in diesem System weniger verantwortlich.

Freilich ist Longerich, unter anderem durch seine Bücher Politik der Vernichtung (1998) und Davon haben wir nichts gewusst! (2006) freigesprochen vom Verdacht, die späteren Generationen der Deutschen nicht mehr allzu sehr mit historischer Verantwortung zu behelligen. Mit guten Gründen bestreitet er, dass es im Dritten Reich eine „Identität von Führung und Volk“ gegeben habe. Dennoch wirkt es manchmal fast befremdlich, wie weit er das, was in Hitlers Kopf und in der Reichskanzlei, der Wolfsschanze oder am Obersalzberg passierte, von dem auseinanderdividieren möchte, was an unzähligen anderen Stellen im Reich durch die Köpfe und Hände unzähliger anderer Menschen geschah.

Auch innerhalb seiner eigenen Darstellung ist diese Argumentation zumindest erstaunlich. Wie Ein Niemand (so betitelt Longerich seinen Prolog), der in der ersten Hälfte seines Lebens mit nahezu all seinen Ambitionen scheiterte, in der zweiten Lebenshälfte zum Fixstern einer Partei, einer Ideologie und eines Volkes werden konnte, und diese Position dabei – so Longerich – zu großen Teilen aus seinem eigenen Geist und seiner eigenen Autorität heraus füllte und ausbaute, kann er jedenfalls nicht plausibel machen. Der Versuch, Hitler das Genialische zu nehmen (in der Zeit seines Aufstiegs nach dem Ersten Weltkrieg und mehr noch in der Zeit davor), lässt sich mit dem hier angedeuteten Konzept des Dritten Reichs als Ein-Mann-Unternehmen kaum vereinbaren.

„Die extreme Konzentration von Macht in den Händen einer einzelnen Person aus dem Zusammenspiel von äußeren Umständen und ihrem persönlichen Handeln zu erklären, ist damit das zentrale Problem einer Hitler-Biographie“, schreibt Peter Longerich zutreffend in seiner Einleitung. „Es geht darum, einerseits die Kräfte darzustellen, die Hitler bewegten, und andererseits die Kräfte, die Hitler in Bewegung setzte.“ Das Problem seines Buches ist, dass er Erstere zwar nicht ignoriert, aber Letztere deutlich überbetont.

Bestes Zitat: „De facto beruhte Hitlers Position mithin nicht auf einem vermeintlichen Charisma, so sehr das Regime dies auch propagierte, sondern sie fußte auf den Machtmitteln der Diktatur: auf der Beherrschung der Öffentlichkeit (…), auf einem gut organisierten, eine Aura des Schreckens verbreitenden Repressionsapparat sowie auf der kleinräumigen Kontrolle der ‚Volksgenossen’ durch den weit verzweigten Apparat der NSDAP und ihrer Unterorganisationen. Dank konsequenter Nutzung dieser Machtmittel verschaffte der Diktator sich maximalen Handlungsspielraum. Das galt erst recht unter den Bedingungen des Krieges.“

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