Durchgelesen: Peter Schnieders – „Im Spiegel des Bösen“ 1


Wie "Tatort" in echt funktioniert, zeigt Peter Schnieders in seinem Buch.

Wie „Tatort“ in echt funktioniert, zeigt Peter Schnieders in seinem Buch.

Autoren Peter Schnieders und Fred Sellin
Titel Im Spiegel des Bösen. Ein Kriminalkommissar erzählt
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Blut. Überall Blut. Das war es in der Regel, was Peter Schnieders im Dienst begegnete. Blut, das an Türen klebt, unter Waschmaschinen vergessen wurde oder Hemden durchtränkt. Denn Schnieders war Polizist, Mordkommission, ein halbes Leben lang. Über seine Erfahrungen hat er nun ein Buch geschrieben. Im Spiegel des Bösen zeigt, wie Polizeiarbeit jenseits von Tatort und Polizeiruf funktioniert. Dass die echten Fälle oft viel blutiger sind als die im Fernsehen, ist dabei nur ein kleines Detail.

«Man darf sich Ermittlungen bei einem Tötungsdelikt nicht im Eiltempo vorstellen. Klar muss es schnell gehen, doch vor allem ist Gründlichkeit gefragt. Was man in Filmen sieht, stellt immer eine Art Zeitraffer dar», schildert er an einer Stelle im Buch einen weiteren entscheidenden Unterschied. Es gibt noch mehr solche Aufklärungsarbeit, gespeist aus einem reichen Erfahrungsschatz. Der Leser erfährt beispielsweise, dass Beweisstücke in Papiertüten viel besser aufgehoben sind als in Plastikbeuteln, dass Pathologen auch sympathisch sein können oder die Aussagen von Zeugen in der Regel mit Vorsicht zu genießen sind. All das sind spannende Hintergründe für Krimifans.

Mehr als 1000 Leichen hat Schnieders in seinen 43 Dienstjahren gesehen, schätzt er. 36 Jahre war er bei der Kriminalpolizei, zuletzt Leiter des Kommissariats K 11 in Köln, das für Tötungsdelikte und ungeklärte Todesfälle zuständig ist. In Im Spiegel des Bösen erzählt er von zehn seiner schwierigsten Fälle, und das ist mindestens so spannend wie ein durchschnittlicher Sonntagabend-Krimi. Es geht um Mord aus Habgier, Beziehungstaten, Rache im Rotlichtmilieu oder das Attentat auf Oskar Lafontaine im April 1990, mit dessen Aufklärung Schnieders beauftragt war.

Gerne streut er in die einzelnen Fälle, die in seiner Darstellung aus dem Rückblick des Ermittlers eine Art Aktenzeichen XY-Ästhetik bekommen, Anekdoten ein oder verknüpft sie anhand von Rückblenden mit anderen Verbrechen. Einmal wird ein komplettes Vernehmungsprotokoll zitiert, und auch sonst ist es die größte Stärke von Im Spiegel des Bösen, dass man jedem Wort anmerkt, wie authentisch das Geschehen ist. Gerade im Kontrast zu der Vorstellung, die wir alle durch Fernsehkrimis vom Job der Ermittler haben, ist das überaus reizvoll. Schnieders, der das Buch gemeinsam mit dem Journalisten Fred Sellin verfasst hat, gibt Einblicke in die Strukturen der Polizei, liefert Fachwissen zur Spurensicherung oder erklärt psychologische Eigenheiten von Tätern, Verdächtigen und Zeugen.

Gelegentlich gibt er auch Einblicke in sein Gefühls- und Privatleben. Seine Familienverhältnisse fasst er mit dem knappen Satz «Zwei Versuche, zweimal gescheitert», zusammen. Er macht deutlich, wie es sich anfühlt, wenn man den Angehörigen eines Opfers die Nachricht von dessen Tod überbringen muss. Auch Ekel, Ohnmacht, Wut, Ungeduld und das berühmte Bauchgefühl spielen eine große Rolle in diesem Buch. Gerade dann vermeint man in Peter Schnieders doch den einen oder anderen TV-Kommissar erkennen zu können.

Bestes Zitat: «Wir klingelten. Kurz darauf riss jemand die Tür auf, ein kleiner Junge, vielleicht fünf. Hinter ihm tauchte seine Mutter auf, die ein Mädchen im Arm hielt. Die Situation kann man schwer beschreiben. Wie das Lächeln aus ihren Gesichtern wich, mit dem sie den Familienvater begrüßen wollten. Und dann sieht man sie an und weiß, dass sie es wissen, ohne es zu wissen. Das ist irgendwie immer so. Oder es kommt einem nur so vor. Bevor wir auch nur eine Silbe herausbrachten, sagte die Frau direkt: ‹Es geht um meinen Mann, nicht wahr?›»

Diese Rezension gibt es mit einer Fotostrecke mit Hintergründen zum Tatort auch bei news.de.


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