Durchgelesen: Robbie Williams – „Somebody Someday“


"Somebody Someday" ist ein Tourtagebuch und Psychogramm.

„Somebody Someday“ ist ein Tourtagebuch und Psychogramm.

Autor Mark McCrum
Titel Robbie Williams – Somebody Someday
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

Inside my tour, my head, my pants, lautet der Untertitel von Somebody Someday. Das ist tatsächlich nicht zu viel versprochen. Die große Stärke dieses Buchs ist die aus heutiger Sicht kaum zu fassende Nähe, die Autor Mark McCrum während der „The Sermon On The Mount“-Tour 2000/01 zu Robbie Williams hatte. Schließlich hatte der gerade das Killer-Album Sing When You’re Winning veröffentlicht und konnte schon damals mit Fug und Recht als größter Popstar der Welt gelten. Aber er war noch nicht der mystische Robbie, der immer wieder abstürzte, immer wieder begeisterte, der Swing wieder in Mode brachte und schließlich sogar die im Jahr 2001 noch absurd klingende Idee einer Take-That-Reunion zu einem Triumphzug machen sollte.

McCrum schafft es tatsächlich, zum Wesen dessen vorzudringen, was Robbie Williams ausmacht, und er entlockt dem Superstar erstaunliche Geständnisse wie dieses: „Wenn du kein Selbstvertrauen hast und jeden Abend auf die Bühne musst, dann ist das nichts als Arbeit, eine verdammt schwere Arbeit. Das Einzige, was mich in dieser Zeit dazu gebracht hat – und dabei möchte ich nicht wie ein Geldraffer klingen – war Geld. Einfach, weil ich so viel Kohle wie möglich machen musste, ehe jeder merken würde, dass ich einfach Scheiße bin, und sich alle von mir abwandten. Weil ich dachte, es müsste zwangsläufig so kommen.“

Somebody Someday ist ein Tourtagebuch, das eine einfache Geschichte erzählen will: Der Aufstieg eines ehemaligen Boygroup-Sängers zum gefeierten Solokünstler, die Läuterung eines jungen Mannes, der als 16-Jähriger ins Rampenlicht trat, mit dem Ruhm nicht zurechtkam und nun, während dieser Tournee durch Europa, seine Dämonen besiegt. „Der größte Unterschied zwischen den früheren und dieser Tour ist der, dass ich vier großartige Gigs in Folge hatte, die ich richtig genossen habe. (…) Es liegt daran, dass ich nicht trinke. Es liegt daran, dass sich eine Menge Nebel in meinem Kopf aufgelöst hat. Ich bin wie ein Häufchen Elend herumgelaufen, was das Leben und den Druck des Lebens betrifft – und ich bedaure mich selbst, weil ich so lange so empfunden habe. Ich habe einfach nicht erkannt, was für ein schönes Leben und wie viel Glück ich habe. (…) Vielleicht lerne ich allmählich, mich selbst ein bisschen mehr zu mögen“, erzählt Robbie Williams an einer Stelle. Auch das macht den Reiz des Buches aus, denn zehn Jahre später wissen wir: Aus dem hier beschworenen Happy End wurde nichts. Alkohol, Drogen, Eskapaden – das lag noch lange nicht hinter Robbie Williams. Zweifel, Abstürze, Selbstironie – das gehört noch heute zu ihm.

Natürlich hat Somebody Someday auch ein paar nette Anekdoten zu bieten. Wie Robbie auf der Bühne in Stuttgart von einem Fan angegriffen wird, wie er bei einem Auftritt von Eminem ausflippt („Ich halte ihn für einen genialen Texter, Scheiße, er ist ein wahrer Shakespeare – absolut erstaunlich.“), wie die Tournee-Köchinnen verhaftet werden, wie ein alter Herr in roten Unterhosen plötzlich in Robbies Bus auftaucht – das sorgt für Schmunzeln und hilft dabei, aus Somebody Someday nicht bloß eine eindimensionale Robbie-Williams-Lobhudelei zu machen. Überhaupt legt das Buch erstaunlich viel Wert darauf, die Bedeutung der Crew herauszustellen, die einen wichtigen Mikrokosmos für das empfindliche Ego von Robbie Williams bildet.

Daneben gibt es ein paar spannende Einblicke ins Robbieversum: Sein Manager David Enthoven war beispielsweise auch schon für T. Rex und Led Zeppelin tätig. Robbie Williams hat ein „Born to be mild“-Tattoo und ein anderes mit einer Bitte an den King Of Rock’N’Roll: „Elvis, grant me serenity.“

Der Vergleich mit Elvis mag musikalisch vermessen sein, doch beim Blick auf die Persönlichkeit wird er durchaus plausibel. Somebody Someday zeigt nämlich immer wieder, wie klar, beinahe unbarmherzig Robbie Williams seine eigenen Schwächen, sein Image und die Folgen seines Ruhmes reflektiert. Wenn er in diesem Buch zu Wort kommt, beweist er einen erstaunlichen Scharfsinn beim Blick auf das Musikbusiness, seine Sucht, seine Fans. Dieser bewundernswerte Weitblick ändert aber bei Robbie Williams ebenso wie bei Elvis Presley nichts daran, dass er nicht aus seinem Unglück heraus findet. Aus genau diesem Dilemma erwächst bei Robbie ein großer Teil seines Reizes (weil er es in seinem Texten immer wieder virtuos thematisiert) und seines Dramas (weil dies eben kein Musical ist, sondern ein echtes Leben).

„Ich kann einfach keinen Stolz auf etwas entwickeln, das ich gemacht habe – das ist so eine Krankheit von mir. Ich finde es sehr schwer, anzuerkennen, dass ich etwas geschaffen habe. Umso mehr, wenn ich vor all diesen Leuten stehe. Das ist wirklich verdammt schade. Es ist so unglaublich schade, dass mein Selbstwertgefühl mir nicht erlaubt, mich zurückzulehnen und mich über all das zu freuen, was ich erreicht habe. Ich stehe auf einer Bühne in einem vollen Stadion, die Leute singen meine Songs. Für jemanden, der sich darüber freuen kann, muss das herrlich sein“, gesteht Robbie in diesem Buch – es ist nur einer von vielen sagenhaft ehrlichen, schmerzhaft tragischen Momenten.

Mit sich im Reinen ist Robbie Williams (ebenso wie Elvis) nur, wenn er singt. Mark McCrum, der hier sehr gerne szenisch arbeitet und das Buch (auch dank der vielen wundervollen Fotos von Scarlet Page) somit fast wie einen Dokumentarfilm wirken lässt, fängt das mit einem Bild am Anfang von Somebody Someday sehr geschickt ein: Robbie Williams steht auf der Bühne in einem Stadion. Er singt mit Leibeskräften, aus tiefster Seele – dabei ist es nur eine Probe. Und das Stadion ist völlig leer.

Bestes Zitat: „Es läuft im Wesentlichen einfach darauf hinaus, aus der Angeberei eine Kunst zu machen. Genau das  habe ich getan. Ich habe die Angeberei zu einer Kunst erhoben.“

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