Durchgelesen: Robert Trivers: „Betrug und Selbstbetrug“


Autor Robert Trivers

Warum Täuschung überlebensnotwendig ist, erklärt Robert Trivers in seinem Buch.

Warum Täuschung überlebensnotwendig ist, erklärt Robert Trivers in seinem Buch.

Titel Betrug und Selbstbetrug. Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen
Originaltitel Folly of Fools. The Logic of Deceit and Self-Deception in Human Life
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Die Lüge ist der eigentlich faule Fleck in der menschlichen Natur“, hat Immanuel Kant einmal gesagt. Ähnliche Aussagen mit vergleichbarer moralischer Empörung finden sich zuhauf. Robert Trivers, Professor für Anthropologie und Biologie an der Rutgers University, tritt mit seinem neuen Buch nicht an, um die Lüge zu rehabilitieren. Aber er zeigt in Betrug und Selbstbetrug. Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen, wie bedeutend die Mechanismen von Täuschung und Selbsttäuschung in der Evolution waren. Nach 528 Seiten weiß man: Ohne Lügen wären wir nicht die Spezies, die wir sind. Und Lügen, so übertreibt der Klappentext keineswegs, muss als die erfolgreichste Form der menschlichen Kommunikation gelten.

Der Soziobiologe und Evolutionsbiologe stellt zu Beginn die Frage, wie und warum die Selbsttäuschung in die Welt kam. „Wir bemühen uns um Information und tun dann alles, um sie zu zerstören. Einerseits hat die Evolution uns mit Sinnesorganen ausgestattet, die uns ein erstaunlich detailliertes und zutreffendes Bild der Außenwelt vermitteln (…). Aber wenn diese Informationen in unserem Gehirn eintreffen, werden sie häufig verzerrt und von unserem bewussten Geist verfälscht. Wir leugnen uns selbst gegenüber die Wahrheit“, umreißt er den scheinbar schizophrenen Charakter dieses Phänomens. In den weiteren Kapiteln macht er aber eindrucksvoll deutlich, wie essenziell dieses Prinzip ist: Es hilft beispielsweise, traumatische Erinnerungen zu ertragen, Entscheidungen zu treffen oder in schwierigen Situationen die Hoffnung zu bewahren. Selbsttäuschung ist, so lautet seine These, überlebenswichtig.

Vor allem aber hilft sie, andere zu täuschen und dadurch Vorteile bei der natürlichen Auslese zu ergaunern. „Täuscher und Getäuschte sind in einem gemeinsamen Evolutionskampf gefangen, der auf beiden Seiten zu einer ständig verbesserten Anpassung führt. Eine solche Anpassung ist die Intelligenz“, umschreibt er diesen Prozess, der sich keineswegs nur bei Menschen abspielt. Eine seiner vielen erstaunlichen Schlussfolgerungen in Betrug und Selbstbetrug lautet: Wer intelligent ist, lügt öfter und belügt auch sich selbst häufiger. Vielleicht sind es solche Erkenntnisse, die Michael Holmes in der NZZ am Sonntag zur Bewertung gebracht haben, „dieses brillante Werk eines großen Wissenschaftlers ist manchmal düster und verstörend … aber stets faszinierend und lehrreich“.

Die wissenschaftliche Basis für seine Thesen findet Trivers etwa in der Evolutionstheorie, in Laborversuchen mit Tieren oder psychologische Studien. Die Anwendungsbeispiele für seine Theorie reichen vom Börsenhandel über Geschichtsklitterung bis hin zum Familien- und Liebesleben.

Das Buch ist gelegentlich etwas unsystematisch, oft referiert Trivers zur Evolutionsbiologie oder zu Psychologie allgemein, ohne dass der Bezug zum Themenkomplex „Täuschung/Selbsttäuschung“ allzu eng wäre. Lobenswert ist hingegen, dass der Autor durchweg das Vorläufige aller Wissenschaft betont und sich um Ratgeber-Tauglichkeit seines Buchs bemüht, vor allem im letzten Kapitel, wo er Tipps gibt, wie man im eigenen Leben Selbstbetrug ganz konkret vermeiden und bekämpfen kann.

Dazu gibt es – kein Wunder bei einem Autor, den Brand eins als „einen akademischen Rockstar“ tituliert hat – viele Beispiele und Anekdoten aus seinem eigenen Leben, gerne solche, die das Menschlich-Allzumenschliche zum Inhalt haben. Das Spektrum reicht von (man muss das so sagen) Weibergeschichten über Kokainkonsum bis hin zu einer von ihm fahrlässig provozierten Eichhörnchen-Attacke auf sein eigenes Baby.

Derlei Offenherzigkeit ist wohltuend, weil der Autor damit immer wieder vom hohen Ross des renommierten Forschers herabsteigt und deutlich macht, dass er den Mechanismen von Täuschung und Selbsttäuschung genauso ausgeliefert ist wie jeder von uns. Am erfreulichsten an Betrug und Selbstbetrug ist in der Tat, wie demütig, skeptisch und selbstkritisch Trivers auftritt – und wie aggressiv. Wenn er die fatalen Wirkungen von Betrug und Selbstbetrug im globalen und historischen Maßstab referiert, nimmt er kein Blatt vor den Mund und reitet engagierte, provozierende Attacken. Da ist schon einmal von „israelischem Massenterror“ die Rede oder vom „Abschlachten asiatischer Völker“ durch die USA (gemeint sind die Kriege in Vietnam und Kambodscha in den 1960er und 1970er Jahren). Auch religiöse Dogmen und ganze Wissenschaftsdisziplinen bekommen ihr Fett weg. Das ist erstaunlich politisch und erstaunlich politisch inkorrekt – und genau so spannend (und gelegentlich irritierend) wie das gesamte Buch.

Bestes Zitat: „Was die Bekämpfung unserer inneren Zwänge angeht, so sind nur wenige (zumindest bei einem Mann) so stark und regelmäßig wie das Bedürfnis, spät am Abend sexuelle Gesellschaft zu haben, ganz gleich, mit wem und zu welchen Bedingungen. Eine Lektion habe ich erst in den vergangenen Jahren – gut 40 Jahre, nachdem es von Nutzen gewesen wäre – gelernt: Allein ins Bett zu gehen ist besser, als mit Schuldgefühlen aufzuwachen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .