Durchgelesen: Schorsch Kamerun – „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“


Autor Schorsch Kamerun

Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens Schorsch Kamerun Rezension Kritik

Schorsch Kamerun hat eine Quasi-Autobiographie geschrieben.

Titel Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Die Verwunderung, warum Finanzkrise und Occupy, Griechenlandpleite und Los Indignados noch immer keine alles vereinende Protest-Hymne hervorgebracht haben, ein ganzes Genre voller wütender Musik, ist nun auch schon mindestens sechs Jahre alt. Wo bleibt der Bob Dylan oder Marvin Gaye unserer Generation? Und vor allem: unser Johnny Rotten?

Er wird wahrscheinlich nicht mehr kommen. Woran das liegt, erklärt Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens. „Schorsch Kameruns Geschichten sind die Erinnerung an eine rasende Biografie“, erklärt der Verlag recht treffend diesen Mix aus Schelmenroman und Autofiktion. Der Autor, geboren 1963, seit gut 30 Jahren Sänger bei den Goldenen Zitronen, außerdem (noch nicht ganz so lange) Theaterregisseur und Hörspielautor sowie Gründer des Golden Pudel Clubs in Hamburg, macht darin vor allem eines deutlich: wie Punk entstehen und eine solch enorme Wucht entwickeln konnte. „Kamerun gelingt es, das Versprechen des Punk nachvollziehbar zu machen, die Befreiung, die es trotz aller Fallstricke bedeuten kann, sich für eine stolze Existenz als Störfaktor zu entscheiden“, hat das Luise Checchin in der Süddeutschen bezeichnet.

Die Hauptfigur, die erst Horsti heißt und sich dann Tommy from Germany nennt, wächst im Norddeutschland der 1970er Jahre auf. Es ist eine bleierne Zeit, und der Hass und die Wut, den Kamerun auf diese Jahre der „klaustrophobischen Windstille“ verspürt, sind auch jetzt noch unverkennbar.

„Wir leben in einer Ausnahmescheiße“, stellt einer der Freunde von Horsti/Tommy fest, wenig später wird der Rückblick noch drastischer: „Wer verstehen will, warum Menschen eine dumpfe Knarre als ernst gemeinte Option unter Bekennerbriefe platzierten, wer nachempfinden will, warum es die Bereitschaft gab, sein eigenes Leben in einem nicht zu gewinnenden Kampf zu verpfänden, wer begreifen will, warum sich manch einer zum mörderischen Widerstand berechtigt fühlte, zum aussichtslosen Aufbau einer eigenen, martialischen Maschine gegen die andere martialische Maschine, die Maschine des Systems, der müsste ein Glas aufmachen können mit dem feindlichen Geruch dieser Zeit, zusammengestunken aus den klammen Regelwerken der Vorherrschenden.“

Solche Passagen können die Sehnsucht der Nachgeborenen nach einer Zeit, die einen echten Aufbruch und eine aufregende Jugendbewegung provozierte, durchaus mildern. Vor allem aber zeigen sie im Umkehrschluss, warum es – trotz genug Weltscheiße, gegen die ein Protest lohnend wäre – heute nichts Vergleichbares gibt: Was Punk (dieses Wort kommt im Buch übrigens erstaunlich selten vor) erreichen wollte, waren Freiräume. Schorsch Kamerun war einer derjenigen in Deutschland, die sie erkämpften. Und sie sind, trotz Weltscheiße, erhalten geblieben.

Es ging in dieser Revolte, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens zeigt das wunderbar, um die Sache (Gerechtigkeit, Toleranz), aber es ging auch um das Ich (Selbstentfaltung, Akzeptanz). Es war diese Kombination, aus der die enorme Wirkungsmacht von Punk sich speiste, und eine Hälfte davon ist weggebrochen: Die heutige Jugend findet Gerechtigkeit und Toleranz (im besten Falle) immer noch wichtig, aber sie muss sich nicht mehr das Recht erstreiten, Jugend sein zu dürfen. Nicht mehr Altnazis und Traditionen definieren die gesellschaftlichen Werte, im Gegenteil: Jugendlichkeit ist zum Leitbild geworden. Und weil die Motivation, für das Ich zu streiten, bei den meisten Heranwachsenden vielleicht doch größer ist, als für eine Idee zu kämpfen, ist ein so grundsätzlicher, unerbittlicher und provozierender Protest wie Punk aktuell kaum mehr denkbar.

Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens zeigt – man muss vermuten: unbewusst – sehr schön beide Facetten dieses Protests. Es ist eine ungeheure Ernsthaftigkeit, die Schorsch Kamerun hier propagiert, nicht nur der Gesinnung, sondern auch der Tat. Auch wenn er später in seiner Kunst oft den Dadaismus als Mittel der Wahl nutzte, ist doch stets klar: Seine Entschlossenheit ist getrieben vom Eindruck, von Gegnern und Intoleranz umgeben zu sein. Nicht nur von Leuten, die eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack haben, sondern von Leuten, die ihm das Recht absprechen, er selbst zu sein und dabei als wertvoll anerkannt zu werden. Das macht seine Gedankenwelt (und seine Kunst) so radikal und extrem: In so einer Situation mag man seine Position nicht relativieren und schon gar nicht ironisieren.

Er und seine ersten Wegbegleiter waren stolz darauf, „frisch geschlüpfte Pionier-Kreative“ zu sein, heißt es an einer Stelle, und sein Buch zeigt, dass er sich beim Erschüttern der Hochkultur auch danach stets als Aktivist verstanden hat. Fast wirkt diese Lebensgeschichte, von der Widmung auf der ersten Seite (die allen Unangepassten gilt) bis zum Hidden Track als Abschluss, wie ein Manifest der Rastlosigkeit, und womöglich ist Schorsch Kamerun damit wirklich gut getroffen.

Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens zeigt auch, wie wichtig seine Wegbegleiter dabei waren. Die besten Passagen sind seine Gedanken über Beziehungen, Loyalität, Freundschaft, Zusammenhalt, gegenseitiges Beflügeln und Anstacheln und die enorme Wirkung, die Kunst auf Menschen (als Einzelne oder als Gruppe) haben kann. „Sich Schönheiten zeigen. Sich die Wunden beschreiben. Und wenn man dann sieht: Ja! Da war tatsächlich noch jemand, jemand mit denselben Sehnsüchten, aber auch denselben zitternden Existenzängsten, phobischen Verlorenheiten, brennenden Verlustschmerzen, dann, ja dann war das: alles“, schwärmt er einmal über eine ganz besondere Geistesverwandte.

Neben dem Kampf für die Sache wird hier freilich auch der Kampf für das Ich deutlich. Eine sehr ordentliche Portion von Narzissmus steckt in diesem Buch. Hinter dem Drang, die Gesellschaft zu verändern, steht auch die Weigerung, sich selbst an sie anzupassen. Auch Schorsch Kamerun belegt das, und das sorgt dafür, dass etliche Momente ein wenig selbstgerecht wirken.

Sein Rückblick ist sehr klar, die Analyse seines Werdegangs vom Bürgersohn aus der Provinz zum suchenden, kämpfenden, rebellierenden Gegner des Status Quo sehr scharf. Aber das Andere, die Ziele dieses Widerstands, die Gestalt seiner Utopie – all das bleibt diffus, und das ist dann doch etwas unbefriedigend und wirkt manchmal – wenn Sponti wieder einmal die Oberhand gegen Reflexion gewinnt – auch nicht sonderlich schlau. Sein Horsti/Tommy from Germany ist eine Figur, der es viel wichtiger ist, ihre Agenda immer neu zu formulieren und schillernd zu inszenieren, als wirklich (über einen Gedankenanstoß hinaus) an ihrer Umsetzung zu arbeiten. Das wirkt ein wenig eitel, hohl und angeberisch – all das sind Attribute, mit denen Punk eigentlich nichts zu tun haben will.

Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens legt das Grundproblem des Punk offen: Die bloße Verweigerung funktioniert vielleicht als Prinzip in der Kunst, aber erscheint dann doch etwas wenig zu sein als Modell für ein Leben. Man kann sich der Frage nicht verschließen, ob „Scheißebauen“, wie es hier gerne heißt, wirklich zielführender sein soll als das Bauen von etwas anderem, Konstruktivem, das zumindest als zweiter Schritt dem Aufrütteln, Unterwandern und Infragestellen folgen könnte.

Natürlich weiß Schorsch Kamerun um dieses Dilemma. Er hat sein Weltbild, seine Möglichkeiten und seine Grenzen intensiv genug durchdacht, um die Schwierigkeit von massentauglicher Subversion und die Vereinnahmungsmechanismen vor allem der Popkultur zu erkennen. Der Zirkelschluss des „Zwangs gegen den Zwang“, wie er das hier nennt, ist für ihn allerdings noch lange kein Grund, aufzugeben, sondern vielmehr Anreiz, sich immer neue Gegner, Missstände und Widersprüche zu suchen, um sie mit kreativem, provokanten, wütenden Graffiti (oder, wenn das nicht drastisch genug ist: Urin) zu verzieren. Sein Buch ist deshalb eine Bilanz, in der nicht so sehr Nostalgie steckt oder gar Bedauern, sondern vor allem Selbstvergewisserung und Stolz.

Bestes Zitat: „Die Dinge ließen sich aus der Reserve locken. Man musste nur wissen, wo sie zu kitzeln sind. Dann kamen sie ganz von selbst aus ihrer Ecke heraus.“

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