Sean Wilentz – „Bob Dylan und Amerika“


Autor Sean Wilentz

In "Bob Dylan und Amerika" erscheint der Musiker beinahe selbst als Historiker.

In „Bob Dylan und Amerika“ erscheint der Musiker beinahe selbst als Historiker.

Titel Bob Dylan und Amerika
Verlag Reclam
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung

“Well, the world of research has gone berserk / too much paperwork.” Man weiß das bei ihm nie so genau, aber mit diesen Zeilen aus dem Song Nettie Moore (vom 2006er Album Modern Times) nahm Bob Dylan womöglich all jene auf die Schippe, die sich allzu emsig der Aufgabe verschrieben haben, sein Leben und sein Werk zu erforschen. „Dylanologen“ nennt man diese Spezies.

Sean Wilentz ist ein Exemplar davon. Sein Werk Bob Dylan und Amerika liegt jetzt auf Deutsch vor, und darin untersucht der Historiker, der an der Universität Princeton lehrt und bisher beispielsweise zur Geschichte der Reagan-Ära publiziert hat, wie sehr Bob Dylan von seinem Heimatland beeinflusst ist und wie sehr der Songwriter umgekehrt die amerikanische Kultur geprägt hat. Es geht dem Autor darum, „Dylans Werk in seinen breiteren historischen und künstlerischen Kontext zu stellen. Voraussetzung dafür war, Dylan als einen Künstler zu erkennen, der zutiefst eingestimmt ist auf die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Geschichte Amerikas und seiner Kultur“, betont Wilentz zu Beginn seines Buches. Das ist ein ebenso überraschender wie ambitionierter Ansatz – und könnte ein typisches Beispiel für einen Dylan-Forscher sein, der übers Ziel hinausschießt.

Doch Bob Dylan und Amerika ist weit davon entfernt. Was Wilentz abliefert, dürfte stattdessen selbst „His Bobness“ in Erstaunen versetzen: Das Buch ist einerseits eine faszinierende Kulturgeschichte, andererseits eine kenntnisreiche Analyse von Dylans künstlerischem Selbstverständnis. Man kann sich durchaus vorstellen, wie Bob Dylan in diesem Buch über die Wurzeln seines eigenen Schaffens liest und erkennt: Die hier entdeckten Verbindungslinien, Kontinuitäten und Bezüge hätte ich vielleicht selbst nicht alle bemerkt – doch sie sind vollkommen schlüssig.

Wilentz ist durchaus berufen für eine Betrachtung dieser Art. Zum einen kommt er aus Greenwich Village, wo seine Familie eng mit der Folkszene der 1960er Jahre verbunden war, er erlebte den Aufstieg Dylans also aus nächster Nähe mit. Schon als 13-Jähriger besuchte er sein erstes Bob-Dylan-Konzert, es war die legendäre Show in der New Yorker Philharmonic Hall am Halloween-Abend 1964.

Zum anderen ist der 52-Jährige unverhohlener Bewunderer von Bob Dylan. Er gilt als inoffizieller Haus-Historiker von Dylans offizieller Webseite und verfasste im Auftrag des Künstlers beispielsweise die Liner Notes zum Album Love And Theft (2001).

Auch wegen dieser intensiven Verbindung ist Bob Dylan und Amerika als Einsteigerbiografie nicht geeignet. Wilentz setzt viel voraus, überspringt etliche Abschnitte in Dylans Leben und Karriere. Aber er trifft eine sehr geschickte Auswahl von Schlüsselmomenten. Und er schafft es, anhand von Verweisen auf Wegbegleiter, Lektüre oder Milieus die Einflüsse aufzuzeigen, die Bob Dylan offensichtlich ganz entscheidend geprägt haben.

Auf allseits bekannte Eckpfeiler wie Woody Guthrie oder die Folkbewegung in Dylans frühen Jahren geht Wilentz nur sporadisch ein. Ihm geht es viel eher darum, überraschende Verbindungslinien aufzuzeigen. So stellt er Aaron Copland als wichtigen Einfluss heraus, der während der Great Depression in den 1930er Jahren in seine klassische Musik auch Elemente von Folk und Country einfließen ließ. Wilentz arbeitet heraus, wie Minstrelsongs aus 1850er Jahren in Dylans Werk ihre Spuren hinterlassen haben (er nennt Dylans künstlerische Methode sogar mehrfach einen „modernen Minstrelstil“), ebenso wie französische Kinofilme und japanische Krimis. Großen Raum nimmt die Auseinandersetzung Dylans mit den Autoren der Beat Generation ein, vor allem mit Allen Ginsberg.

Wilentz hat intensiv recherchiert und für die biographische Untermauerung seiner Thesen auch teils obskure Quellen, Briefe oder Rezensionen aufgetrieben. Am besten ist er aber, wenn er über Musik schreibt wie im Kapitel „Dunkelheit“ oder den hellsichtigen und hoch informativen Betrachtungen zu den Sessions für Blonde On Blonde. Seine Kenntnisse gehen so tief, dass er es anhand eines einzigen Liedes (Delia) schafft, über zig Seiten zu erklären, wie sich Bob Dylan um das Jahr 1990 herum künstlerisch wieder neu belebte.

Die Verbindung zwischen Biographischem und Kreativem findet Wilentz in Dylans Arbeitsweise. Beinahe ebenso sehr wie als Poet und Komponist erscheint Dylan in diesem Buch selbst als Historiker. Er springt durch die Zeitalter, er fühlt sich überall zuhause, er hebt letztlich den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, attestiert Wilentz: „In einem Dylan-Song mögen wir das Jahr 1927 oder 1840 schreiben, wir mögen uns in biblischen Zeiten befinden – wir befinden uns immer zugleich im Jetzt. Dylans Genie beruht nicht einfach auf der Kenntnis all dieser Zeitalter nebst ihrer Klänge und Bilder, sondern auch auf seiner Fähigkeit, in mehr als einer Ära gleichzeitig zu schreiben und zu singen.“

Der Autor sieht Dylan (wie Walt Whitman, Herman Melville oder Edgar Allan Poe) in einer Tradition, „die das Alltägliche in Amerikas Symbolen und im Alltag das Symbolische sieht und dann Geschichten darüber erzählt. Einige von diesen handeln, wenn man will, buchstäblich von Amerika, aber alle sind sie in Amerika entstanden, aus all seinen Rätseln, seiner Mystik, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz.“

Was Dylan macht, kann in den Augen von Sean Wilentz als die Definition einer uramerikanischen Herangehensweise gelten: Er puzzelt und sampelt, er sammelt Ideen auf, die er dann „bis zur Unkenntlichkeit transformiert“, er spielt mit seinem Image. Dylan ist ein Schmelztiegel, vielleicht die Blaupause für alle Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie virtuos und vor allem konsequent und bewusst er das tut, zeigt Wilentz akribisch auf und liefert so erstaunlich einleuchtende Antworten auf die Fragen, denen Bob Dylan am liebsten notorisch aus dem Weg geht: Was ist die Botschaft? Was ist dir wichtig? Woran sollen wir uns halten? Wohin geht die Reise?

Erfreulicherweise ist Wilentz trotz dieser Schlussfolgerung, die aus Dylan nichts weniger als einen popkulturellen Amerika-Universalphilosophen macht, und seiner anderen Huldigungen für Dylan nicht übertrieben unkritisch. Er sieht bereits im frühen Bob Dylan einen „Künstler, dessen schöpferische Phantasie die selbst der kompetentesten Folk-Songwriter seiner Zeit weit übertraf“ und stellt überzeugend heraus, wie es Dylan in den folgenden Jahren geschafft hat, völlig neu (und zu großen Teilen aus sich selbst heraus) zu definieren, was Rock’N’Roll alles sein kann. Aber er erkennt auch das Problem, das in Dylans Stil und Methode liegt: Dylan wird vor allem gefeiert als Autor bedeutender Texte. Dieses Buch zeigt aber mehrfach auf, dass bei einigen Songs seine Autorschaft ebenso fragwürdig wie die Bedeutung des Liedes unklar ist.

Dylan zitiert und kompiliert, nicht nur in seinen Texten, sondern auch in der Komposition, aber er formuliert mit dieser Methode Aussagen über das Heute. Es ist somit mitunter ganz wörtlich zu nehmen, wenn Wilentz zu einem Schluss kommt, dem man nach der Lektüre dieses Buchs kaum noch widersprechen kann: „Er macht sich die Gegenwart zu eigen, indem er sich die Vergangenheit zu eigen macht.“

Bestes Zitat: „So sehr sie an die Collagen der Modernen erinnerte, Dylans Methode zielte nicht einfach nur auf Anspielungen ab, sondern auf etwas ganz anderes, etwas, das ganz wesentlich für sein jüngstes Werk war: eine empathischere, zuweilen riskante Auflösung der Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie der zwischen hoher und niederer Kunst, zwischen wissenschaftlich und populär, vertraut und exotisch, und das unter der Maßgabe, sich in dieser Disziplin scheinbar mühelos zu bewegen.“

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