Durchgelesen: Simone Felice – „Black Jesus“ 2


Den Songwriter Simone Felice entdeckt man auch in seinem Debütroman "Black Jesus" wieder.

Den Songwriter Simone Felice entdeckt man auch in seinem Debütroman „Black Jesus“ wieder.

Autor Simone Felice
Titel Black Jesus
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Wenn Männer zu lange unter sich sind, dann werden sie seltsam. Beim Militär entwickelt sich deshalb mitunter ein Humor, der für Menschen ohne Uniform nur schwer zu verstehen ist. Dieser Art von Witz hat Lionel seinen Spitznamen zu verdanken: Weil er Lionel White heißt und noch dazu am Heiligabend geboren wurde, nennen ihn seine Kameraden bloß noch „Black Jesus“.

Als er wieder in die Welt der Zivilisten zurückgekehrt ist, will Lionel seinen neuen Namen genauso wenig ablegen wie seine Sonnenbrille, die er ebenfalls aus dem Einsatz im Irak mitgebracht hat. Denn seit während eines Einsatzes neben ihm eine Autobombe explodierte, ist er blind. Er ist kaum den Teenager-Jahren entwachsen und schon ein Veteran, ein Versehrter. Einer, für den nichts mehr im Leben selbstverständlich ist.

Es ist wohl kein Zufall, dass sich Simone Felice für seinen Debütroman einen solchen Titelhelden ausgesucht hat. Der 1976 geborene Amerikaner, der sich bisher als Musiker einen Namen gemacht hat, musste selbst schon wiederholt dem Tod von der Schippe springen: Schon als Zwölfjähriger wurde er nach einem Aneurysma für ein paar Minuten für tot erklärt, im Sommer 2010 hätte ihn ein angeborener Herzfehler fast umgebracht.

Vielleicht war es die Erkenntnis, dass alles im Handumdrehen zu Ende sein kann, die aus Simone Felice einen so umtriebigen Künstler gemacht hat. Er hat als Sänger und Schlagzeuger der Felice Brothers und von The Duke & The King für Furore gesorgt und im März sein Solodebüt veröffentlicht. Die Bücher Goodbye Amelia (2004) und Hail Mary Full Of Holes (2005) enthalten Poesie und Kurzgeschichten aus seiner Feder.

Die Handschrift, die Felice als Songwriter an den Tag legt („Simone Felice schreibt mutig und mit einer solchen Emphase, dass es einem schier den Atem raubt“, hat der Telegraph ihm einmal attestiert), erkennt man auch in Black Jesus wieder. Musik schleicht sich wie ein Schatten durch dieses Buch. Die Schreibe ist ruppig, aber Simone Felice ist auch in der Lage, einfühlsam zu sein – und er liebt große Gesten. „Eine zwielichtige Dämmerung über dem merkwürdigen Strand: hinter dem blauen Meer, ganz im Westen, eine rosafarben schimmernde Nebeldecke. Dies ist der Ort, wo sich Eitelkeit und Schönheit und Verzweiflung und Liebe und Abschaum und heroische Vorsätze alle zu übertreffen versuchen, wo alles um ein Wort kreist, das wie eine imaginäre Schaufensterpuppe an ein Kreuz aus Plastik genagelt ist: California“, umschreibt er einmal einen der Schauplätze des Romans.

Hier, am Strand von Los Angeles, endet für Gloria ihr bisheriges Leben. Sie ist die zweite Hauptfigur in diesem Buch. Ihr Traum von einer Karriere als Ballerina platzt, als ihr Freund ihr mit einem Baseballschläger die Beine zertrümmert. „Diese Welt saugt ein Mädchen leer und pisst es wieder aus und fragt nicht mal nach seinem Namen“, muss sie erkennen. Ihre Flucht aus L.A. führt sie schließlich zu Lionel. Beide versuchen, sich wieder Mut zu machen und einen neuen Weg im Leben zu finden – auch wenn der eine nichts sehen und die andere kaum laufen kann.

Es sind amerikanische Archetypen, die in Black Jesus aufeinandertreffen: Indianer, Hobos, Veteranen, Stripperinnen – aber sie haben alle echten Charakter, sind authentisch und individuell. Trotzdem erzählen sie viel über den Zustand ihres Landes. Eine Autokinoleinwand beschreibt Simone Felice an einer Stelle von Black Jesus als „ein trauriges Relikt aus einer fernen Vergangenheit, als man abends noch mit dem festen Glauben zu Bett ging, dass dies Gottes Land sei.“ So wird sein Roman eine originelle Liebesgeschichte, vor allem aber ein Protestsong mit der Botschaft: Die wahren Repräsentanten Amerikas sind längst nicht mehr die Optimisten, sondern die Gescheiterten.

Bestes Zitat: „’Vielleicht ist unser Zuhause, zu dem wir heimkommen, etwas völlig anderes als das, wovon wir immer geträumt haben’, sagt die alte Frau. (…) ‚Es muss doch mehr sein als nur dein Name, der auf dem Briefkasten steht. Mehr als der Kaufvertrag für dein Haus. Oder die neuen Schlafzimmermöbel aus dem Kaufhaus. Was wäre, wenn Heimat ganz einfach der Ort wäre, an dem wir uns wohlfühlen? Wo wir sein können, wie wir sein möchten. Und wo alle, die wir lieben, nur einen Anruf mit dem alten Blechbüchsentelefon entfernt sind.’“

Simone Felice ist demnächst auf Lesereise durch Deutschland:

6. Oktober: Münster – Gleis 22

7. Oktober: Hamburg – Uebel & Gefährlich

8. Oktober: Berlin – Roter Salon

Homepage von Simone Felice.

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.


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