Durchgelesen: Stephen Clarke – „Überleben unter Franzosen“


Erste Hilfe gegen den Kulturschock liefert Stephen Clarke mit "Überleben unter Franzosen".

Erste Hilfe gegen den Kulturschock liefert Stephen Clarke mit „Überleben unter Franzosen“.

Autor Stephen Clarke
Titel Überleben unter Franzosen. Ein Schnellkurs in zehn Lektionen
Originaltitel Talk to the snail. Ten Commandments for understanding the French.
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

„Die Bestimmung Frankreichs ist es, der Welt lästig zu fallen“, hat der Schriftsteller Jean Giraudoux einmal gesagt. Man darf wetten, dass Stephen Clarke das ganz ähnlich sieht. Der gebürtige Beinahe-Londoner (über)lebt seit rund 15 Jahren in Paris und hat sich als Autor von nunmehr insgesamt sechs Frankreich-Büchern als inoffizieller Beauftragter für die Völkerverständigung über den Ärmelkanal hinweg etabliert. Und wie viel da im Argen liegt, macht er auch mit seinem Ratgeber Überleben unter Franzosen. Ein Schnellkurs in zehn Lektionen klar.

Der Titel zeigt schon die doppelte Natur des 244-Seiten-Büchleins: Einerseits blickt Clarke pointiert und mit britischer Schärfe (bevor er als PR-Mann nach Paris kam, arbeitete er unter anderem als Gagschreiber für die BBC) auf die Eigenheiten der Franzosen. Andererseits liefert er bei allem Humor tatsächlich Nutzwert und hilfreiche Hintergründe. Wer zum allerersten Mal eine Reise nach oder gar einen längeren Aufenthalt in Frankreich planen sollte, für den ist das Buch eine sehr empfehlenswerte Vorbereitung, um den ersten Kulturschock (pardon: choc culturel) abzumildern.

Das Beste daran ist, dass die Ausgangssituation des Englishman in Paris dafür sorgt, dass der Autor nicht nur die vielen Facetten der Mentalität seiner Nachbarn seziert, sondern Clarke – dem gewohnten Umfeld entwurzelt – und seinen Lesern vor dieser Folie auch die englischen Sonderbarkeiten erst richtig klar werden. Natürlich blickt der Autor aus der Perspektive des Überlegenen auf die Franzosen, zugleich aber kann er nicht verhehlen, dass die Briten ihre Nachbarn in vielen Punkten auch beneiden.

„Wäre die Bibel von einem Franzosen geschrieben worden, sie enthielte viel mehr Rezepte“, beginnt sein Buch, und wie wichtig die kulinarische Seite in diesem Buch und für das Überleben unter Franzosen ist, wird auch durch den Originaltitel Talk To The Snail deutlich. „Wer es mit Franzosen zu tun hat, sollte wissen, dass ihnen eine innere Stimme ständig zuflüstert: ‚Ich bin Franzose, also habe ich recht’“, lautet eine weitere zentrale Erkenntnis. Dazu gibt es (in Wirklichkeit übrigens insgesamt elf) Kapitel übers Gesundheitssystem, den Streik als Lebensart und natürlich die Liebe, durchweg leichtfüßig und charmant, wie man es von einem Franzosen erwarten würde, und ironisch-arrogant wie es die Briten nun einmal lieben.

Auch wenn Überleben unter Franzosen eher für Engländer in Frankreich geschrieben ist und auch für die daheimgebliebenen Briten, die sich gerne an ihren eigenen Vorurteilen ergötzen oder sie widerlegt haben möchten, ergibt sich also auch für den deutschen Leser eine höchst spannende Lektüre. Denn man kann Clarkes Beobachtungen und Schlussfolgerungen noch einmal mit der eigenen kulturellen Prägung abgleichen, und das ist ein echtes Vergnügen.

Bestes Zitat: „Folglich ist die französische Popmusik, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nur schwer zu ertragen. Abgesehen von einem toten Schwan in meinem Badezimmer lässt mich mitten im Winter kaum etwas aus meiner gemütlich dampfenden Wanne springen und durchs eiskalte Badezimmer flitzen – außer, es kommt im Radio ein schlechter französischer Popsong, dann lohnt es sich wirklich, eine Unterkühlung zu riskieren, um einen anderen, weniger ohrenbeleidigenden Sender einzustellen.“

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