Durchgelesen: Steve Toltz – „Fließsand“


Autor Steve Toltz

Fließsand Steve Toltz Kritik Rezension

„Fließsand“ ist der zweite Roman von Steve Toltz.

Titel Fließsand
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Bevor Steve Toltz, geboren 1972 in Sydney, mit seinem Debütroman Vatermord und andere Familienvergnügen (2008) viel Kritikerlob, sehr ordentliche Verkäufe und unter anderem einen Platz auf der Shortlist des Man Booker Prize und eine Nominierung für den Guardian First Book Award einheimste, hatte er etliche sehr seltsame Jobs. Der Australier, der mittlerweile in New York lebt, verdiente sein Geld (ohne Anspruch auf Vollständigkeit dieser Liste) etwa als Privatdetektiv, Kameramann, Englischlehrer, Statist für Fernseh- und Kinorollen, Security-Angestellter, Telefonverkäufer und Drehbuchautor.

Es ist also kein allzu großes Wunder, dass ihm eine Figur wie Aldo Benjamin einfällt, der nichts so sehr zu scheuen scheint wie einen regulären Job mit festen Arbeitszeiten und halbwegs zuverlässigem Einkommen. Stattdessen setzt Aldo auf immer neue Geschäftsideen, um möglichst schnell mit möglichst wenig Mühe zu möglichst viel Geld zu kommen. Die Bandbreite seiner Beglückungsversuche für die Konsumenten der Welt ist sehr groß, eine Gemeinsamkeit weisen sie allerdings alle auf: Sie scheitern. Alles was nun, jenseits der 40, als nachweisbares Ergebnis seines Lebens geblieben ist: ein Berg Schulden und eine ganze Reihe wütender Investoren, die bei Aldos aberwitzigen Ideen ihr Geld verloren haben.

„Im Falle solcher Protagonisten, überzeichne ich einen Teil meines Selbst, um ihn als Alter Ego für den fiktionalen Stoff nutzen zu können. In gewisser Weise zapfe ich meine eigene dunkle Seite an“, hat Steve Toltz gerade in einem Interview mit dem Guardian gesagt. Man merkt seinem heute in Deutschland erscheinenden zweiten Roman Fließsand, an dem er sechs Jahr lang gearbeitet hat, diese Identifikation mit den Figuren an. Das Buch ist geprägt von messerscharfen Beobachtungen, wie sie nur jemand machen kann, der entrückt ist von den Dingen, mit unfreiwilligem Sicherheitsabstand, ein Außenseiter – das gilt für Aldo Benjamin als Figur und für Steve Toltz als Autor.

Die zweite Hauptfigur in Fließsand ist Liam Wilder, Ich-Erzähler und seit gemeinsamen High-School-Tagen bester Freund von Aldo. Er träumte jahrelang von einer Karriere als Schriftsteller, bis er für die Recherche an einem weiteren Buchprojekt einen Job als Polizist in Sydney annahm – und in diesem Beruf hängen blieb. Oft genug gehört es nun zu seinen dienstlichen Aufgaben, Aldo – zu dessen Missgeschicken im Leben sich mittlerweile auch eine längere Gefängnisstrafe und eine Querschnittslähmung, beides zurückzuführen auf einen gescheiterten Selbstmordversuch, gesellt haben – aus der Patsche zu helfen. Bis Liam doch noch eine Idee hat, die ihm helfen könnte, seinen Traum vom Schriftsteller-Dasein vielleicht zu verwirklichen: Er will einen Roman über Aldo und seine grandiose Serie des Scheiterns schreiben. „Leservergnügen für den Leser. Finanziellen Lohn für mich. Katharsis für dich“, lautet seine Antwort, als Aldo ihn fragt, was er sich davon verspricht.

Liam erinnert sich also in Fließsand an die gemeinsame Geschichte der beiden Freunde und kommt Aldo zugleich näher als je zuvor, als dessen Biographie gerade auf eine weitere Katastrophe zusteuert. Toltz zeichnet die Beziehung der beiden mit einer gnadenlosen Ehrlichkeit, wie sie nur zwischen besten Freunden möglich ist, und die immer wieder in herrlichen Dialogen ihren Ausdruck findet. Die Gespräche zwischen Aldo und Liam können spinnert sein, mit Zoten spielen, sich dem Höchstmaß an Emotionalität nähern, das zwei Männer zwischen sich erlauben können, oder sich zu durchgeknalltem Philosophieren entwickeln, das manchmal an die Wolkenkuckucksheime von David Foster Wallace erinnert.

In jedem Fall beweisen sie immer eine mitreißende Schlagfertigkeit, einen atemberaubenden intellektuellen Horizont und ein Ausmaß an Aufrichtigkeit, das Fließsand gleich mehrere Momente beschert, in denen der Leser mit einem Kloß im Hals zurückbleibt. Vor allem aber ist dieses Buch auf denkbar großartige Weise amüsant. „Fließsand hat mehr Humor als die gesamte Jahresproduktion der australischen Literatur zusammengenommen“, hat der Australian Book Review geschrieben, und diese Berechnung ist eindeutig zutreffend.

Steve Toltz schafft es hier, einen enorm witzigen Roman zu liefern, der trotzdem zu Herzen geht und den großen Fragen des Lebens (manchmal sogar den Antworten) auf höchst poetische Weise sehr nahe kommt. Großartig.

Bestes Zitat: „Die Kunsttheorie eines Künstlers beruht stets auf seinen Defiziten als Künstler, und seine Leidenschaft für diese Theorie steht in direkt proportionalem Verhältnis zum Ausmaß seiner Schwächen.“

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