Durchgelesen: T.C. Boyle – „Hart auf hart“


Autor T.C. Boyle

Die Paranoia der USA stellt T.C. Boyle ins Zentrum von "Hart auf hart".

Die Paranoia der USA stellt T.C. Boyle ins Zentrum von „Hart auf hart“.

Titel Hart auf hart
Originaltitel The harder they come
Verlag Hanser
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Vor ein paar Tagen hat T.C. Boyle seinen neuen Roman Hart auf Hart (die englische Originalausgabe wird erst Ende März erscheinen) in Leipzig vorgestellt. Der Autor erwies sich dabei als eine imposante Erscheinung, 1,90 Meter groß, entspannt, cool. Vor allem sieht er mit T-Shirt, Converse und Kinnbart deutlich jünger aus als er ist.

Das fällt auf, wenn man ihn bei einer Lesung erlebt, aber auch bei der Lektüre von Hart auf hart. Die erste Hauptfigur in diesem Roman ist Sten Stensen, ein pensionierter Schuldirektor, Ex-Marine und Vietnam-Veteran. Er unternimmt mit seiner Frau Carolee eine Luxus-Kreuzfahrt. Als sie bei einem Landausflug auf Costa Rica überfallen werden, bringt der 70-jährige Sten einen der Täter in Notwehr um, mit den bloßen Händen.

Danach lernt der Leser den Sohn des Paares kennen. Adam ist mehr als ein Sorgenkind. Seit seiner Pubertät lehnt er sich gegen alles und jeden auf. Jetzt, mit Mitte 20, hat er keinen Job, aber dafür reichlich Drogenerfahrung, gescheiterte Therapieversuche und unangenehme Begegnungen mit der Polizei hinter sich. Er sieht in seinen Mitmenschen in erster Linie „Aliens“ und möchte gerne leben wie der Waldläufer John Colter (1774-1813), ein Weggefährte von Lewis & Clark. Dass der Autor T.C. Boyle, Jahrgang 1948, vom Alter her deutlich näher am Ruheständler Sten ist als am Unruhestifter Adam, kann man leicht vergessen. Denn Boyle schafft es, beide gleichermaßen lebendig und echt erscheinen zu lassen, genau wie die dritte Hauptfigur seines Romans: Sarah.

Die 40-Jährige ist alleinstehend und hat ebenso wie Adam, den sie als Anhalter aufgabelt und dann zu ihrem Liebhaber macht, eine ausgewachsene Aversion gegen den Staat. Sie pocht auf die Freiheitsrechte, die von den Gründungsvätern in der Verfassung festgeschrieben wurden, und von denen ihrer Ansicht nach in den modernen USA kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Für sie sind alle Behörden und natürlich die meisten ihrer ahnungslosen Mitbürger nur noch „Sklaven der Konzerne“.

Es ist dieser Kontrast aus der Wildwest-Romantik aus der Zeit der ersten Siedler und einer Gegenwart, in der, wie es an einer Stelle heißt, „alles ein Preisschild hat“, der im Zentrum von Hart auf hart steht. Adam und Sarah sind sich einig in ihrer Ablehnung von allem, was den Staat repräsentiert: „Sie waren sowieso alle Verbrecher, diese Politiker, jeder war von irgendeiner Interessengruppe gekauft, und die Bullen waren nichts weiter als ihre Privatarmee – das wusste er längst, das brauchte sie ihm nicht zu sagen“, denkt Adam an einer Stelle, als sie sich gegenseitig im Ausmaß ihrer Anarchie übertrumpfen wollen.

Sie steckt fest in einer Verschwörungstheorie, die man mit ein paar guten Argumenten vielleicht noch zum Einsturz bringen könnte. Er ist gefangen in Wahnvorstellungen, aus denen es kein Entrinnen gibt, wohl nicht einmal mit der besten Therapie. Und seine Eltern leben in einer Selbsttäuschung. Sie halluzinieren ein Amerika, das es längst nicht mehr gibt, und sie ahnen das auch. Sie ahnen sogar, dass sie zum Verschwinden seiner Ideale beigetragen, diese Erosion vielleicht sogar zu verantworten haben.

Wieder einmal seziert Boyle damit die Abgründe Amerikas, sein Buch wird „ein Psychogramm der in übersteigertem Individualismus verhärteten amerikanischen Seele“, hat Philipp Albers das im Deutschlandradio auf den Punkt gebracht. Mit wie viel Drive der Autor diesen Gedanken hin zu einer erschütternden Eskalation führt (der Plot gleiche „einer halsbrecherischen Fahrt auf dem Lost Highway“, hat Jan Wiele das in der FAZ genannt), wie er Hintertürchen für ein Happy End offen hält und eine gute Dosis Witz einstreut, ohne deshalb auch nur ein winziges bisschen nachgiebig beim Blick auf seine Protagonisten und die Lage des Landes zu werden, ist meisterhaft. Seine Figuren wandeln durch eine brüchige Welt, auch da, wo Amerika sich noch so stark wähnt wie die Redwood-Bäume in den nordkalifornischen Wäldern, die Adam zu seiner neuen Heimat machen will.

Sarah und Adam haben sich auf denkbar ultimative Weise von ihrem Staat verabschiedet, die eine eher stillschweigend mit der Faust in der Tasche, der andere hoch aggressiv, als tickende Zeitbombe. Beide fantasieren einen Gegenentwurf herbei – Sarah manchmal naiv-romantisch, Adam stets psychotisch-paranoid – und wollen ihren Teil dazu beitragen, diese bessere Welt zur Realität zu machen. Was ihnen dabei im Weg steht, ist nicht nur die Radikalität, mit der sie die Zustände der Gegenwart ablehnen. Sondern auch ihre gelegentliche Inkonsequenz beim Versuch, unabhängig zu sein, ein lebender Beweis für die Überlegenheit des von ihnen erträumten Gegenentwurfs zu werden. Beide erliegen gelegentlich den Verlockungen der Kultur, die sie doch vorgeblich so verabscheuen.

Dass man in Sarah ein Paradebeispiel für die krude Ideologie von Tea Party oder Sovereign Citizens sehen kann und in Adam (für seine Figur gibt es übrigens eine reale Vorlage, auf die Boyle bei der Lektüre von Polizeiberichten gestoßen ist) die Verkörperung etlicher bewaffneter Verwirrter, die regelmäßig die US-Nachrichten bevölkern, macht dieses Buch noch ein wenig eindrucksvoller und aktueller. Boyle zeigt in Hart auf hart: Es ist das Erbe und es sind die Werte des ursprünglichen Amerika, von denen sich viele Patrioten in den USA die Lösung für die aktuellen Probleme des Landes erhoffen. Der Autor zeigt allerdings auch, wie diese Werte zur aktuellen Identitätskrise beigetragen haben. Und dass sie treibende Kräfte waren, wann immer die USA ihr finsterstes Gesicht gezeigt haben, vom Vietnamkrieg über die 9/11-Terrorangst bis hin zur Immobilien- und Finanzkrise.

Wieder einmal schafft Boyle damit ein Kunststück: Hart auf hart beweist, wie sehr er dieses Land liebt, seine Natur, seine Geschichte, seine Freaks. Aber das ist für ihn noch lange kein Grund, in blinde Bewunderung zu verfallen.

Bestes Zitat: „Aber warum sollte Adam auf einen Zug schießen oder auch nur in seine Nähe kommen? Darauf wusste Sten keine Antwort, nur dass Adam eine Wut in sich hatte, und diese Wut brauchte einen Gegner, um sich daran zu reiben, um sich zu spüren, um die Welt spüren zu lassen, was es hieß, ein solches Ding in sich zu haben, das mit aller Macht ausbrechen wollte.“

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