Durchgelesen: Ted Thompson – „Land der Gewohnheit“


Autor Ted Thompson

Ted Thompson nimmt in seinem Roman einen der Täter der Finanzkrise ins Visier.

Ted Thompson nimmt in seinem Roman einen der Täter der Finanzkrise ins Visier.

Titel Land der Gewohnheit
Originaltitel The Land Of Steady Habits
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Anders Hill ist im selbst gewählten Ruhestand nach einer Karriere in der Finanzbranche. Er ist auf eigenen Wunsch frisch geschieden. Und er ist vor allem: verbittert. „Erstaunlich, wie schnell alles in einem Leben zerstört werden konnte“, muss er erkennen – doch einen Weg zurück in sein altes Leben gibt es für ihn nicht.

Um diese Hauptfigur lässt der Amerikaner Ted Thompson seinen Debütroman Land der Gewohnheit kreisen. Es ist ein Gesellschaftsroman über die Lebenslügen der Mittelklasse an der US-Ostküste, eine einfühlsam erzählte Familiengeschichte, vor allem aber eine scharfsinnige Betrachtung der Finanzkrise. Thompson, Jahrgang 1980, gehört der Generation derer an, die die Suppe auslöffeln müssen – und er hält der Generation seiner Eltern hier den Spiegel vor.

Anders ist dabei einer der Täter, und er weiß es. An der Oberfläche liegt das daran, dass seine Karriere in Schwung kam, als er einen fadenscheinigen Deal mit schlechten Häusern und noch schlechteren Hypotheken (aber einer sehr guten Rendite für seine Firma) einfädelte und genau wusste, was daran alles faul war. Auf einer tieferen Ebene liegt es daran, dass er sich demselben Traum hingibt wie alle, die als kleine Rädchen das System am Laufen halten: Es ist der Traum vom sorglosen Aufstieg, von Auto, Haus und Lebensversicherung. Es ist der Anspruch, es solle uns besser gehen als unseren Eltern und unseren Kindern dann noch einmal besser als uns. Thompson hat erkannt: Dieser Wunsch treibt letztlich den Wahn von Wachstum, Effizienz und Optimierung. Und es ist, vor allem wenn Geldanlage ins Spiel kommt, nur ein ganz kleiner Schritt von diesem scheinbar allzu menschlichen Wunsch bis zur alles zerstörenden Gier.

Es hat in jüngster Vergangenheit schon bessere und eindringlichere Bücher zum Thema „Älterer Mann trifft auf Finanzkrise und landet in Sinnkrise“ gegeben (von Jess Walter, von Paul Auster, vor allem von Dave Eggers). Allerdings verknüpft Thompson sehr geschickt das Schicksal seines Helden mit dem großen Ganzen, mit der amerikanischen Hilflosigkeit und Lethargie nach dem Crash. Lange Zeit dachte Anders, er sei einer derjenigen an den Hebeln der Macht. Jetzt erkennt er, dass er zum Opfer geworden ist – und zwar durch genau die Prinzipien, denen er jahrzehntelang gehuldigt hat.

Er hatte die Scheidung gewollt und erhofft, sie würde ihn von dem Pflichtgefühl entledigen, das sein ganzes erwachsenes Leben bestimmt hatte. Jetzt merkt er: Statt einer Befreiung bedeutet die Scheidung nur Leere, Einsamkeit und Schuldgefühle. Er muss in Land der Gewohnheit eine peinliche Weihnachtsparty, einen toten Jungen und eine Exfrau über sich ergehen lassen, die bei Facebook mit einem gemeinsamen Freund aus Studentenzeiten anbandelt. In rasendem Tempo entwickelt er sich von einem angesehenen Herrn zu einem Hanswurst.

Es muss ihm dabei vorkommen, als seien seine jüngsten Entscheidungen für diesen Niedergang verantwortlich, seine Kündigung und seine Scheidung. Thompson schafft es jedoch, ihm einen kleinen Zweifel (und dem Leser die Gewissheit) unterzuschieben, dass es vielleicht vielmehr all seine früheren Entscheidungen gewesen sein könnten, die sein Leben jetzt so trostlos wirken lassen.

Fast immer bleibt Thompson auf der persönlichen Ebene oder beim Blick auf die Familienverhältnisse, und doch wird sein Buch auch ein Statement über eine gesamte Gesellschaft. Die unerträgliche Angewohnheit, jeden wegen jeder Lappalie zu verklagen, weil man keine Störung in seinem bigotten Weltbild und erst recht keine Konflikte ertragen kann. Tablettensüchtige Kinder. Manager in Therapie. Das heilige Fernsehen. Ein Schuldenberg als Geschenk zum College-Abschluss – all das gehört zum System der unbegrenzten Möglichkeiten, das der Autor hier hinterfragt, all das erscheint wie eine unvermeidbare Nebenwirkung der Faszination des Kapitalismus.

Land der Gewohnheit zeigt, wie durch und durch kaputt alles ist, von der Familie über das Bildungssystem bis zur Wirtschaft. Thompson zeigt vor allem auch, wie sehr wir uns bereits mit diesem Kaputtsein abgefunden haben. Und er zeigt nicht zuletzt, wie es Amerika – trotz aller Krisen – nach wie vor schafft, dieses Kaputtsein als Ergebnis von freiem Wettbewerb und harter Anstrengung zu vermarkten, als erstrebenswertes Vorbild für die Welt.

Bestes Zitat: „Sie hatten zwei Söhne, beide mit beeindruckenden Collegeabschlüssen, und Enkel, die Reitunterricht bekamen. Im Jahr zuvor war sein Bonus höher gewesen als das Einkommen, das er in den ersten zehn Jahren seiner Berufstätigkeit erhalten hatte. Sollten sie wie die Ehepaare werden, die dauernd in der Weltgeschichte herumreisten und Weihnachtskarten mit Fotos von sich selbst auf Kamelen verschickten, oder, was noch schlimmer war, eine Eigentumswohnung in Charleston kaufen und sie mit Kunstwerken füllten? Es muss schrecklich sein, hatte sie gesagt, als sie im Bett lagen, wenn man alles richtig macht, das Spiel genau nach den Regeln spielt und immer noch so unglücklich ist.“

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