Durchgelesen: Tim Harford – „Trial And Error“


Scheitern ist nicht schlimm, wenn man daraus lernt - das propagiert Tim Harford in "Trial And Error".

Scheitern ist nicht schlimm, wenn man daraus lernt – das propagiert Tim Harford in „Trial And Error“.

Autor Tim Harford
Titel Trial And Error. Warum nur Niederlagen zum Erfolg führen
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„Viele Menschen gehen davon aus, dass die Führungskräfte an der Spitze von Unternehmen zu irgendetwas gut sein müssen.“ Nach so einem Satz hält man den Atem an. Er kitzelt die Schadenfreude in uns, den Neid, den Frust. Denn natürlich haben wir alle schon die Unfähigkeit von Chefs erlebt. Und vor allem stammt dieser Satz von Tim Harford, einem der erfolgreichsten Wirtschaftsjournalisten der Welt – und einem bekennenden Querdenker.

Wenn so einer endlich den Beweis dafür erbringen könnte, dass „die da oben“ alle inkompetente, überbezahlte Nichtsnutze sind, dann wäre das nichts weniger als ein Triumph für den Kleingeist in uns allen. Der Autor enttäuscht unsere Hoffnung nicht: In einem Test des Psychologen Philip Tetlock hätten sich die Einschätzungen und Prognosen wichtiger Firmenbosse „angesichts der komplexen Situation, die er ihnen zur Analyse vorlegte, als mehr oder weniger nutzlos erwiesen“.

Es ist ein Experiment, das im Zentrum seines neuen Buches steht: Wie treffen wir Entscheidungen? Wer wird warum als Fachmann erachtet oder zur Führungskraft gemacht? Und was passiert, wenn sich deren Maßnahmen als Fehler erweisen – und daraufhin alles schief geht? Diesen Fragen geht Tim Hartford nach, und er erkennt bei der Suche nach Antworten immer wieder die Gesetzmäßigkeiten der Evolution. Trial And Error. Warum nur Niederlagen zum Erfolg führen heißt sein neues Buch deshalb.

Die Lektüre ist durchaus unterhaltsam. Harford, der früher für die Weltbank und bei Shell gearbeitet hat, ergeht sich nicht in abstraktem Philosophieren, sondern liefert viele konkrete Beispiele. Erfolgreiche Strategien und untergegangene Imperien werden vorgestellt, und auch der Cappuccino aus seinem Weltbestseller Ökonomics taucht wieder auf.

Das alles liefert überzeugende Argumente für die Empfehlung des Autors, sich komplexen Problemen öfter mit einem evolutionären Ansatz zu nähern. Ausprobieren, anpassen und vor allem souverän damit umgehen, wenn man mal daneben liegt – dieses Prinzip hätte sich immer wieder als unübertroffen erwiesen. Niederlagen seien nicht nur unvermeidlich, sondern auch notwendig und nützlich. Scheitern sei kein Problem, denn langfristig und im großen Maßstab betrachtet führe es zum Erfolg – das ist seine Botschaft. Auch dabei wird Harford erfreulicherweise konkret und spielt in Gedankenexperimenten durch, was dieser Ansatz beispielsweise im Kampf gegen Armut, Klimawandel oder Terrorismus für Vorteile bringen könnte.

Der Engländer beansprucht nicht für sich, die Lösung für alles zu haben. In der Danksagung nimmt er das Prinzip Trial And Error auch für seine eigene Arbeit in Anspruch: Das Buch „bedurfte zahlreicher Versuche und Niederlagen und nicht zuletzt eines hohen Maßes an Hilfe“, gibt er da zu. Aber mit guten Argumenten macht er klar, warum es meist sinnvoll ist, lokal begrenzt und in kleinen Schritten vorzugehen oder gelegentlich die Perspektive des Regenwurms einzunehmen, also alles von unten, aus der Nähe und in allen Einzelheiten zu betrachten, wie es auch Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus propagiert.

Hilfreich ist auch sein Blick auf die Wirkungsweisen in komplexen, eng gekoppelten Systemen. Nicht zuletzt gelingen ihm treffende Definitionen der verschiedenen Kategorien von Fehlentscheidungen (die er in Patzer, Verstöße und Fehler unterteilt), die dabei helfen, aus ihnen lernen und die Verantwortlichen benennen zu können.

Ein großes Problem steckt trotzdem in Trial And Error. Wenn es um Fehler im System gehen soll, muss sich der Blick natürlich auch auf die Finanzkrise richten, die in der Tat großen Raum in diesem Buch einnimmt. Spätestens da wird es schwierig, Fehlkonstruktionen mit dem Blick auf ihre evolutionäre Bedeutung gelassen hinzunehmen, wie Harford auch selbst erkennt: „Die Finanzkrise hat gezeigt, dass eine tolerante Haltung gegenüber Niederlagen für das Bankensystem eine extrem heikle Angelegenheit ist. Was also, wenn wir uns nicht den Luxus leisten können, Fehler zu machen, weil diese katastrophale Folgen haben können?“

Diese wichtige Frage verliert er dann leider wieder aus den Augen. So überzeugend Harford an vielen Stellen ein völlig neues Denken anregt, so sehr ist er hier in alten Ideen gefangen: Allzu leichtfertig setzt er die Mechanismen der Evolution, nicht nur bei der Finanzkrise, mit dem Wirken des Marktes gleich. Doch was für die Entwicklung der Arten noch praktikabel sein mag, ist für das Gestalten unsere Gesellschaft nicht hinnehmbar: Wenn Manager Milliarden in den Sand setzen oder Spekulanten den Wohlstand ganzer Staaten untergraben, dann sind das womöglich Phänomene, die durch das Prinzip von Versuch und Irrtum irgendwann beseitigt und durch bessere Lösungen ersetzt werden. Aber zunächst einmal sind Menschen davon betroffen, sofort und unmittelbar. Diesen sozialen Aspekt sucht man in Trial And Error vergebens. Harford blendet eine entscheidende Tatsache einfach aus: Die Evolution kennt nur Effektivität, aber keine Moral.

Bestes Zitat: „Das Finanzwesen ist für latente Fehler in ganz besonderem Maße anfällig, teils wegen seiner Komplexität, teils weil der Anreiz für Zuwiderhandlungen hier sehr viel größer ist als anderswo. Piloten, Chirurgen, Kernkraftingenieure – sie alle sind Menschen, sie alle werden Fehler machen und hin und wieder auch mal pfuschen. Aber wir können in der Regel darauf hoffen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, Unglücke zu vermeiden. Im Finanzwesen hingegen, wo sich die Folgen von Regelverstößen häufig weit weg von den Tätern und lange nach Einstreichen des Profits niederschlagen, dürfen wir dieses Vertrauen nicht haben.“

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