Durchgelesen: Timur Vermes – „Er ist wieder da“


Hitler erwacht 2011 zum Leben, und alle halten ihn für einen Witzbold - das macht den Kern von "Er ist wieder da" aus.

Hitler erwacht 2011 zum Leben, und alle halten ihn für einen Witzbold – das macht den Kern von „Er ist wieder da“ aus.

Autor Timur Vermes
Titel Er ist wieder da
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Ein Anschlag im Kaukasus. Ein Hochzeits-Dementi von Angelina Jolie. Der Transfer-Poker um Per Mertesacker. Die Beerdigung von Loriot. Rückendeckung aus der FDP für Guido Westerwelle.

Das sind die Schlagzeilen des 30. August 2011. Was keiner ahnt: An diesem Tag kehrt Adolf Hitler zurück. Er erwacht auf einer Wiese mitten in Berlin, mit leichten Kopfschmerzen und einer Uniform, die einen ziemlich penetranten Benzingeruch verströmt. Er merkt recht bald, dass nicht mehr 1945 ist, dass ihm Eva Braun ebenso wie Joseph Goebbels oder Ostpreußen abhanden gekommen sind und dass noch nicht einmal mehr Krieg herrscht.

„Wenn dies kein Traum war – und dafür dauerte es deutlich zu lange – dann befand ich mich tatsächlich im Jahre 2011. Dann war ich also in einer Welt, die mir völlig neu war, und ich musste annehmen, dass ich umgekehrt auch für diese Welt ein neues Element darstellte. Wenn diese Welt auch nur ansatzweise logisch funktionierte, dann erwartete sie von mir, entweder 122 Jahre alt zu sein oder, was wahrscheinlicher war, seit Langem tot“, muss er nach ein paar Stunden in der neuen Zeit feststellen. Von seinen Plänen, die Welt zu erobern, bringt ihn das aber noch längst nicht ab. Und er lässt sich auch weiterhin gerne mit „Mein Führer“ anreden.

Das ist die Ausgangslage in Er ist wieder da, dem Debütroman von Timur Vermes. Der Journalist, gebürtiger Nürnberger und studierter Historiker, lässt Adolf Hitler als Ich-Erzähler auftreten und den Kulturschock in der Gegenwart erfahren – und schafft damit eine famose Satire. Das Buch ist komisch, hintergründig, provokant und wie gemacht für eine Verfilmung.

Dass Vermes an keiner Stelle erklärt, wie die wundersame Zeitreise zustande kommt, stört keineswegs: Gerade dadurch wirkt sein Hitler ebenso real wie mystisch, ebenso selbstverständlich wie weltfremd. Der Autor beweist in Er ist wieder da eine beeindruckende Kenntnis der historischen Welt des Adolf Hitler. Er verweist immer wieder auf dessen Wegbegleiter und Herkunft, er versteht es auch meisterhaft, dessen Duktus, liebste Metaphern und Pseudo-Argumentationen nachzuahmen. Den Führerkult, der hier zunächst keinen einzigen Anhänger mehr hat außer Hitler selbst, entlarvt er wunderbar, indem er noch die banalste Kleinigkeit überhöht. So braucht der Führer beispielsweise bis zu Seite 84, bis er endlich seine Uniform hat reinigen lassen.

Dazu kommt ein unfassbar radikaler Zynismus, mit dem Vermes seine Titelfigur ausgestattet hat. Vor allem, wenn Hitler auf das eigene Wirken zurückblickt oder sich seine Gedanken zur Nachkriegszeit macht, hat das grandios gewagte Momente zur Folge. „Ich meine: Allein die Belagerung Leningrads! Zwei Millionen Zivilisten eingeschlossen, ohne jede Lebensmittellieferung. Es gehört schon ein gewisses Pflichtbewusstsein dazu, da täglich auch noch tausend Bomben hineinzuwerfen, zum Beispiel auch und sogar gezielt auf die Lebensmittellager“, stellt Hitler beispielsweise fest. Oder er schlussfolgert: „Der Winter 1946 soll insgesamt unerfreulich gewesen sein. Ich kann bei genauerer Betrachtung daran nichts Schlechtes finden: Gemäß dem alten spartanischen Erziehungsideal bringt unerbittliche Härte noch immer die stärksten Kinder und Völker hervor, und ein Hungerwinter, der sich erbarmungslos in das Gedächtnis einer Nation brennt, wird umso nachhaltiger dafür sorgen, dass sie es sich künftig überlegen wird, bevor sie einen weiteren Weltkrieg verliert.“

Dank eines liebevoll zusammengestellten Ensembles von Nebenfiguren bleibt Er ist wieder da abwechslungsreich genug, um trotz dieses konstanten Führer-Jargons, bei dem einem mitunter das Lachen im Halse stecken bleiben kann, nicht zu langweilen. Ein Kioskbesitzer gehört dazu, der dem verwirrten Hitler ein erstes Obdach gewährt, die Sekretärin, die ihm später zur Seite steht, oder ein ehemaliger Germanistik-Student, der so etwas wie sein Medienberater wird. Denn auch im Jahr 2011 macht Hitler, der sich selbst auch hier als ein Auserwählter und Deutschland in existenzieller Gefahr wähnt, eine steile Karriere: Alle halten ihn für einen Schauspieler der Method-Acting-Schule, der die Rolle des Führers lediglich perfekt spielt und in dieser Rolle eben völlig absurde Thesen vertritt. So wird Adolf Hitler zum Comedy-Star, mit eigener Fernsehsendung und wachsender Fan-Schar.

Das ist, neben der unschlagbar komischen Ausgangssituation, die größte Stärke an Er ist wieder da: Mindestens ebenso sehr wie über den einstigen Gröfaz macht sich Timur Vermes über unsere Zeit lustig. Das ist manchmal noch harmlos, wenn Hitler beispielsweise Wikipedia für sich entdeckt oder einen verwirrenden Besuch beim Oktoberfest hinter sich bringt, hat aber immer wieder auch erstaunliche Effekte: Die Szene, in der Adolf Hitler der Berliner Parteizentrale der NPD einen Besuch abstattet und dort nur Hänflinge und Waschlappen vorfindet, ist das Highlight dieses Romans.

Wenn Hitler an anderer Stelle über die moderne Parteienlandschaft, das Wesen des Humors oder die „herrliche Hetzschrift“ namens Bild philosophiert, dann wird klar, dass er alles nach einer festen Moral und einem klaren Wertgefüge beurteilt – und der Leser muss feststellen, dass diesem Anspruch so gut wie nichts mehr aus unserer modernen Welt gewachsen ist. Dass wir so cool, tolerant und ach so ironisch geworden sind, dass wir nicht einmal mehr den leibhaftigen Adolf Hitler ernst nehmen oder gar gefährlich finden könnten – das ist ein Gedanke, der in diesem Buch immer wieder angedeutet wird, und der einem durchaus einen Schauer über den Rücken jagen kann.

Werte wie Stolz, Ehre, Familie, Gemeinschaft oder Vaterland hat Hitler mit seiner menschenverachtenden Ideologie natürlich nachhaltig besudelt. Bei der Konfrontation mit dem Jahr 2011 muss er erleben, dass diese Werte heute komplett lächerlich geworden sind – und Er ist wieder da wirft damit auch subtil die Frage auf, ob das uneingeschränkt gut ist. Timur Vermes nimmt dabei vor allem die Skrupellosigkeit der Medien, die Hitler als Comedy-Star schnell kennen lernt, schonungslos aufs Korn. In einigen Momenten haben hier beispielsweise die perfiden, brutalen und menschenverachtenden Methoden des Fernsehgeschäfts erstaunliche Parallelen zur Nazi-Propaganda – im Gegensatz zu dieser dienen sie aber nicht einmal einem höheren Ziel, sondern bloß dem schnöden Profit. Und die Macher können sich nicht mit ideologischer Verblendung herausreden. Sondern bloß mit Charakterlosigkeit.

Bestes Zitat: „Aber man weiß ja, was man von unseren Zeitungen zu halten hat. Da notiert der Schwerhörige, was ihm der Blinde berichtet, der Dorftrottel korrigiert es, und die Kollegen in den anderen Pressehäusern schreiben es ab.“

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