Durchgelesen: Uschi Obermaier – „High Times“


Autor Uschi Obermaier mit Olaf Kraemer

High Times Uschi Obermaier Kritik Rezension Olaf Kraemer

„High Times“ basiert auf rund 50 Stunden Interviews mit Uschi Obermaier.

Titel High Times. Mein wildes Leben
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung

Das Auffälligste am Beginn von High Times – Mein Wildes Leben ist, wie unbedingt Uschi Obermaier hier so etwas wie Konsequenz in ihre Lebensgeschichte bringen will. „Ich wollte immer …“, „Schon als kleines Mädchen merkte ich…“, „Ich war von früh auf kamerageil…“: Das sind verdächtig häufig gebrauchte Formulierungen in den Kapiteln, in denen es um ihre Kindheit und Jugend geht. Man kann das anhand der folgenden Seiten nur unglaubwürdig finden: Statt einer gradlinigen Persönlichkeit ist sie unverkennbar ein Fähnchen im Wind.

Diese halbe Autobiographie basiert auf etlichen Interviews, die der Münchner Autor Olaf Kraemer zwischen 1992 und 1998 mit Uschi Obermaier geführt und dann in Buchform gebracht hat. Später hat er aus diesem Material auch das Drehbuch für den Kino-Film Das wilde Leben gemacht. Er schafft es, die Lebenslust seiner Gesprächspartnerin herauszustellen, ihre Liebe zur Musik (und zu Musikern) und ihre Affinität zum Reisen, die einige Kapitel von High Times wie einen Roadmovie wirken lassen.

Allein durch die Aussagen der Frau, die 1946 in München geboren wurde, dann als Fotomodell und Geliebte von Mick Jagger, Keith Richards, Rainer Langhans und Jimi Hendrix berühmt wurde und heute als Schmuckdesignerin in Kalifornien lebt, schafft er es auch, die Widersprüchlichkeit in Leben und Wahrnehmung deutlich zu machen: Uschi Obermaier war, wie der Klappentext es nennt, das „Pin-Up der Studentenrevolte“, aber sie liebte den Konsum (nicht nur von Drogen) und den Luxus. Sie war (ebenfalls laut Klappentext) eine Galionsfigur der Gegenkultur in Deutschland, aber selbst völlig unpolitisch.

Sie stehe für „Musik, Drogen, Sinnesdinge“, lautet ihre Selbstauskunft, als sie ihre Rolle in der Kommune 1 in Berlin umschreibt. Immer wieder erscheint sie in High Times als jemand, der sich selbst gut zu kennen meint und sicher ist, bei all den Reisen ins eigene Ich wenig Enttäuschendes gefunden zu haben. Sie nimmt sich nirgends zu wichtig, dennoch schmerzt es manchmal, wie flach und wie wenig erwachsen ihre Gedankengänge sind. Oft wirkt Uschi Obermaier hier – auch als zum Zeitpunkt der Interviews mit Olaf Kraemer bereits um die 50-Jährige – wie ein schnippisches, eitles, unbedarftes und aufbrausendes Mädchen, für das die Welt bloß eine Puppenstube zu sein scheint.

Das Buch zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die alles mitgenommen hat, was die Jugend ihr bieten wollte – und gelegentlich selbst darüber staunt, wie viel das ist. Auf der letzten Seite vor dem Nachwort nennt sich Uschi Obermaier selbst ein „egoistisches Monster“, und viele ihrer Betrachtungen und Erinnerungen in diesem Buch sind so oberflächlich und eingebildet, dass es nicht ganz leicht fällt, ihr zu widersprechen.

Das ist vor allem deshalb schade, weil High Times eigentlich alles mitbringt, was eine spannende Biographie braucht: Gewalt, Glamour, Tod, Politik, Gefahr, Sex; nicht zuletzt auch viele sehenswerte Bilder. Manchmal gelingt es so, die Zuversicht, Dynamik und Offenheit der 1960er und 1970er Jahre zum Leben zu erwecken, aus der Perspektive einer Frau, die ein wenig dazu beigetragen und viel davon profitiert hat. „Als der Limousinenkonvoi nach der Show durch die Stadt rauschte, vor uns Polizisten auf Motorrädern, an der Seite Motorräder, und wir unter ihrer Aufsicht eine Linie Koks zogen, während wir rote Ampeln durchfuhren, kam ich mir vor wie die Präsidentenfrau – besser noch. Eine Präsidentenfrau wäre ja langweilig gewesen, ich war die Rock’N’Roll-Präsidentenfrau und fühlte mich total on top of the world“, erinnert sie sich beispielsweise an einen Moment nach einem Rolling-Stones-Konzert in San Francisco, „da rieselte einiges vom Sternenstaub auf mich herab“.

Doch an anderen Stellen gibt es wieder quälend plumpe Küchenpsychologie: Die Schiene, die sie wegen eines Hüftschadens in frühster Kindheit tragen musste, soll ihren Freiheitsdrang begründet haben. Der Vater, der die Familie früh verließ, weil er lieber ein turbulentes Junggesellendasein wollte, begründete angeblich ihre Fixierung auf attraktive, wilde Männer. Und als ihr langjähriger Lover bei einem Motorradunfall in Mexiko ums Leben kommt, regnet es natürlich tagelang. Auch deshalb kann man dieses Buch oft bloß als die Geschichte einer wenig interessanten Person in einer höllisch interessanten Zeit betrachten.

Am meisten stößt bei der Lektüre auf, wie sehr all jene offensichtlich falsch lagen, die Uschi Obermaier für ein Aushängeschild moderner Weiblichkeit hielten, bloß weil sie ungeniert ihre Brüste zeigte und Affären nicht verheimlich wollte. „Männer waren schon früh das Aufregendste für mich – dieses Vibrieren in der Luft. Das war der totale Thrill, wenn die hinzukamen und ich von ihnen beachtet wurde“, heißt es beispielsweise. „Männer versprachen Abenteuer, die Möglichkeit, rauszukommen, die Welt zu erobern. Allein hätte ich mich das nicht getraut, aber wenn ein Mann dabei war, schon. Damals wurde alles Interessante von Männern gemacht. Frauen waren bloßer Zierrat, der nie wirklich was Eigenständiges zustande brachte“, schreibt sie über ihre frühen Teenager-Jahre.

Mit dieser wenig modernen, schon gar nicht anti-bürgerlichen oder rebellischen Perspektive ist sie vielleicht nicht explizit einverstanden, dennoch bleibt es eine Mentalität, die sich durch ihr gesamtes Leben zieht. So taucht die altmodische Vorstellung der Geschlechterrollen auch mehr als zehn Jahre später wieder auf, als ihre Beziehung mit der Hamburger Rotlicht-Größe Dieter Bockhorn beginnt: „Ich war ja von Kind auf verängstigt und brauchte einen Mann, der mir zeigte, wie man Dinge anfasst und erledigt, und einen, der mich aus meinen Ängsten herausholte.“ Statt eine Frau zu sein, „die sich nahm, was sie wollte, und nicht darauf wartete, dass die Männer es ihr gaben“ (Der Spiegel), war sie fast ihr ganzes Leben offensichtlich eine Frau, die sich ausschließlich über die Männer an ihrer Seite definieren konnte.

Bestes Zitat: „Ich bin überzeugt, dass ich meine Brüste beim Wachsen beeinflusst habe. Ich habe meine Idealbrüste auf Papier gemalt und sie dann quasi ‚gezwungen’, genau so zu wachsen, und mit dem Ergebnis war ich zufrieden.“

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