Durchgelesen: Wolff-Christoph Fuss – „Diese verrückten 90 Minuten“


Ein Loblied auf den Beruf des Fußballkommentators hat Wolff-Christoph Fuss verfasst.

Ein Loblied auf den Beruf des Fußballkommentators hat Wolff-Christoph Fuss verfasst.

Autor Wolff-Christoph Fuss
Titel Diese verrückten 90 Minuten
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Er hat das „Finale dahoam“ “ für 12,6 Millionen deutsche TV-Zuschauer kommentiert, er hat den Spitznamen der „Ein-Mann-Büffelherde“ für den brasilianischen Verteidiger Lúcio geprägt und er hat einige Auszeichnungen für seine Kommentare bekommen. Wolff-Christoph Fuss ist der vielleicht am meisten polarisierende Fußballkommentator des Landes. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Genauer gesagt: Er hat sich eins aus dem Kreuz leiern lassen.

Denn eigentlich habe er geglaubt, nicht genug zu erzählen zu haben, mit nicht mal 40 Lebensjahren und nach gerade 15 Jahren im Geschäft, beteuert er im Vorwort. Dann hat er sich doch überreden lassen und sich für Diese verrückten 90 Minuten zum Ziel gesetzt, die kleinen Facetten des Fußball- und Reporteralltags aufzeigen.

Man muss das für Tiefstapelei halten. Der Autor betont auch später in seinem Buch ständig, dass er sich nicht zu wichtig nehmen will, aber letztlich ist sein Fuss-Ball-Buch doch eine Art Autobiografie geworden. Es wird ein Lobgesang auf den Beruf des Fußballkommentators, als ob das nicht längst schon ein Traumberuf wäre.

Wolff-Christoph Fuss zeichnet seinen Werdegang nach und scheut nicht davor zurück, die bescheidenen Anfänge, die Pannen seiner Laufbahn und seine Affinität zum 1. FC Köln zu bekennen. Er macht deutlich, wie viel Glück dabei im Spiel war, bis er schließlich eine der bekanntesten Stimmen im deutschen Fernsehen wurde. Und er lässt immer wieder durchblicken, wie dankbar er dafür ist.

Man merkt ihm die Leidenschaft für dieses Spiel und für seinen Job an, auch nach vielen Jahren noch. „So wie Millionen vor den Fernsehgeräten fiebere ich im Stadion. Nicht als Fan einer Mannschaft, sondern als Fan dieses Sports“, schreibt er. Es ist diese Begeisterungsfähigkeit, die ihn auszeichnet. Wenn Marcel Reif ein Spiel kommentiert, kann man manchmal glauben, er wäre eigentlich gerade lieber in der Oper. Bei Béla Réthy meint man mitunter, er betreibe eigentlich gerade Recherche für eine Diplomarbeit und würde die Namen und Spielzüge nur für den eigenen Gebrauch in sein Diktiergerät sprechen. Bei Wolff-Christoph Fuss weiß man: Der kann sich gerade keinen besseren Ort auf der Welt vorstellen als dieses Stadion. Der hat richtig Bock drauf. Das macht sein Erfolgsrezept aus, zu dem außerdem beträchtlicher Sachverstand gehört und eine sprachliche Kreativität, die seine Kollegen manchmal fragen lässt: „Du bist aber auch nicht mehr ganz sauber, oder?“

Diese Leidenschaft hat aber auch eine Kehrseite, die Diese verrückten 90 Minuten zu einem allenfalls gemischten Vergnügen macht. Es wirkt mitunter prollig, wenn Fuss sich ein bisschen zu sehr an seiner VIP-Behandlung ergötzt oder sich auf den Fotos, die ihn mit Stars und Pokalen zeigen, ein feistes Grinsen nicht verkneifen kann. Man könnte Sympathie dafür empfinden, dass noch so viel Fan in ihm steckt. Es verdeutlicht aber auch ein Problem, denn so etwas wie kritische Distanz zum Fußball und seinen Akteuren gibt es hier nicht. Das Buch zeigt: Je länger Fuss im Geschäft ist, desto mehr wird er von ihm vereinnahmt.

Ganz freiwillig stellt er zu Beginn klar, dass er in seinem Buch keine pikanten Details enthüllen und niemanden bloßstellen möchte. Und auch wenn er sich gelegentlich über den Kontrast zwischen der Glitzerwelt eines Champions-League-Spiels und der mitunter schockierenden Realität außerhalb des Stadions wundert, so werden die Mechanismen des Profifußballs doch niemals hinterfragt. „Der Inhalt ist ziemlich egal, weil die Verpackung einfach großartig ist“, schreibt er zum Beispiel über ein WM-Turnier. Die Bauarbeiter in Katar oder die Demonstranten in Brasilien werden das sicher anders sehen.

Fuss ist eher Teil einer Entertainment-Maschinerie als ein unabhängiger Journalist. Man kann ihm freilich zugute halten: Das gilt für praktisch alle, die im Fernsehen mit Profifußball zu tun haben. Übertragungsrechte sind teuer, und wer ein so exklusives Produkt kauft, hat kein Interesse daran, den Glamourfaktor des Produkts womöglich durch kritische Recherchen schmälern zu wollen.

Beinahe ebenso ärgerlich wie diese Erkenntnis ist die Banalität der meisten Inhalte in Diese verrückten 90 Minuten. Manchmal sind Flüge zu spät, manchmal sind Restaurants sehr teuer, manchmal ist es im Stadion so kalt, dass der Tee im Becher gefriert, manchmal ist es so heiß, dass dem Kommentator die Schminke verläuft – wer hätte das gedacht? Und wen soll das wirklich interessieren? Etliche der sogenannten Anekdoten sind so gewöhnlich, dass es an ein Wunder grenzt, dass Fuss sie sich überhaupt gemerkt oder gar aufgeschrieben hat. Man kann ihm immerhin zugute halten: Er hat noch versucht, alle davor zu warnen. Er wollte gar kein Buch schreiben.

Bestes Zitat: „Ein Fußballkommentator wird es nie allen recht machen, es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Zu laut, zu leise, zu viel, zu wenig, zu sachlich, zu flapsig. Jeder Zuschauer hat eigene Ansprüche, für die er sich nicht rechtfertigen muss. Der Fußball kennt viele Wahrheiten, und jeder Experte zuhause und im Stadion hat seine eigene. Insofern bin ich weit davon entfernt, die Wahrheit ausgerechnet für mich in Anspruch zu nehmen. Ich sehe mich als Gast im Wohnzimmer. Mal geladen, mal ungeladen, aber immer freiwillig. Und so, wie dich der eine Zuschauer freundlich auf die Couch einlädt, bekommt der andere einen Anfall, wenn du nur ‚Guten Abend’ sagst. Die Menschen gucken nie wegen eines Kommentators, sondern immer wegen des Spiels.“

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