Easy Rider


Film Easy Rider

Easy Rider Rezension Filmkritik

Billy (Dennis Hopper, links) und Wyatt (Peter Fonda) sind unterwegs nach New Orleans.

Produktionsland USA
Jahr 1969
Spielzeit 95 Minuten
Regie Dennis Hopper
Hauptdarsteller Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nicholson, Luke Askew
Bewertung

Worum geht’s?

Billy und Wyatt (genannt „Captain America“) haben auf ihren Motorrädern eine beträchtliche Menge Kokain aus Mexiko in die USA geschmuggelt. Mit dem Gewinn wollen sie sich einen Traum erfüllen: Mit neuen Maschinen brechen sie aus Los Angeles auf und wollen zum Mardi Gras nach New Orleans. Sie übernachten meist unter freiem Himmel, kiffen am Lagerfeuer, philosophieren und schwadronieren. Auf dem Weg treffen sie auf gastfreundliche Farmer, feindselige Motel-Betreiber und einen Anhalter, der sie zu einer Hippie-Kommune mitnimmt. Als sie wenig später verhaftet werden, holt ein Anwalt sie aus dem Gefängnis, der sich als Gesinnungsgenosse erweist und ihnen ebenfalls eine Weile folgt. Bis sie schließlich das erhoffte Spektakel in Louisiana erreichen, stehen ihnen allerdings noch weitere Hindernisse im Weg.

Das sagt shitesite:

Der Soundtrack zu Easy Rider dürfte zu den legendärsten überhaupt gehören. Die 95 Minuten dieses Films sind prall gefüllt mit Klassikern von The Byrds, Jimi Hendrix, Bob Dylan und natürlich Steppenwolf. Ihr Born To Be Wild wurde später sogar neu veröffentlicht, angereichert um die Motorradklänge von Billy und Captain America.

Beim Blick auf den Film erstaunt zunächst, wie wenig die beiden Hauptfiguren dem Draufgänger- und Rebellen-Ethos entsprechen, das man mit diesem Song verbindet. Billy ist zwar notgeil und albern, aber sehr offensichtlich ein zutiefst unsicherer Charakter, Wyatt ist so sensibel und nachdenklich, dass sein gesamter Text für diese Rolle wohl problemlos auf zwei DIN-A4-Seiten passt. Sie mögen mit ihren Outfits provozieren (einer sieht aus wie ein Westernheld, der andere hat sich eine Comicfigur zum modischen Vorbild genommen), aber sie sind hier durchweg friedlich.

Das Aufbegehren und die Durchsetzungskraft, die man beispielsweise Born To Be Wild anhört, steckt viel eher in der Ästhetik dieses Films, bei dem die beiden Hauptdarsteller auch jenseits ihrer Rollen zentral waren: Dennis Hopper hat Regie geführt, Peter Fonda als Produzent agiert. Was sie erschaffen haben, wirkt heute wie ein Dokument der ausgehenden Hippie-Ära (und nimmt beispielsweise mit der psychedelischen Szene auf dem Friedhof in New Orleans auch auch schon die Zerrissenheit, Frustration und Desillusionierung dieser Bewegung in den Blick), war zum Zeitpunkt des Erscheinens aber in vielerlei Hinsicht revolutionär. Das bis dahin zwar schon etablierte, aber arg dumpfe Genre des Motorradfilms wollten sie mit Tiefgang anreichern. Viele Schauplätze wurden erst während des Drehs ausgesucht und Dialoge spontan konzipiert, spektakuläre Landschaftsaufnahmen nehmen sehr viel Raum ein, bei Szenenwechseln springt das Bild kurz schon in die nächste Einstellung und dann wieder zurück, also würde jemand mit der Filmrolle scratchen. Auch der extrem prominente Einsatz von Rockmusik im Kino wird hier auf neue Weise etabliert: In Easy Rider hört man bereits vorher veröffentlichte Rocksongs, die zu den jeweiligen Szenen passen (oder umgekehrt) statt extra für den Film komponierte Musik.

Nicht zuletzt ist der Ansatz höchst innovativ, kein Flowerpower-Wolkenkuckucksheim zu zeigen und kein Melodrama über „die Jugend heutzutage“ zu inszenieren (alle Hauptdarsteller waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon um die 30). So sehr hier improvisiert wird, so viele der Elemente unter Drogeneinfluss entstanden: Was Easy Rider stattdessen zeigen will, ist die Realität, das echte Leben.

Im Zentrum steht dabei die Frage, die damals auf dem Kinoplakat stand: „A man went looking for America. And couldn’t find it anywhere.“ Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn die beiden Biker finden auf ihrem knapp 2000 Meilen langen Weg durchaus Etliches, wofür Amerika steht: Rassismus, Korruption, Prüderie, Öl, Religion, Völkermord. Je weiter sie nach Süden kommen, desto weniger Toleranz erleben sie und desto mehr werden sie als Bedrohung empfunden für die vermeintlich amerikanischen Werte. Die tatsächliche Bedrohung geht dabei natürlich von anderen aus, von der Staatsgewalt und Hinterwäldlern. Immer wieder stellt Easy Rider recht plakativ den Widerspruch zwischen alter Zeit und neuer Zeit in den Mittelpunkt: Da wird eine Uhr in den Sand geworfen, da wird ein Pferd wird beschlagen, während sie den Reifen am Motorrad wechseln, da granteln verknöcherte Männer in einem Südstaaten-Restaurant, während die Teenie-Mädchen des Ortes verzückt flirten.

Natürlich muss man die Parallele zur Pionierzeit ziehen, aber nicht ganz zufällig gehen Wyatt und Billy in die umgekehrte Richtung, gen (Süd-)Osten. Sie wissen längst um die Ernüchterung der Vorfahren, die in der Hoffnung auf einen Goldrausch oder ein eigenes Stück Land die New Frontier der USA immer weiter in Richtung Pazifikküste verschoben hatten. Sie wollen einerseits in deren Fußstapfen wandeln, auf der Suche nach Autonomie und Ursprünglichkeit, andererseits befürchten sie aufgrund der Lehren der Geschichte, dass ihre Hoffnungen wohl auch naiv sind und in Enttäuschung münden werden. Mehr noch: Sie ahnen, dass es genau dieses bedeutsame Kapitel der amerikanischen Geschichte ist, das ihnen in der Gegenwart das Leben schwer macht. Wenn jeder sich selbst durchschlagen und seinen unter Strapazen und Entbehrungen erschlossenen Claim gegen immer neue Konkurrenz verteidigen muss, wenn das Streben nach Glück vor allem materiell definiert ist, dann ist kaum Platz für ein Leben, wie diese jungen Männer und viele andere in ihrer Generation es sich vorstellen.

Dieser Widerspruch wird hier nicht explizit gemacht, zeigt sich aber auch in einer anderen Facette des Films: Easy Rider ist ein Roadmovie, in dem paradoxerweise die Straße selbst – zu Beginn noch als Weg in die Freiheit auserkoren – zum Feind wird, und zwar immer dann, wenn sie geteilt werden muss. Fast durchweg sind Billy und Captain America bei den atemberaubenden Aufnahmen ihrer Fahrt allein auf weiter Flur. Als zum ersten Mal ein anderes Fahrzeug sichtbar mit ihnen die Straße teilt, ist es ein Polizeiauto, das sie ins Gefängnis bringt. Als sie das letzte Mal auf andere Verkehrsteilnehmer treffen, nimmt ihre Tour ein jähes Ende.

Bestes Zitat:

„Es ist wirklich schwer, frei zu sein, wenn man verladen und verkauft wird wie eine Ware.“

Der Trailer zum Film.

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