Egotronic, Werk 2, Leipzig


Foto: Vollmond Konzertfotografie

Mein Name ist Oliver. Natürlich ist das nicht mein echter Name. Ich bin incognito hier. Für den Verfassungsschutz. Weil ich der einzige in meiner Einheit bin, dessen Haare länger als 4 Millimeter sind und der einen Hoodie besitzt, hat man mich hierher geschickt. Auftrag: Ich soll Leute finden, die beim G20-Treffen in Hamburg randaliert haben. 104 Fälle waren bei der Öffentlichkeitsfahndung veröffentlicht worden, mehr als zwei Drittel dieser Leute sind noch immer nicht identifiziert.

Die Lage erscheint günstig. Wir sind bei Egotronic, die bei „I Can’t Relax in Deutschland“ mitmachen und sich als antideutsch betrachten, wie mir mein Führungsoffizier erklärt hat. Wir sind in Leipzig-Connewitz, einer Hochburg der gerne auch mal militanten Linken. Und am besten: Die Konzertbesucher im Werk 2 glauben, unter sich zu sein. Niemand ahnt, dass ich hier bin. Niemand wird versuchen, seine politische Einstellung zu verbergen oder gar sein Gesicht zu maskieren. Die Chancen, hier ein paar Treffer zu landen, stehen gut für mich. Das Konzert ist ausverkauft.

Das Problem ist: Ich fühle mich nicht wohl. Es liegt nicht daran, dass meine Tarnung auffliegen könnte. Sondern an der Stimmung im Werk 2. Vor dem Konzert sitzen alle brav rum, viele trinken ein Bier, viele unterhalten sich, niemand wirft Steine. Anders sieht das bei der Jugendfeuerwehr oder unseren geselligen Truppenabenden auch nicht aus. Die Vorgruppe UNS verbreitet erstaunlich gute Laune, etwa mit der Behauptung: „Alles, was wir machen ist Kunst.“

Dann kommen Egotronic auf die Bühne. Ich schärfe die Sinne. Es ist dunkel, es ist laut, es gibt Gegenlicht. Aber für solche Situationen bin ich schließlich ausgebildet. Ich habe eine taktisch kluge Position gewählt, an der die Besucher sowohl auf dem Weg zur Theke als auch auf dem Weg zur Toilette vorbeikommen müssen. Die Gesichter und Staturen der G20-Fahndung habe ich mir genau eingeprägt. Wenn ich einen von denen erkenne, bekommen meine Jungs, die draußen vor dem Werk 2 warten (glückliche Fügung: in einer anderen Halle auf dem Gelände findet heute Abend eine Faschingsveranstaltung statt, da fallen die seltsamen Outfits meiner Kameraden nicht so auf) sofort eine genaue Personenbeschreibung. Selbst soll ich nicht am Zugriff beteiligt sein, damit ich vielleicht weitere Verdächtige aufspüren kann.

Das Konzert beginnt mit Keine Argumente. Ich weiß genau: So heißt auch das aktuelle Album von Egotronic, und den besorgten Patrioten von Pegida wird darin gewünscht, sie würden von einem Flugzeug erschlagen oder in der Elbe ertränkt. In meinen Augen kommt das einem Straftatbestand zumindest nahe. Aber ich bin kein Jurist, und verdammt: Es klingt gut.

„Die bekackten Deutschen“ werden im nächsten Lied angeklagt. Sind die vier Musiker auf der Bühne nicht auch Deutsche?, frage ich mich noch, da beginnt schon Scheiße bleibt Scheiße, und am Ende des Lieds schreien vorne etliche Fans: „Nie, nie, nie wieder Deutschland.“ Ich bin zu weit weg, um sie genauer erkennen zu können. Vielleicht sollte ich mir auf szenegerechte Weise den Weg nach vorne bahnen? Bei diesem Lied beobachte ich erstmals einen jungen Mann (ca. 1,75 Meter, ca. 70 Kilogramm, Basecap, auffällige Tätowierung am linken Handgelenk), der sich auf den Händen der Besucher durch den Saal tragen lässt. Das wäre natürlich eine perfide Methode, mich dem harten Kern, womöglich dem Schwarzen Block, innerhalb des Saals unauffällig zu nähern. Ich könnte diese Gruppe vielleicht infiltrieren. Aber womöglich ist das doch ein bisschen übertrieben. Und es wäre gefährlich, schließlich bin ich verkabelt – und die Technik macht das bestimmt nicht mit.

Egotronic Werk 2 Leipzig Kritik Konzert

Mehr als zwei Stunden spielen Egotronic im ausverkauften Werk 2.

„Crowdsurfing“ heißt dieses Phänomen, gibt mir Dirk aufs Ohr, mein Verbindungsmann draußen, mit dem ich die Idee diskutiert habe. Wir einigen uns darauf: Ich halte meine Position, und ich halte die Augen offen. Im nächsten Lied scheint es eindeutig um Drogenmissbrauch zu gehen (immerhin Manchmal), den Besuchern im Werk 2 macht das offensichtlich nichts aus. Ich bin natürlich nüchtern, muss aber gestehen: Mein Fuß wippt mit.

Es kommt noch schlimmer: Bei einem Lied, das offensichtlich Was soll’s heißt, würde ich am liebsten tanzen („Defätismus!“, würde mein Führungsoffizier sicher schimpfen), bei Die richtige Einstellung erwische ich mich dabei, die Melodie mitzusingen, die das Keyboard spielt. Die vier Männer auf der Bühne finde ich auch nicht mehr so staatsgefährdend, nicht einmal unsympathisch: Sie holen einen Fan auf die Bühne, der Luftgitarre spielen soll (das ist eine anerkannte Sportart, behauptet Dirk), später einen Besucher im Rollstuhl. Sänger Torsun (das ist wohl auch ein Deckname) macht sogar einen Witz, der mir gefällt: „Mein Arzt hat gesagt: Seit ich Junkie bin, soll ich weniger Alkohol trinken.“

Ich muss mich zusammenreißen. Hier zieht bei Berlin Calling schließlich der Geruch von Marihuana durch die Luft. Hier gibt es genug Besucher, die in ihren üppigen Dreadlocks wichtige Beweismittel versteckt haben könnten. Hier wird zur Gewalt gegen einen Großteil der Einwohner von Wurzen aufgerufen. Und ein Song namens An die Wand wird sogar meiner Behörde gewidmet, offensichtlich in verhöhnender Absicht.

Und dennoch: Mir gefällt das. Das Gefühl von Zusammenhalt, die Bereitschaft zum Engagement, das Bewusstsein von Ausnahmezustand, nicht zuletzt die Ausdauer: Egotronic spielen über zwei Stunden in Leipzig, ich muss also hinterher noch Nachtzuschlag beantragen. Sogar die Musik finde ich gut: aggressiv, kurzweilig, mit deutschen Texten – und mit Charakter. Bei Rannte der Sonne hinterher bin ich neidisch, dass ich nicht vorne in der Wall of Death sein kann (so heißt diese Choreografie, erläutert mir Dirk, der öfter als ich auf Konzerten ist). Ihr wollt Arbeit, ich will schlafen würde auch im Kreise der Kollegen beim nächsten Verfassungsschutz-Frühlingsfest gut ankommen.

Bei Die Bismarck habe ich genug: Der Knopf kommt aus dem Ohr, das Mikro unter dem Hoodie reiße ich ab. Ich will hier kein Spion sein – und vor allem nicht der einzige Mensch im Saal, der keinen Spaß hat. Ein paar Minuten später merke ich: Deutschland, Arschloch, fick dich lässt sich sehr gut mitsingen, kurz vor Ende des Konzerts habe ich bei Raven gegen Deutschland sogar Gänsehaut. Fühlt sich gut an. Scheiß auf Dirk. Scheiß auf die Verdächtigen. Die dürfen auch mal Spaß haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.