Ein netter Abend unter Freunden


Benjamin von Stuckrad-Barre zeigt sich ein bisschen verwirrt, aber als guter Entertainer.

Benjamin von Stuckrad-Barre zeigt sich ein bisschen verwirrt, aber als guter Entertainer.

Wie es sich für jemanden gehört, der als eingebildeter Schnösel gilt, kam er eine Viertelstunde zu spät zu seiner Lesung. Doch nur damit wurde Benjamin von Stuckrad-Barre seinem Image als versnobbter Popliterat gerecht. Denn sobald er die Bühne im Fuldaer Museumskeller betreten und seine Arbeitsmaterialien (einige CDs, Manuskripte und natürlich das aktuelle Werk Blackbox) geordnet hatte, glich die Veranstaltung einem lustigen Abend unter Freunden.

Der Gastgeber hatte Bier, Wein und belegte Brote für seine Gäste mitgebracht. Einige von ihnen waren seit Jahren gute Freunde, andere nur vage Bekannte, ein paar waren wohl auch nur von irgendjemandem mitgebracht worden und hatten offensichtlich noch nie etwas vom Gastgeber gehört. Er bemühte sich, die Gesellschaft zu unterhalten, zeigte Urlaubsbilder und legte Musik auf. Natürlich war jedes Lied nur ungefähr bis zur zweiten Strophe zu hören, wie bei solchen Veranstaltungen üblich.

Es wurden selbst ausgedachte Gesellschaftsspiele gespielt, man tauschte die besten Hausrezepte gegen Erkältungen aus, frischte gemeinsame Erinnerungen auf und machte sich über gemeinsame Feinde lustig.

Nichts verbindet Menschen ja so sehr, wie etwas, das man zusammen verabscheuen kann. Ähnliche Vorlieben oder gleiche Interessen können zusammenführen. Aber ein von Herzen gehasster Fußballverein oder eine schon immer verachtete Band machen zwei Menschen auf Lebzeiten unzertrennlich.

Das weiß auch Benjamin von Stuckrad-Barre, der sich in seinen bisherigen vier Büchern selten über das definierte, was er mag, sondern vielmehr über all die Dinge, welche die Welt zu einem so schwer erträglichen Ort machen. Auch in Fulda erntete er die größten Lacher für seine Häme über debile Jungmoderatorinnen, inkontinente Altplayboys oder schlechtgekleidete Mittvierziger.

Und gelegentlich erntete er auch ein Schmunzeln für seine immer noch etwas linkische Art. Jeden Abend wird das Programm neu konzipiert, da kommt es auf gelungene Improvisation an. Wenn dann im Chaos auf dem kaum beleuchteten Schreibtisch eine CD verloren geht, die Dias falsch geordnet sind, der Autor sein Volvic-Mineralwasser versehentlich aus der Flasche trinkt oder der Einstiegstext viel zu lang ist, um noch die Spannung aufrechtzuerhalten, wirkt das allerdings nicht dilettantsich, sondern sympathisch. Und einem Mädchen im Publikum (für jemanden, der häufig übers Alleinsein und Verlassenwerden schreibt, waren ohnehin erstaunlich viele Pärchen zu sehen) huscht dann auch Mal ein ganz leises „Och, süß“ über die Lippen.

Natürlich ist kaum etwas unbeabsichtigt. Stuckrad-Barre hat die Erfahrung von zig Lesungen im Gepäck. Im Kulturkeller wich die Zurückhaltung des Publikums nur sehr zögerlich. Doch Stuckrad-Barre passte sich der Stimmung an, baute Running Gags ein und versuchte, einen lokalen Bezug zu schaffen. Schließlich war der Mann einmal Gagschreiber für die Harald-Schmidt-Show. Man könne zwar die Witze schreiben, müsse dabei aber stets im Kopf haben, dass man selber nicht komisch sei. Die Pointe wirke erst durch die Präsentation, durch die Person Harald Schmidts selbst, hat er über diese Tätigkeit einmal gesagt. So gesehen ist Benjamin von Stuckrad-Barre inzwischen ein verdammt guter Entertainer.

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