Durchgelesen: Lionel Shriver: „Wir müssen über Kevin reden“


Amok – und was davor kommt.

Autor Lionel Shriver
Titel Wir müssen über Kevin reden
Verlag List
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****1/2

Gerade gestern ist es wieder passiert. „Eine Tragödie monumentalen Ausmaßes“, stand in der Zeitung, und doch ist es in den USA längst so etwas wie Alltag: Wieder ist ein Eleve zum Amokläufer geworden. Lionel Shriver, die als Journalistin unter anderem für das „Wall Street Journal“ arbeitet und die für diesen Roman den Orange Prize bekam, greift in „Wir müssen über Kevin reden“ das Thema auf, das auch dem Ort Littleton zu trauriger Berühmtheit verholfen hat.

Weil sie dabei eine höchst ungewöhnliche Perspektive wählt, läuft ihr Werk nie Gefahr, zur faden Gefühlsduselei oder abgehobenen Moralpredigt zu werden. Stattdessen erzählt hier die Mutter eines Amokläufers. In Briefen an ihren Ehemann erinnert sie sich. Die Frage nach dem Warum schwebt über allem (und wird vor allem im ersten Brief köstlich hinausgezögert, als es erst so viele Andeutungen und scheinbar halbgare Philosophie gibt, dass man beinahe schon genervt ist, bevor ganz am Ende der schockierende Kern der Geschichte enthüllt wird), und die erdrückende Ahnung der eigenen Schuld lastet tonnenschwer auf der Erzählerin.

„Wir müssen über Kevin reden“ ist vor allem deshalb so schockierend, weil hier die scheinbar natürlichste Bindung der Welt von Anfang an nicht funktioniert. Mutter und Sohn entwickeln stattdessen eine Beziehung zueinander und Gefühle füreinander, die man nur pervers nennen kann. Am klarsten wird dies in den packenden Dialogen im Jugendgefängnis, wo die Mutter ihren Sohn besucht.

Kevin ist ein Monster, die Ausgeburt des Bösen. Und der Mutter wird nach und nach klar, dass sie ihn dafür nicht einmal verantwortlich machen kann. Stattdessen ahnt sie, dass die Bluttat ein riesiger, unausgesprochener Vorwurf ist, der sich gegen sie richtet: Sie hatte die anmaßende Idee, dass gegen die Leere und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, die sie trotz ihres beruflichen Erfolgs und ihres privaten Glücks verspürte, vielleicht ein Kind helfen könnte.

Es ist gerade diese Erkenntnis, die „Wir müssen über Kevin reden“ so eindrucksvoll macht. Der Roman lehrt, wie krankhaft und egoistisch die Fixierung auf Kinder ist, solange sich Erwachsene nicht über sich selbst im Klaren sind. Und er erteilt eine Lektion darin, was Verantwortung bedeutet.

Beste Stelle: „Gab es nicht ein einzig wahres Andenken an einen Mann, ein Wesen, das zum Valentinstag Karten malt und lernt, wie man Mississippi buchstabiert? Zwar konnte kein Kind dich ersetzen. Aber wenn ich dich je vermissen sollte, für immer vermissen, dann wollte ich jemanden neben mir, der dich ebenso vermisste, der dich genauso als Lücke in seinem Leben erlebte, wie du eine Lücke in meinem Leben wärst.“

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