Emilie Nicolas – „Let Her Breathe“


Künstler Emilie Nicolas

Emilie Nicolas Let Her Breathe Review Kritik

Mehr Fokus auf Rhythmus war eines der Ziele von Emilie Nicolas für „Let Her Breathe“.

Album Let Her Breathe
Label Big Little Sister
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

„Sie haben einen Gehirntumor. Wir müssen Sie operieren und es kann sein, dass Sie danach nie wieder sprechen können.“ Es gibt wohl keinen Moment im Leben, in dem man so eine Aussage gerne hört, und niemanden, den so eine Botschaft nicht schockieren würde. Wenn man die Diagnose aber ausgerechnet als jemand erhält, der für sein Leben gerne singt und gerade sein erfolgreiches Debütalbum veröffentlicht hat, ist das sicherlich besonders tragisch. So ist es Emilie Nicolas im Jahr 2015 ergangen, kurz nach dem Erscheinen des gefeierten Like I’m A Warrior.

Dem Titel dieser Platte wurde die Norwegerin dann mehr als gerecht. Sie kämpfte sich zurück, erarbeitete sich nach dem Eingriff wieder ihre Stimme und legt nach Tranquille Emile (2018) nun mit Let Her Breathe ihr drittes Album vor. Zwei Dinge hat sie sich als Ziel dafür gesetzt. Erstens wollte die 32-Jährige, die ein Elite-Jazzkonservatorium in Trondheim absolviert hat, diesmal mehr Betonung auf Rhythmus legen, angelehnt an Robyn oder den nigerianischen Afro-Fusion-Künstler Burna Boy. Man hört diesen Schwerpunkt beispielswiese in den interessanten Percussions von Tsunami, das rund um die Zeile „All you wanted was a beach to lay on / but you got a tsunami“ die Bedrohung und Spannung zeigt, die in der Warnung liegt, sich lieber genau zu überlegen, worauf man sich einlässt. Die Single Who’s Gonna Love You integriert lateinamerikanische Einflüsse und wiegt die Perspektive einer möglichen Trennung nicht ohne Leidenschaft, aber doch sehr objektiv ab. Der Beat von To The Moon ist dezent, aber hoch nervös im Refrain, was den Song wie eine experimentelle Version von Destiny’s Child wirken lässt. Zudem gibt es hier einen Effekt, den man auf Let Her Breathe immer wieder beobachten kann: Man wundert sich, dass der Track nur etwas länger als zwei Minuten ist – nicht weil er langweilig erscheint, sondern weil so viel drinsteckt.

Passend zur stärkeren Beat-Betonung wurde die Platte in ihrer Wahlheimat Oslo über einem Nachtclub aufgenommen, und zwar nicht mehr mit ihrem bisherigen Haus- und Hofproduzenten Eivind Helgerød, sondern mit ihrem Cousin Thomas Kongshavn, Aksel Carlson und Ole Torjus Hofvin. „Ein bisschen aus meiner Konfortzone herauszukommen, hat sich als sehr hilfreich erwiesen. Es war eine gute Übung für mich, mehr in die Entscheidungsfindung eingebunden zu sein. Früher habe ich mich oft nach dem gerichtet, was andere Leute gesagt haben, deshalb hatte ich auch nie die volle Kontrolle darüber, wie ein Song letztendlich klingen würde. Es fühlt sich toll an, wenn man jetzt einfach seinen eigenen Ohren vertrauen kann“, sagt sie.

Das passt zur zweiten zentralen Vorgabe für Let Her Breathe: Emilie Nicolas ist hier noch viel mehr ganz bei sich. „Als ich krank geworden bin, wurde mir klar, dass es keine Rolle spielt, was die Menschen denken. Ich kämpfe nicht um Aufmerksamkeit. Ich mache einfach Musik. Weil es mir am besten geht, wenn ich etwas tun kann, was ich mag.“ Man hört dieses Zusammentreffen von Freiheit und Souveränität etwa im reduzierten First Love Song, der viel Leichtigkeit ausstrahlt, aber dabei seine Intensität bewahrt, oder im aufwühlenden No Humans, das Beat, Orchestrales, Kritik an Umweltverschmutzung und zwischendurch sogar etwas Auto-Tune vereint. Das Liebkosen, das im Text von Teddy Bear versprochen wird, scheint auch jedes einzelne Instrument im Sinn zu haben. Bye feiert die eigene Gelassenheit beim Blick aufs Leben, zum genau dazu passenden Sound.

Auch Oh Love macht dieses Selbstverständnis sehr deutlich. Es ist das beste Lied auf Let Her Breathe und extrem elegant, wobei das Spektrum von zerbrechlich bis hymnisch reicht. „Für mich ist das ein wirklich positiver Song. Es ist wie ein an mich selbst gerichteter Aufruf. Ich hatte früher sehr viel Angst, aber jetzt kann ich das besser kontrollieren und bin dadurch viel glücklicher geworden“, sagt Nicolas. „Vielleicht hat das auch mit dem Älterwerden zu tun. Meine Freunde haben mir immer gesagt, dass man entspannter wird, wenn man 30 ist, dass dann irgendetwas in einem passiert. Ich konnte es deshalb kaum abwarten, 30 zu werden, damit ich endlich etwas ruhiger sein kann. Es scheint sich jetzt bewahrheitet zu haben: Je älter du wirst, desto besser verstehst du, wie du tickst.“

Open passt gut zu dieser Aussage, es ist vergleichsweise konventionell in der Instrumentierung, aber ziemlich magisch in der Wirkung. Das ebenso stimmungsvolle wie abwechslungsreiche If I Call ist eines von mehreren Liedern dieser Platte, in denen Emilie Nicolas ein „Was wäre wenn“-Szenario entwirft, und auch darin kann man wohl einen Beleg für ihre Fantasie finden, die auf Let Her Breathe die zweitwichtigste Zutat ist. Die wichtigste Zutat bleibt weiterhin ihr sehr besonderer Gesang – also nicht bloß ihre Stimme, sondern das, was sie mit dieser Stimme macht und aus dieser Stimme herausholt.

Emilie Nicolas singt Oh Love live im norwegischen Fernsehen.

Website von Emilie Nicolas.

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