Enno Bunger, Werk 2, Leipzig


Enno Bunger Konzertfoto

Das EB steht nicht für „Euphorischer Battlerap“.

Natürlich erwartet man kein Spektakel, wenn man zu einem Konzert von Enno Bunger geht. Pyrotechnik, Tanzchoreographien, Rockposen – all dies wäre hier irritierend und unpassend. „Geht es euch noch gut?“, fragt der Sänger nach den ersten sechs Liedern, von denen alle vom aktuellen Album Was berührt, das bleibt stammen und somit von Krankheit, Tod und Depression handeln, und verspricht: „Das Schlimmste ist überstanden!“ Später witzelt er vor dem (durchaus tanzbaren) Neonlicht über die mangelnde Eignung seiner Songs für Discofox. In der Mitte des Zugabenblocks setzt er mit einer scherzhaften Ansage noch einen drauf: Eigentlich bringe er nur zwei Gefühle mit seiner Musik zum Ausdruck, bekennt er da, nämlich Traurigkeit und schlechte Laune.

Und doch gibt es ein paar Momente während dieser Show in Leipzig, die erstaunlich nahe heran kommen an Spektakel, sogar Euphorie. Läuft man während des Schlussteils von Renn! am Werk 2 vorbei, könnte man meinen, drinnen spiele eine von Rammstein inspirierte Band. Das Finale von Hamburg, zugleich der Schluss im regulären Teil des Sets, wäre vielleicht bei einem Konzert von Underworld vorstellbar, in jedem Fall aber bei Paul Kalkbrenner. Wo bleiben die Beschwerden hat eine Woche nach dem Anschlag in Halle nicht nur große Aktualität, sondern auch viel Kraft – und zeigt zudem, dass der Sprechgesang, der auf Was berührt, das bleibt so ausgiebig zum Einsatz kommt, kein neues Element im Sound von Enno Bunger ist.

Aber natürlich sind dies die Ausnahmen und natürlich ist niemand hierhergekommen, um Aggressivität, Dynamik oder seine Skillz als MC zu erleben. Die Fans in Leipzig sind da, weil sie die Melancholie lieben. „Habt ihr Bock auf schlechte Laune?“, fragt Enno Bunger, und selbstverständlich heißt die stillschweigende Antwort: klar doch. Ob das rührende Stark sein, das ergreifende Konfetti direkt danach, das verspielte Niemand wird dich retten oder Glaube an die Welt, das als erste Zugabe erklingt, von Enno Bunger solo am E-Piano dargebracht und als „der traurigste Song, den ich je geschrieben habe“ angekündigt – stets kann man sich wunderbar dazu an seine Begleitung kuscheln, kräftig schluchzen oder ein paar Tränen verdrücken. Am Ende des Tunnels, ebenfalls ohne die drei Mitstreiter, die sonst mit auf der Bühne stehen, wird ein sehr besonderer Moment, auch weil hier die Wut erkennbar wird, die Enno Bunger gelegentlich antreibt. Bei Bucket List begibt er sich kurz ins Publikum, bevor Ponyhof den Abend im Werk 2 beschließt.

Zum Zusammenspiel aus vielen subtilen Qualitäten und einigen durchaus plakativen Passagen passt das Bühnenbild in Leipzig. Im Hintergrund der Bühne ist ein Quadrat zu sehen, das von zwei Linien durchschnitten ist, einige davon reichen nicht ganz bis an die anderen heran. Nach einer Weile erkennt man, dass es die Initialen des Künstlers als Leuchtbuchstaben sind. Und ganz am Ende wird deutlich, was diese geometrische Form, dieses stilisierte EB wirklich ist: ein Diamant. Und als solcher kann Enno Bunger in der Welt der Singer-Songwriter eindeutig auch betrachtet werden.

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