Extraklasse


Film Extraklasse

Extraklasse Review Filmkritik

Ralph Friesner (Axel Prahl) ist neu im Job als Lehrer.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2018
Spielzeit 90 Minuten
Regie Matthias Tiefenbacher
Hauptdarsteller*innen Axel Prahl, Aglaia Szyszkowitz, Inka Friedrich, Katharina Thalbach, Max Hegewald, Simon Schwarz, Mercedes Müller, Jennifer Ulrich, Vedat Erincin, Dennis Mojen, Nico Randel
Bewertung

Worum geht’s?

Ralph Friesner trauert immer noch seinen besten Zeiten nach: Als investigativ arbeitender Journalist hat er einst Preise gewonnen und Politiker zu Fall gebracht. Er war angesehen in der Branche, Führungskraft mit gutem Einkommen und glücklich verheiratet. Jetzt, an seinem 50. Geburtstag, ist er geschieden, arbeitslos und lebt in einer WG mit einem ehemaligen Praktikenten, der als DJ arbeitet, und dessen notorisch lebensfroher Oma. Das Jobcenter macht ihm klar, wie schlecht die Chancen auf eine erneute Festanstellung im Journalismus sind, und bietet ihm auch gleich eine Alternative an: Der einstige Enthüllungs-Reporter soll Lehrer an einer Abendschule werden, schließlich habe er ja einst, allerdings ohne Abschluss, Lehramt studiert. Weil ihm sonst eine Kürzung der Leistungen droht, sagt Ralph Friesner zu und übernimmt die Aufgabe, eine kleine Gruppe von Erwachsenen zu unterrichten, die ihren Hauptschulabschluss nachholen wollen. Natürlich macht es ihm die strenge Schuldirektorin ebenso schwer wie seine Klasse, in der sich Analphabeten, Schlägertypen, Teenie-Mütter und Handysüchtige tummeln, dazu ein junger Mann mit Down-Syndrom und ein Einwanderer aus Haiti, der seine eigene Voodoo-Puppe mitgebracht hat. Der Ex-Journalist ist zunächst frustriert, erkennt dann aber die Talente seiner Schüler*innen – und was er selbst noch von ihnen lernen kann. Sowohl selbst motiviert zu bleiben als auch bei seinen Schützlingen die Laune hoch zu halten, ist noch aus einem anderen Grund besonders wichtig für ihn: Niemand darf den Kurs abbrechen, sonst hat die Klasse nicht mehr die nötige Mindestanzahl an Schüler*innen und Ralph Friesner ist seinen neuen Job gleich wieder los.

Das sagt shitesite:

Extraklasse ist über weite Strecken so wie der Filmtitel: etwas gewitzt und gleichzeitig etwas zu naheliegend. Regisseur und Drehbuchautor Matthias Tiefenbach bietet ein paar gute Punchlines und ein paar platte Gags, viel Charme und einige Klischees. Dass sein Film so launig und letztlich insgesamt gelungen ist, liegt vor allem an Axel Prahl, dem die Rolle des ebenso griesgrämigen und frechen wie pragmatischen und warmherzigen Helden auf den Leib geschnitten ist.

Wenn man möchte, kann man hier Fack ju Göhte für Erwachsene entdecken, mit vergleichbaren Hinweisen auf Missstände im deutschen Bildungswesen, einer ähnlichen Sozialromantik und einem verwandten Plot voller Protagonist*innen, deren einzige Chance auf Erfolg es ist, sich entgegen aller Erwartungen zusammenzuraufen. Ralph Friesner ist anfangs so wenig begeistert von der Aussicht, sich jetzt wochenlang mit diesem Kurs herumzuplagen, wie seine Schüler*innen. Seine Klasse nennt er selbst im Gespräch mit einem befreundeten Kneipenwirt ein „Panoptikum“, und die schablonenhafte Darstellung der dort versammelten (bisherigen) Bildungsversager ist in der Tat zunächst eine Schwäche von Extraklasse. Sie bildet aber auch die Voraussetzung, um dem Neu-Lehrer, der seine erste Stunde noch mit einem Schiller-Zitat beginnt, innerhalb von 90 Minuten reichlich Einblicke in neue Lebenswelten zu gewähren, die ihm schließlich Respekt abnötigen und zeigen, wie schwierig es für seine Schüler*innen ist, ihren Alltag zu bewältigen und darin auch noch einen Kurs an der Abendschule zu integrieren, um vielleicht doch noch einmal ein paar mehr gesellschaftliche Chancen zu bekommen.

Innerhalb der Klasse sind Zusammenhalt, Solidarität und das Überwinden von Vorurteilen dabei ebenso gefragt wie zwischen den Schüler*innen und ihrem Aushilfslehrer. Ein sehr guter Einfall ist dabei die Berufswahl von Friesner. Die Erfahrung als Journalist gibt ihm rhetorisches Geschick bei der Vermittlung von Wissen mit auf den Weg, ebenso wie Recherchekompetenz, die er ebenfalls im neuen Job einsetzen kann. Sie sorgt aber auch für die bei Medienbeschaffenden gerne zu findende Neigung, alles und jeden von einem hohen Ross aus zu bewerten. Der Kniff in Extraklasse ist dabei, dass Journalismus in vielen Bereichen längst selbst eine prekäre Branche geworden ist. Friesner hatte einst eine tolle Wohnung und schöne Frau, mit der er bei mondänen Partys sein soziales Prestige genießen konnte. Doch mittlerweile gehört er als Hartz-IV-Empfänger selbst zu genau der Unterschied, zu der er zunächst abschätzig die vor ihm versammelten Schüler*innen zählt. Wie er die eigene Arroganz verliert und dabei ebenso viel Ehrgeiz entwickelt wie seine Klasse, ist unterhaltsam zu beobachten, auch weil sich Extraklasse ein komplettes Happy End verkneift. Dafür gibt es die Erkenntnis für den Lehrer wider Willen, dass er in dieser Position etwas im Leben von Menschen bewegen kann – vielleicht sogar mehr und in jedem Fall unmittelbarer als mit einer spektakulären Recherche.

Bestes Zitat:

„Du schaust in den Spiegel, und du weißt, dass dir etwas fehlt. Und du weißt, dass es eine Zukunft ist.“

Jennifer Ulrich im Interview zum Film.

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