Falsch verstanden


Volker Bouffier hat hehre Ziele. Wer aus einem anderen Land zu uns kommt und einen deutschen Pass möchte, soll sich intensiv auseinander setzen mit dem Land, in dem er leben will, und der Werteordnung, die hier gilt. Das ist eine gute Idee. Die Bundesrepublik steht für Demokratie, Frieden und Freiheit – und alle, die hier leben, sollen von diesen Idealen überzeugt sein.

Allerdings fragt sich, ob Bouffier die deutsche Werteordnung, für die er sich stark macht, selbst richtig verstanden hat. Ein kurzer Blick ins Grundgesetz hätte genügt. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ steht dort in Artikel 3. Und: „Niemand darf wegen (…) seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Dabei wird schon jetzt mit zweierlei Maß gemessen – und oft auch vergessen, dass es genug Deutsche gibt, die den Wertekanon der Verfassung nicht kennen oder nicht teilen und den elementarsten Anforderungen an ein humanes Miteinander nicht gerecht werden. Ausländer, die eingebürgert werden wollen, müssen ihre Sprachkenntnisse nachweisen und eine Überprüfung durch den Verfassungsschutz über sich ergehen lassen – Deutsche nicht. Sie müssen auch keinen Eid auf das Grundgesetz leisten, wenn sie nicht gerade Minister, Beamte oder Wehrpflichtige sind. Wenn sie sich nicht vernünftig ausdrücken können, wenn sie verfassungsfeindliche Ansichten haben, selbst wenn sie Menschen essen und ihre Kinder verhungern lassen, spricht ihnen keiner das Recht ab, hier zu leben und alle Annehmlichkeiten in Anspruch zu nehmen, die ein deutscher Pass mit sich bringt. Bloß weil sie das Glück hatten, hier geboren zu sein.

Erst recht muss kein Bundesbürger einen Wissens- und Wertetest mit Quizshow-Charakter bestehen – und nicht wenige hätten mit Fragen zu Caspar David Friedrich oder dem Entdecker des Cholera-Erregers wohl auch ihre Schwierigkeiten. Das zeigt, wo wirklich angesetzt werden sollte, um Hassprediger, Ehrenmorde und Ghettoisierung loszuwerden: Wer die Werte stärken will, für die das Grundgesetz steht, muss diese Werte vor allem besser und glaubwürdiger vermitteln.

Um das zu erreichen, brauchen Ausländer in erster Linie bessere Deutschkenntnisse, und Kinder, die schon hier aufwachsen, brauchen mehr Vorbilder, um sich mit diesem Land identifizieren zu können. Mehr Integration funktioniert nur durch bessere Bildung – auch für die Deutschen.

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