Fenech-Soler – „Rituals“


Künstler*in Fenech-Soler

Fenech-Soler Rituals Review Kritik

Fenech-Soler vereinen auf „Rituals“ Pop und Club.

Album Rituals
Label Warner
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Rituals. Das ist ein seltsamer Name für ein Album. Rituale stehen für Wiederholung, Ordnung, letztlich für Langeweile. Sänger Ben Duffy, Schlagzeuger Andrew Lindsay, Bassist Daniel Fenech-Soler und Gitarrist Ross Duffy, die seit 2006 gemeinsam als Fenech-Soler musizieren, konnten keinerlei Interesse haben, dass ihr zweites Album mit diesem Begriff assoziiert wird.

Das Quartett aus Northamptonshire war bei Veröffentlichung dieser Platte sicher auch noch nicht so ermüdet vom Musikgeschäft, dass ihnen alles ritualisiert und wie eine ewige Wiederkehr des Immergleichen vorkommen musste. Vielmehr dürfte diese Phase ihrer Karriere noch ziemlich aufregend gewirkt haben: Ihr Debütalbum aus dem Jahr 2010 wurde für die Q Awards nominiert und vom Guardian als bestes neues Album seines Genres gefeiert. Es folgten Tourneen unter anderem mit Paramore und im Vorprogramm der Simple Minds, unmittelbar vor der Veröffentlichung von Rituals dann umjubelte Shows im Festivalsommer 2014, etwa in Glastonbury, Reading und Leeds, beim Berlin Festival oder Rockness.

Treffend ist der Albumtitel natürlich dennoch, denn er bezieht sich auf die Erkenntnis, dass Rituale natürlich auch hilfreich, sogar erfreulich sein können. Wenn man (wie beide Duffy-Brüder) in jungen Jahren bereits eine Krebserkrankung überlebt hat, erscheint es wahrscheinlich gelegentlich wie ein Glücksfall, dass man einen weiteren Tag die Zeitung aus dem Briefkasten holen, die Jungs auf dem Weg zum Stadion treffen oder sich vor einem Konzert noch einmal umarmen darf. Unser aller Leben steckt letztlich voller Rituale, und es ist natürlich eine Frage der Perspektive, wie man das bewertet.

Aus Rituals spricht deshalb auch das Wissen um das Glück, überhaupt ein zweites Album als Fenech-Soler machen zu können. „Wir wollten es richtig machen, weil uns alles so einfach hätte entgleiten können. Wir wollten etwas herausbringen, mit dem wir wirklich glücklich sind, weil wir wissen, wie zerbrechlich alles ist – sowohl die Branche selbst als auch als auch die Menschen, die dazugehören. Es hätte alles jederzeit leicht zu Ende sein können“, hat Andrew Lindsay erkannt. Ben Duffy bekräftigt: „Es war die größte Herausforderung, die wir als Band jemals hatten: dieses Album zu machen und uns als Komponisten, Produzenten und Musiker auf eine neue Stufe zu begeben. Es hat uns an unsere Grenzen gebracht, aber wir sind stolz auf das Ergebnis.“

Die Position, von der aus er im überaus heiteren Album-Auftakt Youth singt, lautet folglich „sitting on the edge of a rainbow“. Alles an diesem Track soll offenkundig positiv, wirkungsvoll und perfekt sein, und aus diesem Anspruch hört man gut die Orientierung an Phoenix heraus, die Fenech-Soler wiederholt als Vorbilder bezeichnet haben. Das folgende All I Know wird extrem mitreißend, wozu natürlich Beat und Effekte beitragen, aber mindestens genauso sehr auch Komposition und Melodie.

Schon nach diesen beiden Songs ist klar, dass die Band eine noch bessere Symbiose aus ihren Dance-Ursprüngen und ihrem Talent als Songwriter hinbekommen hat als auf dem Debüt. „Ich denke, dass die Pop-Elemente ganz klar nicht eingeplant waren, aber wir haben sie genauso wenig ausgeschlossen“, erklärt Ben Duffy. „Für uns geht es darum, darauf zu achten, was eine gute Pop-Platte ausmacht. Wir hatten keine Angst davor, ein Pop-Album zu machen. Es geht darum, auf einer universalen Ebene mit Leuten in Verbindung zu treten, und dabei trotzdem unseren Wurzeln treu zu bleiben.“

Der nächste Beweis dafür wird In Our Blood. Das, was in unserem Blut ist, scheint ganz klar der Drang nach Bewegung und Feiern zu sein, darf man nicht nur angesichts der Zeile „Even if I have to dance alone / I don’t want to go home“ vermuten. Die danach folgende Single Last Forever ist vielleicht der beste Song auf Rituals. Der Beat ist straight, der Bass verspielt, der Refrain schillernd glamourös, das Ergebnis ist ein Hit. „Unser grundlegender Anspruch war, dass jeder Song besser sein muss, als alle, die wir vorher geschrieben hatten“, sagt Daniel Fenech-Soler, und bis zu diesem Moment klappt diese Methode tatsächlich perfekt.

Diesen Lauf können sie dann allerdings doch nicht über die gesamte Dauer von Rituals fortsetzen. Beispielsweise Fading wird etwas kitschig, Magnetic ist in diesem Genre nur Durchschnittsware, auch wenn es dieses Attribut am Ende beinahe noch erfolgreich kaschieren kann. Das verspielte Maiyu und das vergleichsweise erwachsene Two Cities, dem man besonders deutlich die in diesem Album steckenden Ambitionen anhört, sind ebenfalls keine Highlights, aber mehr als passable Indielectro-Unterhaltung irgendwo zwischen Friendly Fires und Metronomy.

Insgesamt ist das aber ein großes Vergnügen. was selbst für die Akustik-Versionen gilt, die es in der Deluxe-Edition von Rituals als Bonus gibt. Beispielsweise Fading funktioniert mit einem Klavier im Zentrum und ein paar Gitarren sogar besser als die Albumversion, Last Forever verwandelt sich in eine zärtliche Ballade, auch Magnetic wird schön stimmungsvoll und unterstreicht, dass Fenech-Soler nicht nur Studiotricks für die Tanzfläche beherrschen, sondern tatsächlich gute Songs mit viel Substanz schreiben.

Somebody führt diese beiden Qualitäten ebenfalls zusammen: Der Beginn des Tracks kommt sehr deutlich aus dem Club, dann ist aber genauso klar die Pop-Affinität zu erkennen, am Ende gibt es schließlich sogar ein paar Tribal-Elemente. Den Abschluss von Rituals macht Glow mit einem schönen Spannungsbogen, der zu einem tatsächlich ziemlich großen Finale hinführt, irgendwo zwischen a-ha, Bastille und Coldplay – und damit sind wir nur bei den Assoziationen innerhalb der ersten drei Buchstaben des Alphabets.

„Wir sind erwachsen geworden und uns gefällt, wer wir als Band sind und welchen Platz wir in der Musikszene haben“, sagt Ben Duffy, der mittlerweile gemeinsam mit seinem Bruder das einzig verbliebende Mitglied bei Fenech-Soler ist. „Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Band das tut, was wir tun, besonders nicht im Dance-Genre. Wir haben immer versucht, Dance Music als Menschen aus Fleisch und Blut live darzustellen. Das hat uns immer fasziniert.“

Im Zweifel ist dieser Sound auch Surfrock, zeigt das Video zu Last Forever.

Fenech-Soler bei Twitter.

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