Fjodor M. Dostojewski – „Der Doppelgänger“


Autor Fjodor M. Dostojewski

Der Doppelgänger Fjodor M. Dostojewski Review Kritik

„Der Doppelgänger“ war ein Misserfolg bei Kritik und Publikum.

Titel Der Doppelgänger. Ein Petersburger Poem
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1846
Bewertung

Jakow Petrowitsch Goljadkin lebt als kleiner Beamter in St.Petersburg. Sein Alltag gibt wenig Anlass zur Aufregung, bis eines Tages ein Mann auftaucht, der ihm extrem ähnlich sieht und auch noch denselben Namen trägt. Dieser begegnet ihm zuerst nachts auf der Straße, dann sitzt er plötzlich in seiner Wohnung. „Dieser nächtliche Freund war kein anderer als er selber, ein zweiter Herr Goljadkin, der aber genauso aussah wie er selber – mit einem Wort das, was man einen Doppelgänger zu nennen pflegt…“ So sehr sich die beiden Figuren äußerlich gleichen, so unterschiedlich sind ihre Charaktere: Das Original ist naiv, schüchtern und neigt zum Moralisieren, der Doppelgänger ist durchtrieben, intrigant und erweist sich als Draufgänger, als er nicht nur bei Goljadkin zuhause einzieht, sondern auch in derselben Kanzlei eine Stelle antritt. Nach und nach gräbt er Goljadkin, der seinem „Zwilling“ zuerst gutmütig und wohlwollend begegnet war, das Wasser ab. Goldjadkin weiß nicht, was er dagegen tun soll. Er landet immer mehr in der Verzweiflung, während der andere glänzt und reüssiert.

Als der gerade 24-jährige Fjodor M. Dostojewski diese Erzählung 1846 in einer Zeitschrift veröffentlichte, knüpfte er daran große Hoffnungen. Gerade hatte er mit seinem Erstlingswerk Arme Leute beträchtlichen Erfolg erzielt, im Doppelgänger sah er ein gewaltiges Potenzial: „Ich habe im Laufe meiner ganzen Karriere nichts Ernsteres hervorgebracht“, sagte der Schriftsteller einmal über dieses Werk. Doch es kam bei der Kritik nicht gut an, auch das Publikum zeigte sich überfordert. Dostojewski war von dieser Resonanz ebenso überrascht wie getroffen. Später distanzierte er sich von dem Werk und begann, an einer neuen Fassung zu arbeiten.

Die verhaltenen Reaktionen sind aus heutiger Sicht nicht allzu schwer zu erklären. Zum einen war Dostojewski hier seiner Zeit voraus: Mehr als 60 Jahre, bevor die Welt etwas von einem Autor namens Franz Kafka hören sollte, verknüpft er hier Realität und Fantasie auf eine hoch komplexe Weise. Zehn Jahre, bevor Sigmund Freud geboren wurde, blickt er mit der psychologischen Präzision, für die er immer wieder bewundert werden sollte, auf unterdrückte Ängste und ihre möglichen Folgen. Was wir hier erleben, wenn Goljadkin beispielsweise gegenüber einem Arzt ausspricht, er habe „gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten“, würde man mit heutigen Begriffen wohl „paranoide Schizophrenie“ nennen.

Der Plot erscheint maximal simpel, aber die Umsetzung ist extrem vielschichtig. Auch dieser Aspekt dürfte für die Abneigung der Zeitgenossen gesorgt haben. Denn eine leichte Lektüre ist Der Doppelgänger in keinem Fall. Dostojewski erzählt polyperspektivisch und mit viel innerem Monolog seiner Titelfigur, auch das trägt dazu bei, dass sich die Verunsicherung des Helden auf die Wahrnehmung des Lesers überträgt. Was ist hier Wirklichkeit? Was ist Einbildung? Je weiter diese Erzählung voranschreitet, desto schwieriger sind diese Fragen zu beantworten. Die wohl schlüssigste Interpretation dafür lautet: Der Doppelgänger ist keine reale Person, sondern die Verkörperung all dessen, was Goljadkin begehrt und zugleich fürchtet.

Er ist dabei eine zutiefst einsame, wunderliche, auf der Suche nach ihrer sozialen Stellung sogar lächerliche Figur. Sehr gekonnt führt Dostojewski den Karrierismus seiner Zeit vor, gerade innerhalb der Beamtenlaufbahn, wenn Goljadkin sich durch den Aufstieg in einen höheren Rang die Anerkennung erhofft, die ihm endlich Zufriedenheit zu bringen verspricht, die Bewunderung seiner Kollegen, nicht zuletzt auch die Aufmerksamkeit von Klara, in die er unglücklich verliebt ist. Man ahnt, dass er den Einklang aus Anspruch und Wirklichkeit nie erreichen wird, denn zum einen rühren seine Hirngespinste auch daher, dass in ihm Stolz und Geltungssucht stecken, die er sich nicht eingestehen will und die genau deshalb wohl nie befriedigt werden können – egal, wie hoch er in der Hierarchie vielleicht klettern wird. Zum anderen ist Goldjadkin viel zu wankelmütig und feige, um wirklich Karriere zu machen.

Wie viele der späteren Helden von Dostojewski hat auch er keinerlei Vertrauen in sein Urteilsvermögen. „Unser Held wusste nicht, wo er stand, was er gehört, was er getan hatte, was mit ihm geschehen war und was noch weiter geschehen würde, so sehr hatte ihn all das Gehörte und Erlebte verwirrt und erschüttert“, heißt es an einer Stelle. Vor lauter ethischer Bedenken und Grübeln über Etikette kommt er in keiner der entscheidenden Situationen dieser Handlung dazu, sein Anliegen oder irgendwelche strukturierten Inhalte vorzutragen. „Das Verhängnis riss ihn fort. Herr Goljadkin fühlte selber, dass ihn das Verhängnis mit fortriss. Er hätte jetzt natürlich viel für die Möglichkeit gegeben, sich ohne Verletzung des Anstands auf seinem früheren Standplatz im Flur auf der Hintertreppe zu befinden. Weil dies aber ganz unmöglich war, ging sein Bestreben dahin, in irgendein Winkelchen zu entschlüpfen und dort stehenzubleiben – bescheiden, anständig, für sich, ohne jemanden zu belästigen, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dabei aber bemüht, das Wohlwollen der Gäste und des Hausherren zu erringen“, lautet ein typischer Moment, in dem das der Fall ist.

Wir haben hier also einen Helden, der sich seinen Egoismus nicht eingestehen will, seinen Trieb, sein Streben nach Autonomie. All das konfligiert mit dem Versuch, sich in die Gesellschaft zu integrieren und deren Anerkennung zu gewinnen. Goljadkin ist „einer, der sich vor sich selber verstecken will, der sich selber entfliehen will“. Es fällt nicht schwer – und darin liegt die Bedeutung dieser Erzählung in Dostojewskis Schaffen – darin die Verunsicherung, Minderwertigkeitskomplexe und Identitätskrise zu erkennen, die in seinen späteren Werken zu Leitmotiven werden sollten. Wer bin ich? Und ist der, der ich bin, so gut wie der, der ich zu sein versuche? Auch Raskolnikow oder Iwan Karamasow sollten später an diesen Fragen verzweifeln.

Bestes Zitat: „Hier geht ein Mensch zugrunde, hier schwindet ein Mensch dahin und kann sich selber nicht halten.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.