Fjodor M. Dostojewski – „Die Wirtin“


Autor Fjodor M. Dostojewski

Dostojewski Die Wirtin Kritik Rezension

Kann man in der Liebe (und der Religion) treu sein? Diese Frage prägt „Die Wirtin“.

Titel Die Wirtin
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1847
Bewertung

Die Wirtin ist ein Frühwerk von Fjodor Dostojewski, das als deutsche Übersetzung auch unter einigen anderen Titeln veröffentlicht wurde, die jeweils unterschiedliche Aspekte dieser Novelle in den Vordergrund stellen: Das junge Weib (Begierde und Schönheit) ist dabei ebenso zutreffend wie Heilige Landschaft (Religion und Frömmigkeit) oder Die Unbekannte (Flirt und Geheimnis). All diese Themen klingen hier an, zugleich wird ein weiteres Charakteristikum von Dostojewskis Werk deutlich: Es gibt keine Vorgeschichte, auch keinen rechten Plot, sondern eine zentrale Figur, die all die benannten Konflikte mit sich selbst auszumachen versucht.

In diesem Fall ist das der junge Akademiker Wassilij Ordynow, als Einzelgänger, Schwärmer und Träumer eine sehr typische Dostojewski-Figur. Er will gerne als großer Gelehrter betrachtet werden, hat aber wenig vorzuweisen, was das rechtfertigen könnte. Nachdem er sich lange Zeit komplett abgeschottet und in seine Studien vertieft hatte, wagt er sich langsam wieder in die Welt und begegnet bei einem Gottesdienst der schönen Katerina. Sie wird in der Kirche begleitet von einem alten Mann namens Murin, dessen Beziehung zu ihr zunächst nicht klar ist. Ordynow erfährt, dass sie zusammen leben und ein Gästezimmer frei haben. Um Katerina nahe zu sein, zieht er dort ein.

Im weiteren Verlauf versucht er, Katerina für sich zu gewinnen und ringt dabei in vielfacher Weise mit seiner Gedanken- und Gefühlswelt. Dazu gehört die Frage, wie viel in seiner Liebe wahre, tiefe Gefühle sind und wie viel vielleicht bloß Übersteigerung, Fieber (das er kurz nach dem Einzug im Gästezimmer tatsächlich überstehen muss), Wahn und Verzweiflung sein könnten, die aus seiner Einsamkeit erwachsen. Seine Isolation verstärkt sich in seiner neuen Unterkunft wieder, erst durch die Krankheit, dann durch seine Fixierung aus Katerina. Er weiß weder, wer diese Frau eigentlich ist, noch bekommt er klare Hinweise darauf, ob sie seine Zuneigung erwidert. Sie kann ebenso unschuldig wie berechnend wirken, gewährt kleine Einblicke in ihre Biographie und Gesten des Vertrauens, um im nächsten Moment wieder distanziert und undurchschaubar zu sein – damit ist sie natürlich das denkbar schlechteste Objekt der Begierde für einen jungen Mann wie Ordynow. Er muss auch rätseln, welcher Art ihre Beziehung zum noch mysteriöseren Murin ist und kann nur mutmaßen, dass Katerina in irgendeiner Weise an ihn gebunden ist, und dass seine Avancen ihr gegenüber somit die Moralvorstellungen der Zeit strapazieren.

Dieser Widerstreit aus Treue und Versuchung steht im Kern von Die Wirtin, er wird in der Beziehung zwischen Katerina und Murin ausgefochten, in der Beziehung zwischen Katerina und Ordynoff, vor allem aber in Ordynoff selbst, und dabei stets mit einer Engführung von Liebe und Religion. Dass der Held der Erzählung seiner Angebeteten in einer Kirche begegnet, ist natürlich kein Zufall: Ihre Frömmigkeit macht einen gehörigen Teil ihrer Anziehungskraft aus, genau diese müsste sie jedoch brechen, um mit ihm zusammen zu sein. Damit stecken viele der Themen und Konflikte in diesem Text, die Dostojewski dann an anderer Stelle mit noch mehr psychologischem Tiefgang, vor allem aber mit einem weiteren Horizont und stärkerer Einbeziehung der gesellschaftlich-politischen Komponente weiter ausgearbeitet hat. Für den Autor selbst blieb diese Novelle eines seiner liebsten Werke. „Eine Flut von Gedanken, direkt aus meiner Seele strömt durch meine Feder“, hatte er im Februar 1847 während der Arbeit an diesem Text an seinen Bruder geschrieben. Noch dreißig Jahre später merkte er – trotz der schlechten Kritiken, die es bei der Veröffentlichung gab – über Die Wirtin an: „Ich habe nichts Ernsthafteres in der Literatur zustande gebracht als diese Idee.“

Das beste Zitat beschreibt den Moment, als der womöglich im Sterben liegende Ordynow den Gesang von Katerina hört, „vertraut wie jene innere Musik, die der menschlichen Seele in Stunden der Freude am Leben, in Stunden ungetrübten Glücks so vertraut klingt. (…) Ein Lied, anfangs leise und wehmütig… Die Stimme erhob sich bald, bald sank sie herab, krampfhaft erlöschend, gleichsam in sich zerschmelzend und die eigene wilde Qual des unersättlichen, zurückgedrängten, in sehnsüchtigen Herzen gefangen gehaltenen Verlangens zärtlich liebkosend. Dann wieder erging es sich in Nachtigallentrillern und zitternd, in nicht mehr zu bändigender Leidenschaft lodernd, zerfloss es in ein ganzes Meer von Entzücken, in ein Meer gewaltiger Töne, grenzenlos, wie der erste Augenblick seliger Liebe. Ordynow unterschied auch Worte: Sie waren schlicht, innig, vor langer Zeit von einem ehrlichen ruhigen, reinen und seiner selbst bewussten Empfinden geschaffen. Doch er vergaß sie wieder, er hörte nur die Töne. Durch die schlichte, naive Melodie des Liedes leuchteten ihm andere Worte entgegen, die das ganze Sehnen widerhallten, das seine Brust erfüllte, die Antwort gaben auf die geheimsten, ihm selbst unbewussten Windungen seiner Leidenschaft, die ihm deutlich, sein ganzes Bewusstsein durchleuchtend, ihr Wesen kündeten.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.