Fjodor M. Dostojewski – „Erniedrigte und Beleidigte“


Autor Fjodor M. Dostojewski

Erniedrigte und Beleidigte Fjodor M. Dostojewski Kritik Rezension

„Erniedrigte und Beleidigte“ sind fast alle Figuren in Dostojewskis zweitem Roman.

Titel Erniedrigte und Beleidigte
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1861
Bewertung

Iwan Petrowitsch heißt der Ich-Erzähler in Erniedrigte und Beleidigte, dem zweiten Roman von Fjodor M. Dostojewski. Er wird Wanja genannt und übermittelt uns hier eine vorgeblich autobiographische Erzählung. Dass er dabei im Krankenhaus liegt und noch seine Erinnerungen zu Papier bringen möchte, bevor er im Alter von nur 25 Jahren wohl sterben wird, passt ebenso zur Atmosphäre des Buchs wie sein Beruf: Wanja ist Schriftsteller. Mit seinem ersten Roman hatte er einen beachtlichen Erfolg gefeiert, es fiel ihm dann aber schwer, daran anzuknüpfen oder möglichst viel aus diesem Ruhm herauszuschlagen.

Das verwundert nicht, denn schon auf den ersten Seiten erweist sich Wanja als schwärmerischer Geist: „Wenn ich jemals wirklich glücklich gewesen bin, so war das nicht etwa in jenen berauschenden Augenblicken des ersten Erfolgs, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem gezeigt, niemandem vorgelesen hatte: in jenen langen, langen Nächten, erfüllt von trunkenen Hoffnungen und Träumen und leidenschaftlicher Liebe zu meiner Arbeit, als ich mich ganz in meine Phantasie versenkte und mit den Gestalten, die ich selbst geschaffen, zusammenlebte wie mit Verwandten, mit wirklich existierenden Wesen; ich liebte sie, teilte Freud und Leid mit ihnen und vergoss sogar manchmal über das Schicksal meines schlichten Helden aufrichtige Tränen.“

Es ist dieses Maß an Identifikation mit den Figuren, das auch für Erniedrigte und Beleidigte zum prägenden Element wird. Es gibt vergleichsweise wenig Plot und eine recht schnell durchschaubare Konstruktion, dennoch bleibt der Roman spannend und lebendig, und zwar vor allem durch die Figuren. Wanja läuft das Waisenmädchen Nelly zu, das womöglich aus gutem Hause stammt, zuletzt aber in denkbar ärmlichen Verhältnissen gelebt hatte. Der Romancier schwärmt für die ebenso schöne wie tugendhafte Natascha, bei deren Eltern er aufgewachsen ist. Diese allerdings ist in den wankelmütigen Aljoscha verliebt, der ihr auch die Ehe verspricht. Doch dieser Heirat stehen etliche Hindernisse im Weg, an erster Stelle Aljoschas Vater, der Fürst Walkonski. Er hat nicht nur Nataschas Vater verklagt, der eines seiner Güter verwaltet und dabei Geld unterschlagen haben soll, sondern versucht auch sonst mit allerlei Tricks, seine ständige Geldnot zu besiegen. Für den Sohnemann hat er deshalb eine andere Braut vorgesehen, die selbstverständlich eine stattliche Mitgift mitbringt.

In vier Teilen und einem Epilog erzählt Dostojewski diese Geschichte von unglücklicher Liebe, missglückter Karriere und drohendem sozialen Abstieg. Die Stimmung ist düster, beinahe fatalistisch. „Es war eine trübselige Geschichte“, schreibt Wanja an einer Stelle über eine Anekdote, die Teil der Handlung wird, und charakterisiert damit ebenso diesen Roman als Ganzes, „eine jener dunklen, qualvollen Geschichten, wie sie sich oft unbemerkt, fast im Geheimen, in den düsteren, versteckten Winkelgässchen der Großstadt unter dem drückenden Petersburger Himmel abspielen, mitten im sinnlosen Strudel des Lebens, dem stumpfen Egoismus, den aufeinander prallenden Interessen, den dunklen Lastern, den geheimen Verbrechen, mitten in diesem Höllenpfuhl sinnlosen und unnatürlichen Lebens…“

Die Stadt als solche ist hier unnatürlich, gefährlich und ungesund, das noch wichtigere Leitmotiv, wie auch der Titel Erniedrigte und Beleidigte belegt, ist indes verletzter Stolz. Er treibt quasi alle Figuren des Romans, ebenso wie die Sehnsucht danach, mit ihrem eigentlichen Wert und ihrem wahren Selbst sowohl in der Gesellschaft anerkannt als auch in ihren privaten Beziehungen geliebt zu werden.

Natascha will ihre Liebe ausleben dürfen und zugleich ihren guten Ruf bewahren, ihr Vater will sich am ungerechten Fürsten rächen und zugleich seiner Tochter die Hand reichen, die von zuhause geflohen ist, um mit Aljoscha zusammenleben zu können. Aljoscha fühlt sich zwischen seiner Liebe zu Natascha und der ebenso großen Zuneigung zu Katja, der für ihn vorgesehenen Braut, hin und her gerissen. Wanja will es allen recht machen und opfert sich dabei beinahe vollständig selbst auf, und sie alle stürzen damit immer tiefer in Verzweiflung. Die Protagonisten drehen sich dabei gleich mehrfach im Kreise, was das Voranschreiten des Plots einigermaßen träge macht. Dostojewski arbeitet diesem Effekt entgegen, indem er immer wieder mit Andeutungen auf später folgende Ereignisse arbeitet, deren Erzählung dann doch wieder herausgezögert wird.

Der zynische Fürst ist die einzige Figur, die erkannt hat, wie vergeblich der Versuch ist, die unvermeidliche Selbstliebe mit Moral und Anstand vereinen zu können. „Je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter“, sagt er an einer Stelle und offenbart Wanja dann in aller Klarheit sein Weltbild: „Wenn es möglich wäre (was aber bei der ganzen Anlage der menschlichen Natur niemals der Fall sein wird), wenn es also möglich wäre, dass ein jeder von uns sein ganzes Innenleben schilderte und ohne Scheu vor aller Augen nicht bloß das bloßstellte, was er sonst um alles in der Welt keinem Menschen gesagt, ja nicht einmal seinen besten Freunden anvertraut hätte, sondern auch das, was er sogar sich selbst nicht einzugestehen wagt – so würde das auf der Welt einen solchen Gestank hervorrufen, dass wir alle daran ersticken müssten.“

Fürst Walkonski ist es auch, der im Roman gleich mehrfach Schiller erwähnt, und zwar als Beispiel für eine weltfremde Gesinnung, die Gefühl und Altruismus über Berechnung und Eigennutz stellt. Man kann in Wanja, Natascha, ihrem Vater Nikolaj Sergejewitsch, Aljoscha und auch Nelly in der Tat Schiller’sche Figuren erkennen (und damit den erheblichen Einfluss, den der deutsche Dichter in dieser Zeit auf Dostojewski ausübte). Sogar in der Handlung finden sich unverkennbare Parallelen zu dessen Werk: Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man Erniedrigte und Beleidigte als Dostojewskis Kabale und Liebe betrachtet.

Bestes Zitat: „Solche Leute gibt es unter den Russen viele. Gewöhnlich besitzen sie außergewöhnliche Fähigkeiten, aber diese verwirren sich in ihnen zu einem wilden Chaos, und außerdem bringen sie es fertig, aus Schwachheit in gewissen Punkten mit Bewusstsein gegen ihr Gewissen zu handeln, und richten sich dadurch nicht nur zugrunde, sondern wissen es sogar selber im Voraus, dass sie sich ins Verderben stürzen.“

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