Fotos, Werk 2, Leipzig 1


Erst im letzten Block springt bei Fotos der Funke so richtig über.

Erst im letzten Block springt bei Fotos der Funke so richtig über.

„Das Publikum war wirklich sehr faul. Insofern muss man der Band echt Respekt zollen“, sagt einer der Besucher ganz richtig zu seinen beiden Begleiterinnen, als er nach dem Konzert von Fotos das Werk 2 verlässt. Begeisterung klingt anders. Doch man muss zugeben: Der Mann hat recht.

Mit schwierigem Publikum haben Fotos durchaus Erfahrung. Vor der Show im Werk 2 in Leipzig hatte mir Gitarrist Deniz Erarslan erzählt, dass die Jungs aus Hamburg unlängst in Indien vor Leuten gespielt haben, die noch nie zuvor ein Rockkonzert gesehen hatten. Und auch, dass es auf der Tour zum aktuellen Album Porzellan durchweg etwas schwieriger geworden sei, die Leute zum Tanzen zu kriegen. „Porzellan ist im Vergleich zu den beiden Alben davor eher ein bisschen langsamer, getragener, wolkenartig. Es gibt kaum Lieder, die Dancefloor-tauglich sind“, räumt er im Interview ein. Mit der passenden Setlist habe die Band aber das Gegenmittel dazu gefunden. „Das ist so ähnlich wie ein Film. Es gibt bestimmte Blöcke, mit denen wir die Leute in bestimmte Stimmungen versetzen“, sagt Erarslan.

Diese Blöcke sind bei der Show im Werk 2 in Leipzig sehr deutlich zu erkennen. Sie sorgen dafür, dass die Show von Fotos an diesem Abend manchmal kurz davor ist, ein Reinfall zu werden, aber in anderen Momenten auch einem Traum, einer Ekstase sehr nahe ist. Als nach knapp anderthalb Stunden Wellen den Rausschmeißer macht, ist es schließlich ein Arbeitssieg für Fotos.

Am Anfang des Konzerts steht Alles schreit. Der Opener wird ebenso wohlwollend aufgenommen wie Mauer, und Nacht macht dann das erste Triumvirat von Porzellan komplett. Keines der Lieder löst Ekstase aus, doch die Klasse der Songs und der allgemeine Wille, diesen Abend zu einem schönen Abend zu machen, sorgen dafür, dass schon nach zehn Minuten so etwas wie Magie über diesem Konzert liegt.

Fieber, der erste Song des Abends, der nicht dem aktuellen Album entspringt, leitet dann den zweiten Block ein. Und da weicht der gute Wille langsam einer nicht recht definierbaren Ungeduld. Sänger Tom Hessler räumt ein, dass die Zuschauer sich im etwas zu groß dimensionierten Werk 2 ein wenig verlieren, was auf die Stimmung drückt. Kleine Hallen seien ihm an einem solchen Abend lieber, gesteht er. „Aber die sind schlecht fürs Sparschwein.“ Das (trotz eines Fehlstarts von Tom, der den Einsatz vermasselt und kurzerhand ein „Wo sind wir? Wer bin ich?“ einbaut) großartige Wasted schließt diesen Block ab – und nun scheinen die Herren auf der Bühne ebenso wie die Damen und Herren im Publikum mehr als bereit, die Party endlich starten zu lassen.

Angst und Nach dem Goldrausch bringen etwas Schwung in die Bude, ohne dass der Knoten so richtig platzt. „Vielleicht helfen ein paar alte Stücke“, hofft Tom angesichts der immer noch recht statischen Fans. Doch wenig später muss er die Leute links von der Bühne fragen, ob sie allen Ernstes den ganzen Abend lang sitzen wollen oder womöglich bloß hier seien, um ihre Kinder abzuholen. Diese kleine Provokation ist einer der Höhepunkte des Abends – zeigt aber auch, dass der Funke auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig übergesprungen ist.

Die Band lässt sich freilich nicht entmutigen, und mit So fremd wird schließlich alles gut. „Dann setze ich mich eben auch“, meint Tom halb trotzig, halb im Spaß. Er und die Band werden immer leiser, dann starten sie einen herrlichen Call-and-Response-Gesang mit dem Publikum rund um die Zeilen «Sie sind so kalt / sie fühlen nichts mehr / außer der Leere / die fühlen sie sehr.»

Von da an ist es ein Abend der großen Gefühle. „Ihr taut ja langsam auf“, hat auch Tom nun erkannt – und zur Belohnung singen die Fans am Ende von Komm zurück so lange alleine weiter, bis die Band, ähm, zurück kommt.

Ritt ist die erste Zugabe und gibt Toms Stimme, irgendwo zwischen Adam Duritz, Evan Dando und Gisbert zu Knyphausen, ganz viel Raum. Auch Explodieren singt er alleine zur Gitarre – und spätestens  da dürfte manch einer im Publikum ein schlechtes Gewissen bekommen. „Also nimm deine Liebe, dein Lachen, deinen Mut / vergiss deinen Alltag, deine Angst, deine Wut / und hör einfach auf zu funktionieren / jetzt ist die Zeit zu explodieren“, heißt der Refrain, und es klingt wie ein später Appell. Hier wird deutlich: Die Musik von Fotos ist ein Plädoyer gegen die Hemmungen, für die Unbedingtheit. Von Anfang an.

Fotos spielen Nach dem Goldrausch live im Werk 2 in Leipzig:

Fotos bei MySpace.


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