Frank Turner, Werk 2, Leipzig


Frank Turner Konzertkritik Leipzig Werk 2

Im Werk 2 erklärt Frank Turner noch einmal seine Konzertregeln.

„Getragen fühle ich mich da, wo ich mich mit meiner Umgebung, mit Menschen, der Natur oder auch einer bestimmten Ästhetik lebendig verbunden fühle“, sagt Hartmut Rosa, Soziologe an der Uni Jena, und erklärt „diese Verbindung hat immer zwei Seiten: Zum einen spricht mich etwas an, es ’sagt mir etwas‘; zum anderen muss ich aber auch das Gefühl haben, dass ich da draußen etwas erreichen kann, dass ich mich selbst als wirksam und nicht als ohnmächtig erlebe. Es muss also ein Antwortverhältnis zwischen mir und der Welt geben. Und das bezeichne ich als Resonanz.“

Es ist genau dieses Gefühl der Resonanz, das man bei einem Konzert von Frank Turner erleben kann. Auch an diesem Abend im Werk 2 bei seinem insgesamt vierten Auftritt in Leipzig. Wie vielen Menschen die Lieder des Engländers ‚etwas sagen‘ ist beim Blick ins Publikum schnell klar. Selbst wenn man weit hinten steht, ist die Begeisterung allgegenwärtig. Die Leute direkt hinter mir singen jede Zeile mit. Zwei Reihen vor mir entsteht ein Pogo. Man kann sich ausmalen, welche Szenen sich dann vorne abspielen müssen, in größerer Nähe zur Bühne.

Vom ersten Song an (The Next Storm) bis zum Schluss kurz vor Mitternacht mit Recovery ist dies eine Lehrstunde in Einverständnis. Nach The Road gibt es eine Ansage auf Deutsch, dann dürfen die linke (Team Ben) und rechte Hälfte (Team Terence) des Publikums im Werk 2 gegeneinander in den Stimmungs-Wettstreit treten, auch ein paar Sekunden AC/DC bietet Frank Turner. Die Höhepunkte der Show in Leipzig sind Losing Days, The Ballad Of Me And My Friends und Josephine, das live noch besser klingt als auf dem aktuellen Album Positive Songs For Negative People.

Aber auch die zweite Seite ist hier spürbar: Die Musik von Frank Turner ist so etwas wie ein Rezept zur Selbstermächtigung. Kopf hoch! Weitermachen! Zusammenhalten! Das ist fast immer die Botschaft, und ausgedehnt auf knapp zwei Stunden erwächst aus dieser zutiefst humanistischen Überzeugung eine beeindruckende Kraft. Wir können etwas erreichen, wir sind etwas wert, die Welt braucht uns, um sie besser zu machen! – es dürfte kaum jemandem im Publikum geben, der nicht Teil dieses Gefühls wird. Passend dazu erklärt Frank Turner noch einmal die wichtigste Regel in seinen Konzerten: Jeder im Publikum hat den gleichen Wert. „Ich versuche einfach, ein gutes Konzert zu spielen und dafür zu sorgen, dass sich jeder im Publikum einbezogen fühlt“, hatte er mir kürzlich schon im Interview sein Rezept für einen guten Frontmann erklärt.

Die Wirkung ist so stark und allumfassend, dass man beinahe glauben kann: Wenn jetzt ein Terrorist in diesen Saal stürmen sollte, sogar bei einem Lied wie Glory Hallelujah mit dem Slogan „There is no God“, könnte selbst er diesem Gefühl anheimfallen – und mitsingen statt um sich zu schießen.

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