FREINDZ – „High Times In Babylon“


Künstler FREINDZ

FREINDZ High Times In Babylon Review Kritik

Die „High Times In Babylon“ können auch psychedelisch werden.

Album High Times In Babylon
Label IME
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Es ist ein Trick, von dem andere Sänger, die mit ihrer Stimme eine Band geprägt haben und mit dieser Band enorm einflussreich waren, sicher noch etwas lernen können: Aydo Abay hat mit Blackmail die Tür für exzellente Indie-Musik aus Deutschland aufgestoßen und für eine ganze Generation von Gitarrenmusikliebhabern den Soundtrack beigesteuert. Doch wenn man heute seinen Gesang hört, denkt man längst nicht mehr: Das klingt doch wie Blackmail! Man denkt stattdessen: Da singt doch Aydo Abay! Was Leuten wie Chris Cornell, Liam Gallagher oder Kele Okereke nie gelungen ist, hat er geschafft: die Emanzipation von der Band, mit der er einst bekannt geworden ist.

Dazu hat natürlich beigetragen, dass sich der 48-Jährige stets musikalisch weiterentwickelt hat, aber auch, dass seine Stimme mittlerweile mit so vielen Acts assoziiert ist, die eben nicht Blackmail sind. Das begann schon vor seinem Ausstieg und führt – rechnet man seine Gastauftritte mit – zu einer mittlerweile zweistelligen Anzahl, zu der Beiträge für Scumbucket, The Black Sheep, Sometree oder Carrera und natürlich seine eigenen Aktivitäten wie mit Ken, Dazerdoreal, Crash:conspiracy oder den derzeit pausierenden Abay gehören.

Mit FREINDZ kommt ein neuer Eintrag hinzu, diesmal hat sich Abay mit Matthias Sänger (ehemals Wellness und When People Had Computers, derzeit vor allem bei Albert Luxus aktiv, die demnächst ihr viertes Album veröffentlichen) und Thomas Götz (Schlagzeuger der Beatsteaks) zusammen getan. „Eigentlich wollte ich, dass Matthias bei Abay einsteigt, aber darauf hatte er keinen Bock“, erzählt er zur Entstehung von FREINDZ. Allzu viel Überzeugungsarbeit für dieses neue Projekt war dennoch nicht nötig, denn von den ersten Ideen und gemeinsamen Gehversuchen war Matthias Sänger sehr angetan, wie er erzählt: „Aydo zeigte mir bei unserem ersten Treffen ein paar Gesangsmelodien, die er als Sprachmemos aufgenommen hatte. Wir suchten ein paar Akkorde dazu, der erste Song war verblüffend schnell fertig.“

Dieses intuitive Verständnis kann man auf dem Debütalbum High Times In Babylon schnell als Charakteristikum erkennen, weitere Alleinstellungsmerkmale sind der recht prominente Einsatz von Bläsern und Streichern, ein oft etwas zurückgenommener Gesang („Ich habe mich an Billie Eilish orientiert. Ich bin begeistert von ihrem leisen, fokussierten Singen, vom Gefühl, das sie erzeugt. Ich habe bei dieser Platte nicht einmal lauter als nötig ins Mikrofon gesungen“, sagt Abay) und Texte, die so kryptisch wie eh und je bei ihm sind, aber eine große Vielfalt an erzählerischen Blickwinkeln zeigen. „Ich bin überzeugt, dass auch das größte Arschloch einen wunden Punkt hat. Ich wollte aus diesen unterschiedlichen Perspektiven singen, von den anderen, die Farben verdrehen“, meint Abay.

Dass auch Thomas Götz einen gehörigen Anteil am Gelingen der Platte hat, zeigt gleich der erste Song: Angetrieben von seinem Schlagzeug bekommt Prepper Spray viel Drive und Druck, angereichert um schöne Details wie die Orgelmelodie oder die Handclaps. Diese Kombination findet sich dann noch mehrfach auf High Times In Babylon, etwa im Titelsong, der einen guten Groove als Basis hat, aber dennoch verspielt wird, Selbstverständlichkeit und Frische vereint. Panasonic Rolemodel baut viele originelle Ideen um ein sehr solides Beat-Fundament drumherum – die Prognose „We’re all going straight to hell“ klingt da plötzlich ziemlich verlockend.

Wish I Was Made In England bietet entspannten Schönklang mit ein paar Widerhaken, wie man das von The Divine Comedy oder Suede kennt, auch die von FREINDZ selbst als Bezugspunkte benannten Damon Albarn, Grandaddy oder The Strokes werden im Verlauf des Albums schnell plausibel, etwa in Clickbait Heart, das sanft und melancholisch klingt, aber nicht verbittert, oder Dopine, das eine sehr schöne Melodie mit einer noch schöneren Atmosphäre paart. LIT setzt zunächst auf eine einfache Laut-Leise-Dynamik, dann wird das Lied immer vielschichtiger, schließlich sogar hoch elegant.

In der zweiten Hälfte von High Times In Babylon nehmen sich FREINDZ ein paar zusätzliche Freiheiten heraus. King Of The Hopper hat einen ähnlich kompakten Kern wie viele Songs der Platte, beginnt aber bereits mit einer nervösen Grundstimmung und gönnt sich dann ein paar Extravaganzen von Panflöte bis James-Bond-Orchester. Demon Lol bietet erst Psychedelik, dann Wahnsinn, die Ballade A Reptile For The Faint wirkt als Album-Abschluss erst untröstlich, dann unheilvoll, schließlich wie ein kraftvolles, wütendes Aufbegehren gegen Vergänglichkeit.

So gut das Zusammenspiel hier funktioniert, so deutlich ist letztlich auch für die Mitstreiter, dass FREINDZ vor allem von Aydo Abay geprägt sind, nicht nur wegen seiner markanten Stimme. „Die Arbeit an der Platte hat mich enorm gereizt und auch herausgefordert. Öfters auch mal überfordert. Es war superspannend, sich in die Songfantasien von Aydo hineinzuversetzen“, erzählt Matthias Sänger. „Es ist überhaupt krass, dass jemand wie er, der kein Instrument beherrscht, diese Gabe besitzt, Songs in seinem Kopf zu entwerfen und nur über den Gesang zu kommunzieren.“

Union Jack, Dosenbier und Abbey Road: das Video zu Wish I Was Made In England.

Website von Abay.

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