Fritzi Ernst – „Keine Termine“


Künstler*in Fritzi Ernst

Fritzi Ernst Keine Termine Review Kritik

„Keine Termine“ ist das Solodebüt von Fritzi Ernst.

Album Keine Termine
Label Bitte Freimachen Records
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Eine Mischung aus Stereo Total, K.I.Z und Helge Schneider? Dieses im Presse-Info zu dieser Platte angekündigte Rezept wäre auch dann schon sehr spannend, wenn es sich bei der damit angepriesenen Künstlerin nicht um Fritzi Ernst handeln würde, die als eine Hälfte von Schnipo Schranke schon für hochgradig unterhaltsamen und individuellen Indie-Pop gesorgt hat. Mit diesem zusätzlichen Promi-Bonus ist dieses Solodebüt aber natürlich noch mehr willkommen.

Denn die erwähnte Kombination kann man auf dem morgen erscheinenden Keine Termine tatsächlich erkennen und die darin genannten Referenzen helfen zumindest ein wenig, die weiterhin sehr eigenwillige Musik von Fritzi Ernst einzuordnen. Auch zu Schnipo Schranke (einige Lieder stammen noch aus der Zeit der Band, die sich 2019 nach sieben Jahren und zwei Alben getrennt hatte) gibt es natürlich Parallelen, einschließlich gelegentlicher Hinweise auf Furzen, diverse Körperflüssigkeiten und die ganz normalen Absurditäten im ganz normalen Leben eines halbwegs jungen Menschen.

Der Titelsong Keine Termine steht am Beginn, die erste Zeile lautet: “Alle wollen was erleben / ich könnt’ mich übergeben”. Ein einfacher Drumbeat begleitet das Piano von Fritzi Ernst (in der Zeit zwischen Schnipo Schranke und dem Soloalbum hat sie eine Klavierbau-Ausbildung begonnen), später kommen nach und nach ein paar schlaue Klangdetails dazu, sodass dieser Song über den schmalen Grat zwischen Faulenzen, Antriebslosigkeit und Depression ( “Jede Sekunde ein Genuss / wenn ich nichts machen muss”) auch über knapp vier Minuten nicht langweilig wird. Das gelingt dann auch in den weiteren, oft sehr minimalistischen Tracks der gemeinsam mit Ted Gaier (Die Goldenen Zitronen) produzierten Platte immer wieder.

So werden in Wieder einen gebaut ein paar Streicher integriert, auch deshalb klingt der Song tatsächlich so träge und so neurotisch, als komme er direkt aus der Rauchwolke. Ich kann deine Mutter sein oder deine Schwester kommt als Kanon daher, Außer mir kombiniert dunkle Klaviertöne mit einer sehr markanten, auf Dauer beinahe penetranten Melodie auf den höchsten Tasten und erzählt von Ausnahmezuständen, aus denen es manchmal bekanntlich keine Rückkehr mehr in die zuvor existierende Normalität gibt.

Denn natürlich sind auch auf Keine Termine die Texte das Spektakulärste, entweder durch einen sehr sensiblen und überraschenden Blick auf alltägliche Szenen (Ich flirte mit allen spielt im Club oder auf einer Party, wo auch der Schwarm der Erzählerin anwesend ist, die aber lieber wahllos anbandelt, weil sie sich die Schwärmerei für diese eine besondere Person nicht anmerken lassen will) oder durch erschütternde Effekte, die durch vermeintlich naive Zeilen entstehen. So erzählt Höhle mit makabrem Unterton die Geschichte von „My home is my castle“ mit ein paar fast kindlichen Schüttelreimen, auch in Doofer Tag hört man aus dem vermeintlich infantilen Gewand einen echten Schmerz, eine tiefe Einsamkeit heraus.

Trauerkloß, der beste Song auf dieser Platte, erinnert sich mit einem Humpta-Humpta-Rhythmus, einer tollen Melodie und am Ende sogar mit so etwas wie einer Marching Band an den ersten Schultag. “Ich sehe in den Abgrund / ich sehe in den Schlamm / ich sehe den Rubin / und ich mag dich, Mann”, singt Fritzi Ernst in Den Rubin, das durch ein Harmonium noch etwas schwermütiger auf (eigene und gegenseitige) Verletzungen und den ungesunden Umgang damit blickt. Ich weiß beschließt das Album mit einem vergleichsweise üppigen Arrangement, das darin aufgezählte Wissen übereinander klingt erst bedrohlich (wie von einer Stalkerin oder einem potenziellen Erpresser), später wird klar, dass das Lied einfach von einer sehr intensiven, wenn auch nicht sonderlich harmonischen Beziehung handelt.

Auch solo vollbringt Fritzi Ernst damit das Kunststück, Musik zu machen, die von ihrer Angst getrieben ist und von ihren Unsicherheiten erzählt – und dabei doch sagenhaft cool und mutig klingt.

Man muss kein Thüringer sein, um das Video zu Trauerkloß wundervoll zu finden.

Website von Fritz Ernst.

 

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