Futter für die Ohren mit Das Paradies, Emeli Sandé, Grillmaster Flash, Mattiel und Pink Mountaintops


Das Paradies Die stroboskopen Jahre Review Kritik

Im Leipziger Westen bastelt Florian Sievers an seiner Popwelt. Foto: Marco Sensche / Lasoundcheck Promo

Fast 10.000 Veröffentlichungen, in deren Titel das Wort „Transit“ vorkommt, findet man bei Discogs, darunter Alben von halbwegs bekannten Acts wie den Sofa Surfers, The Devil Wears Prada, The Attic Sleepers oder Saga. Bald kommt ein Eintrag von Florian Sievers alias Das Paradies hinzu: Im Frühsommer wird sein zweites Album erscheinen und Transit heißen. Dass sich seit dem gefeierten Goldene Zukunft (2018) viel getan hat, offenbart die Vorab-Single Die stroboskopen Jahre (****). Der Text ist noch rätselhafter als in den Songs des Debüts, die Atmosphäre bleibt durch die sanfte Stimme und das getragene Tempo wohlig, und trotzdem findet man in diesem Track viele Elemente, die neben der Spur und sogar verstörend sind. Die Natur wird technisch, die Menschen werden defekte Maschinen oder bloße Materie, das Ergebnis ist so individuell wie vielschichtig. Eine Konstante kann man auch beobachten: War es beim Debüt noch Herbert Grönemeyer als Elder Statesman des deutschen Pop, der Florian Sievers förderte (auf dessen Grönland-Label erschien Goldene Zukunft), hat Das Paradies diesmal Sven Regener als Unterstützer gewonnen, der auf Die stroboskopen Jahre die Trompete spielt. Mit dessen Band Element Of Crime war der Leipziger auch schon auf Tour, als weitere Gäste hat er diesmal an der Posaune Antonia Hausmann, an der Bassklarinette Wencke Wollny (Karl Die Große) und am Saxophon Damian Dalla Torre dabei. Im Juni gibt es drei Release-Konzerte zu Transit, nämlich am 10. in Hamburg (Knust), am 11. in Leipzig (naTo) und am 12. in Berlin (Berghain Kantine)

Hoch im Norden hat sich Grillmaster Flash eine ähnlich eigenständige Ästhetik entwickelt. Am 1. April kommt sein neues Album Komplett Ready heraus, die Plattenfirma verspricht „Stories zwischen Flach- und Wahnwitz“. Wie das gemeint ist, zeigt Christian Wesemann (wie „Grilli“ bürgerlich heißt) in der neuen Single Wo ich jetzt bin (***1/2). Die ersten drei Wörter heißen „Alright!“, „Yeah!“ und „Ja!“, wie es Bryan Adams nicht glaubhafter herausschmettern könnte, dann gibt es unter anderem Harmonie-Gesang, bei dem man an Mr. Big denken kann, und ein Gitarrensolo, das Stadionrock-Gestus à la Van Halen verbreitet. All das kontrastiert natürlich herrlich mit dem Text, in dem Grillmaster Flash trotz der vermeintlich prahlerischen Titelzeile nichts anderes tut als das oft ernüchternde Leben als Musiker mit mittelprächtigem Erfolg zu besingen. Im Video zeigt er, wie sich das alles mit Dürüm, Bier, Jeansjacke und Ironie ertragen und sogar in eine wunderbar packende Selbstreferenz verwandeln lässt. Wer so sehr Überzeugungstäter ist, braucht keine sechsstelligen Abrufzahlen bei YouTube. Zu wünschen wären sie Wo ich jetzt bin (mit einem Cameo von Sebastian Madsen) und Grillmaster Flash natürlich trotzdem.

Damit war nicht unbedingt zu rechnen: Emeli Sandé, deren Debütalbum Our Version Of Events 2012 das meistverkaufte Album in Großbritannien war und die auch danach reichlich Hits landete, hatte zuletzt mit Größen aus dem britischem Rap und Grime zusammengearbeitet. Für ihr fünftes Album hätte man also einen mutigen Sprung in die Gegenwart oder gar in die Zukunft erwarten können. Stattdessen kündigt die Künsterlin nun an, dass Let’s Say For Instance (die Platte wird am 6. Mai veröffentlicht) unter anderem von Klassik, Disco und nostagischem R&B beeinflusst sein wird. Auch ihr Blick auf das Album als „eine Ode an Widerstandsfähigkeit, Wiedergeburt und Erneuerung“ lässt an Retro denken, und die Single Brighter Days (***1/2) bestätigt das. Der Song zeigt aber auch, dass diese Vorliebe bei einer so talentierten Songwriterin gar kein Problem ist. Das Lied hat die Stärke und Kraft von Gospel, Emeli Sandé stellt sich hier in eine Reihe mit legendären Sängerinnen wie Aretha Franklin, Chaka Khan oder Whitney Houston – und Bass und Beat von Brighter Days haben bei genauerer Betrachtung dann doch viele zeitgemäße Einflüsse.

Ebenfalls am 6. Mai melden sich Pink Mountaintops mit Peacock Pools zurück, ihrem ersten Album nach acht Jahren Pause. Entstanden ist der fünfte Longplayer der Kanadier vor allem über das Internet, wie Frontmann Stephen McBean berichtet: „Ich war in ein cooles kleines Ranchhaus aus den 1950er Jahren außerhalb von L.A. gezogen und bastelte in meinem Schlafzimmerstudio herum. Schon bald nahm ich Kontakt zu einigen Freunden auf, die ebenfalls in ihren Hütten festsaßen und nach einer Breitband-Klangkollaboration suchten.“ Zu diesen Freunden gehören Schlagzeuger/Pianist Joshua Wells (Destroyer, Black Mountain), Violinistin Laena Myers-Ionita (Feels, Death Valley Girls), Schlagzeuger Ryan Jewell (Riley Walker, Steve Gunn), Sängerin Emily Rose Epstein (Ty Segall, Emily Rose & The Rounders) und Keyboarder Jeremy Schmidt (Black Mountain, Sinoia Caves). Dass das Ergebnis trotzdem sehr organisch klingt, beweist die Single Lights Of The City (***1/2) als erstaunlich breitbeiniger Hardrock mit einem betörend positiven Refrain, als hätten Pink Mountaintops eine Schnittmenge aus Fountains Of Wayne und Alice Cooper gefunden. Als weitere Einflüsse für ihr fünftes Album benennt McBean unter anderem „kulturelle Artefakte, David Cronenberg und Bodybuilding“. Das kann ja was werden.

„Als Jonah als erstes die Struktur von Blood In The Yolk schrieb, brauchte ich eine Weile, um damit zurecht zu kommen und zu entscheiden, wie ich sie mit Text und Melodie anreichern wollte. Ich erinnere mich, dass ich anfangs ein wenig frustriert war, weil mir die Ideen fehlten. Aber er munterte mich auf, damit ich weitermache, und am Ende schrieben wir einen Song, der mir jetzt sehr am Herzen liegt“, erzählt Mattiel Brown über die Entstehung der neuen Single von Mattiel. Das ist leicht nachvollziehbar: Jonah Swilley hat Blood In The Yolk (***) eine abstrakte Gestalt, einen ungewöhnlichen Rhythmus und eine altertümliche und zugleich dramatische Stimmung verpasst, die das Video (Regie: David James Swanson) gut unterstreicht. Das Duo aus Atlanta deutet mit diesem Vorgeschmack mehr als an, wie ambitioniert wohl das dritte Album von Mattiel werden dürfte. Georgia Gothic erscheint am 25. März auf Vinyl und am 1. April in anderen Formaten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.