Futter für die Ohren mit Erasure, Delta Sleep, Vinnie Caruana, Albrecht Schrader und The Flaming Lips


Erasure Hey Now (Think I Got A Feeling)

Unschwer zu erkennen: Erasure mögen es Neon. Foto: Mute Records/Phil Sharp

Jetzt sind Erasure auch mit Blick auf ihre Diskographie volljährig: The Neon wird das 18. Studioalbum von Andy Bell und Vince Clarke sein. Den Opener der am 21. August erscheinenden Platte veröffentlicht das Duo schon jetzt. Hey Now (Think I Got A Feeling) (***1/2) lässt erfreulicherweise schnell vergessen, dass Erasure schon seit 35 Jahren aktiv sind. „Say it like you mean it“, heißt eine Zeile, und genau darin liegt die Stärke des Songs: Dem Gesang von Andy Bell hört man Überzeugung an, dem Rest der Musik den unerschütterlichen Glauben an die Kraft von Synthesizern und Beats. „Es ging darum, meine Liebe zu großartigem Pop zu erneuern“, sagt Andy. Auch Vince Clark bestätigt den Enthusiasmus, mit dem das Duo bei der in Atlanta und London entstandenen Platte am Werk war: „Wir werden einander nie überdrüssig. Unsere Musik reflektiert immer, wie wir uns fühlen. Andy war spirituell mit sich im Reinen, ich genauso. Das kann man hören.“ Die Strophe ist in Hey Now (Think I Got A Feeling) noch stärker als der Refrain, die gute Laune kann man in der Tat heraushören, sogar Entschlossenheit. „Neon ist ein Ort, aber kein bestimmter Ort. Es ist ein Ort, der in deiner Fantasie lebt, und den wir – du und ich – in die Realität holen können. Es kann ein Nachtclub sein, ein Shop, eine Stadt, ein Café, ein Land, ein Schlafzimmer, ein Restaurant, irgendein Ort. Es ist ein Ort der Möglichkeiten in einem warmen, leuchtenden Licht. Und diese Musik bringt dich dorthin“, erklärt Andy Bell den Titel des Albums. Passend dazu und zur Ästhetik des Lyric-Videos wird es von The Neon eine limitierte Version in neonorangenem Vinyl geben, außerdem eine Ausgabe als neongrüne Kassette.

Delta Sleep haben ganz offensichtlich mächtig Fernweh. Eigentlich wollten sie in diesem Jahr auf Welttournee gehen, doch Pandemie-bedingt wurde daraus bekanntlich nichts. Als Ersatz haben sie jetzt das audiovisuelle Projekt Soft Sounds gestartet. Die Musik entstand verteilt über vier Jahre in auf Tour aufgenommenen Sessions (als man noch auf Tour gehen konnte), die Bilder verweisen auf diverse Orte, in denen das Quartett aus Brighton schon Station machen durfte. Dazu zählen Tokio, Brooklyn, Dallas, Los Angeles und die Ägäis, die in insgesamt zehn Songs ihre Entsprechung finden. Das gerade veröffentlichte Dotwork (***1/2) wurde 2017 über den Dächern von Paris aufgezeichnet. Dass die vier Jungs nach all dem Treppensteigen außer Atem waren, ist wohl nicht der einzige Grund für den sehr ruhigen, träumerischen Sound, der toll zum spektakulären Blick über die französische Hauptstadt und Zeilen wie „Wondering what’s beyond The City’s endless limits / no one knows / rumour has it / no one’s ever been“ passt. Die Erlöse des Songs werden an Black Lives Matter gespendet.

Nicht nur Lieder, die nebenher auf Tour entstanden sind, sondern gleich ein richtiges Live-Album hat Vinnie Caruana gemacht. Live At The Black Heart (***) wurde im Dezember in der gleichnamigen Location in London aufgezeichnet, während des Abschlusskonzerts seiner Tour im UK, und erscheint am 26. Juni. „Es war die letzte Show einer lebensbejahenden Tour. Wir haben viele Weihnachtsmärkte besucht und jeweils etwa 100 Guinness getrunken. Wir konnten durch ein fremdes Land reisen, nur um Freunde zu sehen, von denen ich einige vor nahezu zwei Jahrzehnten das letzte Mal getroffen hatte. Diese Erfahrung werde ich niemals vergessen“, sagt der Sänger aus New York, der im Konzert sowohl Stücke aus seinem Solowerk als auch Lieder seiner Bands The Movielife und I Am The Avalanche spielte. „Jede Show war auf ihre Weise etwas Besonderes – aber diese letzte war eben die Kirsche auf der Torte. Das Publikum wusste nicht, dass wir eine Platte aufnehmen, somit ist das Ergebnis ein sehr reales und organisches Hörerlebnis. Ich habe ein paar Songs verhauen, aber das ist eben auch ein Teil der Sache. Long live the UK und die Verbindung, die wir teilen!“

Pubertät ist scheiße, auch wenn man aus behüteten und äußerst wohlsituierten Verhältnissen kommt, lautet die Erkenntnis in Auf dem Golfplatz, dem neuen Song von Albrecht Schrader, mit dem er das anstehende Album Diese eine Stelle (kommt am 26. Juni) einläutet. „Der Ort, wo meine Jugend glüht, ist nicht, wo Hamburg brennt / Tränen fließen unverblümt in mein Polohemd“, heißt der schönste Reim des Lieds, die Musik dazu klingt elegant, edel und stilvoll, zugleich verletzlich, grüblerisch und vorsichtig, als habe er eine bisher unentdeckte Schnittmenge aus Blumfeld und Münchner Freiheit erkundet. Das Video setzt das wundervoll um, indem es ihn manchmal zur Zielscheibe macht, manchmal auch die mondäne Umgebung genießen lässt. Das Album soll eine lupenreine Coming-Of-Age-Platte werden, kündigt er an. Nimmt man die Single als Anhaltspunkt, darf man wohl ziemlich intime Bekenntnisse eines Rich Kids erwarten.

Hinaus ins Freie zieht es auch Wayne Coyne im Video zur neuen Single Flowers Of Neptune 6 (****). Der Frontmann der Flaming Lips läuft allerdings nicht durch sattes Grün, sondern durch eine brennende Prärie. Als Fortbewegungsmittel nutzt er natürlich den transparenten Riesenball, der bei Shows der Band so spektakulär zum Einsatz kommt (wie zuletzt zu sehen bei The Soft Bulletin – Live At Red Rocks), vielleicht als Menetekel hat er die US-Fahne dabei. Als sein Bandkollege Steven Drozd ihm den Song zum ersten Mal vorgespielt habe, sei er „beeindruckt von seinem emotionalen Flow“ gewesen, sagt Wayne Coyne. „Die drei Teile schienen auf einen älteren, weiseren Geist zu verweisen, der sich an seine frühere Unschuld erinnert, dann beginnt zu lernen und zu verstehen und schließlich in Panik verfällt beim Gedanken, eins mit der Welt zu werden.“ Um das herauszuhören, muss man wahrscheinlich viel Qualm von den brennenden Feldern Oklahomas (oder andere Substanzen) einatmen, wunderhübsch, bewegend und groß ist der Song trotzdem.

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