Futter für die Ohren mit Fortuna Ehrenfeld, Kindness, Subbotnik, Alex Cameron sowie Albrecht Schrader, Hazel Brugger und Friedemann Weise


Die Lieder vom Regenradar und den Mandelviolinen Fortuna Ehrenfeld

Fortuna Ehrenfeld sind gerne kauzig – und sehr fleißig. Foto: Fleet Union/Philipp Pfeiffer

Fleißig, fleißig. Gerade erst haben Fortuna Ehrenfeld ihr vorzügliches Album Helm ab zum Gebet veröffentlicht und sind damit immerhin auf Platz 66 der deutschen Charts gekommen, da legen Martin Bechler und seine Mitstreiter bereits nach. Morgen erscheint die Überraschungs-12″ Die Lieder vom Regenradar und den Mandelviolinen. Sechs neue Stücke sind darauf enthalten, und was man erwarten darf, deutet Vereinsheim (****1/2) mehr als an. Es gibt wieder toll-romantische Außenseiter-Poesie („Ich schreib dir jeden Tag zweihundert Briefe / und schick’ sie doch nie ab“), mehr Herzblut als in ganz Rheda-Wiedenbrück (dort wegen deutschlandweit die meisten Schweine geschlachtet) und nicht zuletzt auch hier wieder ein kauziges Element, unter anderem zum Ausdruck gebracht durch die Schützenvereins-Jacke, die Bechler über seinem üblichen Pyjama-Outfit trägt. Das Video wurde gedreht von Peter Onneken mit der Bläsegruppe Seltsam in der Haldern Pop Bar. Martin Bechler verrät, das Lied „war ursprünglich eines dieser stillen, kleinen Pianominiaturen und ich suchte nach einem Klangbild, welches dieser Nummer etwas Unverhandelbares mit auf den Weg gibt. Die regelmäßige Zusammenarbeit mit der Halderner Blaskapelle schrie geradezu nach einem gewaltigen ‚Funeral March’. Der Choral am Ende ist die letzte Nummer des ‚großen Zapfenstreichs’ der Bundeswehr. Ursprünglich aber lediglich ein herzzerreißender Choral. Die Soldaten haben es gestohlen – wir stehlen es jetzt zurück.“

„Holding your hand at the strip club.“ Das ist natürlich eine wundervolle erste Zeile für die erste neue Musik von Alex Cameron seit Forced Witness, seinem 2017er Album. Miami Memory (***1/2) heißt die dazugehörige Single. Es gibt auch hier den Mix aus Eighties-Schwülstigkeit und großer Leidenschaft, die man von ihm kennt, wie in der Eingangszeile werden Momente voller Hingabe immer wieder mit Elementen der vermeintlichen Hässlichkeit gepaart, die – so ist die Botschaft wohl zu verstehen – durch Liebe zu etwas Schönem umgedeutet werden können. Im Video wird diese dekadent-tropische Erinnerung recht wortgetreu nachgestellt, der Teil mit „Eating your ass like an oyster / the way you came like a tsunami“ allerdings wohlweislich ausgelassen. Alex Cameron gönnt sich selbst die Hauptrolle, außerdem sind sein Saxophonist Roy Molloy und seine Freundin dabei, die Schauspielerin Jemina Kirke. „Schöne Erinnerungen, die wir teilen, werden in Gedanken eingefangen und mit derselben Elektrizität gespeichert, die auch unser Herz schlagen lässt“, sagt er zu dem Song, der von Jonathan Rado (Foxygen) produziert wurde. Im Herbst ist Alex Cameron auf Europatournee, in München (14.10.), Berlin (16.10.), Hamburg (22.10.) und Köln (23.10.) gibt es auch vier Deutschlandtermine.

Der Übergang ist ja heutzutage bei DJs weiterhin ein wichtiges Qualitätskriterium, ansonsten in der Welt aber offensichtlich nicht mehr allzu angesagt. Jeder grenzt sein Gebiet (oder seine Filterblase) ab, mauert sich ein, meidet den Kontakt (oder gar die Konfrontation) mit allem, was die eigene Selbstherrlichkeit stören könnte. Vielleicht haben Albrecht Schrader, Hazel Brugger und Friedemann Weise deshalb ein Lied namens Der Übergang (***) gemacht. Die Besetzung kam wohl über eine gemeinsame ZDF-Connection zustande (Schrader leitete recht lange das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld fürs Neo Magazin Royale, die anderen beiden sind Stammgäste in der heute show). Die Grenzen zwischen Ländern, Mann und Frau, Ost und West, Max Giesinger und Max Herre, Kunst und Kommerz nennen sie etwa als Beispiele für Bereiche, in denen man sich gerne an das Konzept der Dualität erinnern darf, begleitet von dezentem Funk-Rhythmus und einer Pianofigur, auf der das alle fußt. Passend dazu verschmelzen im gelegentlich psychedelischen Video auch die Gesichter der drei Protagonisten. Easy Listening als Appell für mehr Reflexion, Begegnung und Toleranz.

Dog Eat Dog, H-Blockx, Thumb, Clawfinger, Such A Surge. Wer sich an diese Bands noch erinnert, verbindet sie mit dem Begriff „Crossover“ und wird wohl hellhörig, wenn Subbotnik aus Rostock nun ankündigen, diesem Genre neues Leben einhauchen zu wollen. Mit dem von ihnen propagierten „Krassover“ meinen sie allerdings etwas ganz anderes als die Kombination von Rap und hartem Rock, wie die Single Joghurt im Rucksack (****) zeigt. „Nicht schubsen, da ist Joghurt im Rucksack / Mach’ gesund was mich kaputt macht“, heißt die wichtigste Zeile im Refrain, und nicht nur darin verbinden Subbotnik sehr gekonnt Trash und Intelligenz, Klamauk und Agitation, Experiment und Wumms. Flo (Rap), Mülli (Synthesizer/Gitarre) und Hannes (Schlagzeug) haben ihre Band nach dem Wort für freiwillige und unbezahlte Arbeitseinsätze im Dienste der Gemeinschaft benannt, das in der Sowjetunion erfunden wurde. Das ist genau richtig für alle, denen Deichkind zu konventionell geworden sind.

Adam Bainbridge alias Kindness scheint seine vierjährige Musikpause seit dem Album Otherness in erster Linie genutzt zu haben, um (neben Produzentenjobs beispielsweise für Blood Orange und Solange) eine Vorliebe für Schwedinnen zu entwickeln. Der Brite arbeitete zuletzt bei der Comeback-Single Cry Everything schon sehr hörenswert mit der unfehlbaren Robyn zusammen. Für den neuen Song Lost Without (***) hat er eine Landsfrau von ihr an Bord geholt, nämlich Seinabo Sey. Ihr Gesang dominiert den Song mühelos, obwohl durchaus auch das Fundament aus House und Funk zu glänzen versteht. Mitgeschrieben wurde der Track von Kelela, ebenfalls aus dem Solange-Umfeld, die Streicherarrangements stammen von Rob Moose, der schon für The National, St. Vincent, Interpol oder Laura Marling gearbeitet hat. Vielleicht hatte die Pause von Kindness also einen ganz anderen Hintergrund: Er hat sein eigenes Talent um ein mächtiges Netzwerk erweitert.

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