Futter für die Ohren mit Juse Ju, Von Wegen Lisbeth, Awolnation, Bright Eyes und I-FIRE


Juse Ju TNT Review

Juse Ju blickt nach links, also in die Vergangenheit. Foto: Check Your Head/Nils Lucas

Kommt Juse Ju zwanzig Jahre zu spät mit seinem Album Millennium um die Ecke? Oder ahnt er, dass das neue Jahrtausend vielleicht erst durch Corona und die Folgen wirklich eingeläutet wird? Beides ist falsch. Den Titel für seine am 19. Juni erscheinende Platte hat er gewählt, weil die Nullerjahre – die in der Rap-Welt oft als wenig spektakuläre Dekade betrachtet werden – für ihn selbst eine sehr entscheidende Phase waren. Im Jahr 2000 feierte er seinen 18. Geburtstag und im Jahrzehnt darauf machte er das, was junge Menschen tun: Zivildienst (in der geschlossen Station der Psychiatrie), Feiern, Gelegenheitsjobs (zum Beispiel als Model auf der Tokio Fashion Week), sich verlieben und Liebeskummer haben, an seinem Talent arbeiten. Die neue Platte blickt auf diese Phase zurück, im Falle der Single TNT (***1/2) auf die Zeit als Zivi und die Begegnungen mit allerlei Verrückten. Der Refrain überrascht mit einer akustischen Gitarre, in der Strophe wird es düster. Natürlich hat das auch eine aktuelle Komponenten in der Ära der Aluhüte und in Zeiten, in denen man beim Nachrichtenkonsum gerne die ganze Welt für ein Irrenhaus halten kann. Dass der Song keineswegs nostalgisch ist (oder Juse Ju in der Gegenwart nicht mehr genug findet, über das sich ein Rap lohnen würde), beweist der Schluss des Tracks: Da ist so viel Leidenschaft drin, dass die Situation sofort ins Hier und Jetzt rückt.

Vielleicht als Methadon für alle, die sich schon mächtig auf die Herbst-Termine der „Britz-California“-Tour gefreut hatten (sie ist ins Frühjahr verlegt, am 29. April 2021 soll die Show im Leipziger Haus Auensee über die Bühne gehen) haben Von Wegen Lisbeth ein Livealbum veröffentlicht. Die Entscheidung verwundert ein wenig, ist dieses Format doch sonst eher üblich bei Bands, deren Katalog schon deutlich mehr als zwei Studio-LPs umfasst (oder die ihrem lästig gewordenen Label vertraglich noch eine Albumveröffentlichung schulden). Live in der Columbiahalle räumt solche Bedenken aber schnell aus, die Berliner zeigen sich bei ihrem Heimspiel in bester Form und Laune. Aufgenommen wurden die Songs bei zwei ausverkauften Shows im November 2019. Die Platte mit 18 Songs erscheint am 22. Mai als CD und Doppel-Vinyl (inklusive gedruckter Highlights aus dem sehr amüsanten Tourblog der Band), alle Stücke und einige weitere sind zudem als Video auf Von Wegen Lisbeths YouTube-Kanal verfügbar. Westkreuz (****) ist mit Luftballons, Wall Of Death und vielen glücklichen Mädchen ein schönes Beispiel dafür, wie viel Spaß das gemacht hat.

 

Neun Jahre lang gab es kein Lebenszeichen der Bright Eyes, bis Persona Non Grata kürzlich das Comeback nach der Wiedervereinigung von Conor Oberst, Mike Mogis und Nate Walcott einläutete. Mit Forced Convalescence (***1/2) gibt es nun einen weiteren Vorgeschmack auf das anstehende Album, das bei Dead Oceans erscheinen wird. Dass das Stück vorerst nur als Lyric-Video vorliegt, ist keineswegs ein Nachteil, denn so kann man sich wunderbar auf den Kampf mit der Welt konzentrieren, den Conor Oberst auch ein Vierteljahrhundert nach Gründung von Bright Eyes immer noch führt. Einem Satz wie „I’m not afraid of the future“ kann er problemlos eine Zeile wie „Have to suffer and repeat“ folgen lassen, oder in die Verse „Pain of my own making / cut short by eternity“ so viel Selbstreflexion und Demut stecken, wie sie andere in einem ganzen Roman nicht ausdrücken können. Was mit einem fast stumpfsinnigen Schlagzeugbeat beginnt, entwickelt sich zwischendurch zu einem Spektakel mit analogen Synthesizern, Tamburin, Gospelchor, angeberischen Drums und viel Drama, bevor dann erschütternd schnell alles zu Ende ist. Auf das Album darf man sich eindeutig freuen.

 

Ein kleines Jubiläum dürfen auch I-FIRE feiern: Seit 15 Jahren tragen sie Reggae und Dancehall made in Hamburg in die Welt. Seit einer Woche ist die neue Platte Spiel mit dem Feuer am Start, das vierte Album der neunköpfigen Band, die unter ihren sechs Instrumentalisten zu dieser Veröffentlichung auch vier neue Mitglieder in ihren Reihen begrüßt. Robert „Raw“ Schlepper, einer der drei Sänger bei I-FIRE, beschreibt die klare Zielsetzung: „Wir haben uns Anfang 2019 gefragt, wo die Reise hingehen soll. Schnell war klar: Wir greifen erneut an. Das neue Album bereiten wir deshalb intensiver und durchdachter vor als die vorherigen drei.“ Ich brauch nicht viel (**), die letzte Single-Auskopplung, ist eine Ausnahme von diesem Vorsatz, die Texte von Rapper Fritz „Free“ Kschowak entstanden sehr spontan und intuitiv. Passend dazu ist er im Video (das in der Nähe von Málaga gedreht wurde) zu sehen, wie er schnell ein paar Ideen in einem Schreibblock notiert, die noch wichtigere Requisite ist allerdings die Couch, auf der er sitzt. Denn Ich brauch nicht viel ist – gemessen am sonstigen Energielevel bei I-FIRE – nämlich im höchsten Maße entspannt und wäre mit dem Begriff „Ballade“ nicht ganz falsch etikettiert. Das ist in der Botschaft ganz nett, aber insgesamt ein bisschen arg unspektakulär. Dass am Ende des Clips ein Schlagzeug verbrannt wird, ist hoffentlich kein Fingerzeig für die Zukunft von I-FIRE.

 

Rivers Cuomo hätte ein astreiner Indie-Held sein können. Er hat das Talent, er hat die Verschrobenheit, er hatte bis 1996 auch den passenden Werdegang. Doch als das zweite Weezer-Album Pinkerton als Flop betrachtet wurde, stürzte ihn das nicht nur in eine persönliche Krise, sondern trieb ihn auch mehr und mehr in die Arme des Mainstreams jenseits der eng gesteckten Credibility-Grenzen von schrammeliger Gitarrenmusik. Das hörte man fortan nicht nur der Musik von Weezer an, es zeigt sich auch in seinen weiteren Aktivitäten. Er hat mit dem Rapper B.o.B. und dem DJ Steve Aoki zusammengearbeitet, er war auch Co-Autor für Popsängerinnen wie Katy Perry oder Charli XCX. Ganz überraschend ist jetzt ein „featuring Rivers Cuomo“ bei Awolnation also nicht. In der Tat lassen sich einige Parallelen zu deren Frontmann Aaron Bruno ausmachen: Auch der ist ein perfektionistischer Alleinherrscher in seiner Band, auch der hat nach einer Sozialisation mit Hardcore-Punk ein Independent-Selbstverständnis, aber auch kein Problem mit großem Publikum oder dem Einsatz seiner Lieder für Werbespots. Auf Pacific Coast Highway (In The Movies) (***), das vom vierten Awolnation-Album Angel Miners & The Lightning Riders stammt, darf Rivers Cuomo nun die Zeilen „I slept inside of a chandelier last night / I’m always looking for the bright side of life / I’m lonely, I’m confused, and I’m glad that you’re here / Give me shiny things to stop my tears“ singen, die diesen Dualismus gut auf den Punkt bringen, begleitet von Piano-Leichtigkeit, einem Lalala-Finale und einem putzigen Animationsvideo – hübsch, aber harmlos.

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